Wasserwerfer und Tränengas auf dem Brenner

8. Mai 2016, 09:41
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Brennerpass kurzfristig lahmgelegt – heftige Zusammenstöße zwischen italienischer Polizei und Demonstranten, 18 Beamte wurden verletzt

Dreihundert Meter vor der österreichischen Grenze war Schluss. Tränengas, bengalische Feuer, Böller, auf der einen Seite die italienischen Spezialeinheiten, ihnen gegenüber vermummte Demonstranten, die meisten von ihnen ebenfalls Italiener. Was als vermeintliches Patt am Bahnhof Brenner begann, endete in einem Katz-und-Maus-Spiel in den umliegenden Wäldern – es kam zu einigen Verhaftungen.

mittelstaedt

Am frühen Nachmittag sah es noch so aus, als würde der von den Aktivisten angekündigte "Tag des Kampfes" – eine geplante Revolte gegen die Grenzkontrollen auf dem Brenner – doch nicht stattfinden. Hundertschaften österreichischer sowie italienischer Beamter und Dutzende Journalisten und Kamerateams legten den Ort lahm – was fehlte, waren die Demonstranten. Die kamen gesammelt per Zug.

Kundgebung nicht angemeldet

Plötzlich wurde es dann laut auf den Bahnsteigen. Die italienische Polizei riegelte die Umgebung ab und hinderte die Aktivisten am Verlassen des Bahnhofsgeländes. Denn die Demonstration wurde zwar in einschlägigen Internetforen angekündigt, allerdings weder auf italienischer, noch auf österreichischer Seite behördlich angemeldet.

Einige Linksaktivisten kamen dem Vernehmen nach auch mit dem Auto und versammelten sich auf einem Parkplatz etwas südlich der Ortschaft. Nach rund eine halben Stunde ließ die italienische Polizei die im Bahnhof befindlichen Demonstranten schließlich doch aus dem Gebäude auf die Straße hinaus, wo sich ein Protestzug formierte, der in Richtung österreichischer Grenze marschierte.

foto: mittelstaedt
Der Demonstrationszug setzte sich vorerst in Richtung österreichischer Grenze in Bewegung.

Zwei Lager unter Demonstranten

Das wollten die Italiener offensichtlich verhindern, der Tross stoppte auf Höhe des Outletcenters, wo es zur Konfrontation mit der Polizei kam. Unter massivem Tränengaseinsatz wichen die rund 500 Demonstranten, darunter etwa 50 Österreicher, schließlich zurück. Eine Gruppe Italiener verschanzte sich erneut im Bahnhof und lieferte sich heftige Zusammenstöße mit der Polizei.

foto: mittelstaedt
Das demolierte Polizeiauto.

Gleich zu Beginn zeichnete sich ab, dass es unter den Protestierenden zwei Lager gab: Eine Gruppe, die deutlich unauffälligere, kam mit "Peace"-Fahnen und "Refugees Welcome"-Plakaten, junge Frauen mit Blumen in den Haaren, ältere Friedensaktivisten. Ihnen voran schritten rund 250 schwarz-vermummte Demonstranten, die teilweise mit Schlagstöcken, Gasmasken und Helmen ausstaffiert waren. Die Gewaltbereitschaft dieses Blocks schockierte selbst einige Mitmarschierer: "Die schmeißen mit Steinen, das wollen wir alle nicht. Keine Ahnung, was hier plötzlich los ist", sagte ein Mädchen entrüstet.

foto: mittelstaedt
Die Polizei verfolgte einen Teil der Demonstranten auf den Gleisen.

Brennerpass lahmgelegt

Dann eskalierte die Situation erneut. Die vermummten Aktivisten flohen teils über die Geleise, teils über die Autobahn und teils über die Bundesstraße in Richtung Italien. Sie legten dabei kurzzeitig den gesamten Brennerpass lahm. Nach weiteren Zusammenstößen etwas südlich der Ortschaft gelang es der Polizei mithilfe eines Wasserwerfers die Gruppe zu zerstreuen, einige Demonstranten flohen daraufhin in die Berge. Die Polizei suchte noch bis in die Abendstunden mit Helikoptern nach ihnen.

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Auf der Straße Richtung Gossensaß endete die Demonstration unter Einsatz eines Wasserwerfers.

Nach Angaben italienischer Beamter kam es zu mehreren Festnahmen, aus Kreisen der Demonstranten hieß es, dass zwei Österreicherinnen und ein Deutscher auf der Wache Brenner festgehalten würden. Zumindest ein Polizist sei verletzt worden, sagte ein italienischer Beamter gegenüber dem STANDARD. Wie viele Demonstranten medizinische versorgt werden mussten, war vorerst unklar. Die Polizei riegelte die gesamte Ortschaft ab und durchsuchte jedes Auto und Bahnreisende. Auf österreichischer Seite beschränkte sich der Einsatz auf Fahrzeugkontrollen.

Am Sonntag bestätigte ein Vertreter der Staatspolizei in Bozen im Gespräch mit dem STANDARD, dass schlussendlich sechs Italiener verhaftet wurden. Neun Personen seien angezeigt worden. Auf Seiten der Polizei gab es 18 Verletzte. Der italienische Innenminister Angelino Alfano lobte das professionelle Verhalten der Sicherheitskräfte im Umgang mit den gewalttätigen Demonstranten. Er wie auch der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher verurteilten die Krawalle.

Schon vor rund zwei Wochen war es am Brenner zu ähnlichen Szenen gekommen. (Steffen Arora, Katharina Mittelstaedt, 7.5.2016)

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