Uni-Professor legt Studenten mit robotischer Assistentin rein

7. Mai 2016, 12:55
90 Postings

System auf Basis von IBM Watson beantwortete Mails, erinnerte an Termine und stellte Fragen

Studenten am Georgia Institute of Technology sind unfreiwillig von ihrem Professor in ein Experiment involviert worden. Denn seinem Team an menschlichen Studienassistenten hat Ashok Goel einen digitalen Neuzugang beschert. Jill Watson, so der Name, betreute die Teilnehmer eines Kurses über wissensbasierte künstliche Intelligenz seit Jänner mit, ohne dass jemand einen Verdacht geäußert hätte, es nicht mit einem Menschen zu tun zu haben.

"Sie war die Assistentin, die uns immer an Abgabetermine erinnert und in der Mitte der Woche Fragen gepostet hat, um eine Diskussion anzuregen", erinnert sich etwa Kursteilnehmerin Jennifer Gavin gegenüber dem Wall Street Journal. Ein anderer Student, Shreyas Vidyarthi, hatte sich Watson als Mittzwanzigerein vorgestellt, die gerade dabei sei, ihren PhD zu machen. "Ich war baff", beschreibt er seine Reaktion, als er erfuhr, dass Watson nur ein Algorithmus sei.

40.000 Postings ausgewertet

Goel setzte bei seiner virtuellen Assistentin auf IBMs Supercomputer "Watson", woraus sich auch ihr Nachname ableitet. Sie beantwortete auch Fragen per E-Mail und nutzte dabei auch "menschlich klingende" Formulierungen wie "Yep!" oder sprach im Namen des ganzen Teams ("Wir würden gerne..."). Selbst Barric Reed, der selbst zwei Jahre lang bei IBM an der Hardware von Watson gearbeitet hat, schöpfte keinen Verdacht.

Entwickelt wurde der Algorithmus von Forschern am Institut, die rund 40.000 Postings in den Studentenforen als Trainingsgrundlage heranzogen. Jill Watson sei in ihrer Funktionsweise nicht zu vergleichen mit den Chatbots, wie man sie etwa auf den Webseiten mancher Fluglinien findet. Sie sei deutlich fortgeschrittener und würde nur antworten, wenn ihre Berechnungen ergeben, dass die Antwort mit einer Chance von mindestens 97 Prozent korrekt ist.

Gelegentlich unterliefen ihr trotzdem Fehler, indem sie etwa anstelle der Begriffe "Projekt" oder "Prüfung" den Begriff "Design" verwendete. Einzelne Studenten hegten zwar Verdacht und scherzten aufgrund ihres Nachnamens, dass Jill Watson ein Computer sein könnte, waren sich dabei aber nie ganz sicher. Eine Online-Suche nach ihrer Identität verlief aufgrund des relativ häufig vorkommenden Namens letztlich im Sande.

Chance auf Entlastung

Goel sieht in dem Experiment große Chancen. Denn die Studenten in seinem Kurs schreiben pro Semester rund 10.000 Foreneinträge. Hinzu kommen E-Mails mit Anfragen und Auskunftswünschen.

Ein Aufwand, dem menschliche Assistenten nur schwer gewachsen sind. Künstliche Intelligenz könnte hier einspringen und einfache Tätigkeiten übernehmen, während die menschlichen Kollegen sich mit komplexeren Problemen befassen können. Er schätzt, dass Jill Watson innerhalb eines Studienjahres rund 40 Prozent aller Anfragen bewältigen könnte.

Experiment wird wiederholt

Das Experiment möchte er nächstes Jahr in etwas veränderter Form wiederholen. Dann wird er seinen Studenten vorab bekannt geben, dass sich unter den Assistenten ein Roboter befindet, allerdings nicht, welche Person genau es ist.

Ein Zugang, der auch auf Kritik stößt. So meint etwa Oren Etzioni, Chef des Allen Institute for Artificial Intelligence in Seatte: "Wir sollten offen legen, ob wir uns gerade mit einem Menschen oder einer Maschine unterhalten." (gpi, 07.05.2016)

  • Ganz so ausgereift wie die Roboter im Film "Ex Machina" ist Jill Watson noch nicht, dennoch äußerte in vier Monaten niemand einen Verdacht, es nicht mit einem Menschen zu tun zu haben.
    foto: ap

    Ganz so ausgereift wie die Roboter im Film "Ex Machina" ist Jill Watson noch nicht, dennoch äußerte in vier Monaten niemand einen Verdacht, es nicht mit einem Menschen zu tun zu haben.

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