Sadiq Khan: Ein Muslim als Bürgermeister für London

Kopf des Tages6. Mai 2016, 19:37
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Der Labour-Politiker löst den Konservativen Boris Johnson ab, dem vorgeworfen wird, das Amt bloß als Teilzeit-Job wahrgenommen zu haben

Seit Monaten hatte sich der Labour-Kandidat scheinbar unangefochten auf dem Weg ins Londoner Rathaus befunden – doch da schockten Parteigenossen die Briten mit antisemitischen Äußerungen. Würde nun die Kampagne von Sadiq Khan, als Muslim ohnehin von anderen religiösen Minderheiten, aber auch von der konfessionellen Mehrheit kritisch beäugt, doch noch ins Straucheln geraten, trotz rascher Distanzierung?

Die Mehrheit der Londoner blieb bei ihrer Sympathie für Khan, 45, und dessen energischem Wahlkampf, der die Wohnungsnot, den öffentlichen Nahverkehr und die Linderung der Luftverschmutzung thematisiert hatte. Der Anwalt – verheiratet, zwei Kinder – hat mehr als zehn Jahre Unterhaus-Erfahrung, er diente dem letzten Labour-Premier Gordon Brown als Staatssekretär, organisierte örtliche Wahlkämpfe für seine Partei.

Hassparolen, Islamophobie

"Viele definieren mich in erster Linie über meine Religion", weiß der Kandidat. Ein Muslim als Nachfolger von Boris Johnson stellt in Zeiten nationalistischer Hassparolen und Islamphobie à la Trump tatsächlich ein mächtiges Symbol dar: für die Offenheit der Weltstadt und für die gelungene Integration vieler ethnischer Minderheiten auf der Insel.

Der in London geborene Sohn einer Näherin und eines Busfahrers aus Pakistan wuchs mit sieben Geschwistern im armen Stadtteil Tooting auf, schaffte es auf die Uni und galt früh als profilierter Menschenrechtsanwalt. 2005 zog er ins Unterhaus ein, als einer von nur vier Muslimen, alle bei Labour.

Aufruf zu Integration

Bald schärfte Khan sein landesweites Profil, nicht zuletzt mit Forderungen an seine drei Millionen Glaubensbrüder und -schwestern: Britische Muslime sollten sich besser integrieren, Englisch lernen und für ihre Rechte eintreten, anstatt auf die Politik ihrer Herkunftsländer zu starren. Wichtig seien vor allem mehr Mitspracherechte für Frauen und ihre Förderung.

Khans konservativer Kontrahent Zac Goldsmith machte mit einer üblen Kampagne von sich reden, die den Gegner in die Nähe islamistischer Terroristen rückte. Die Beteuerung, es gehe weder um Rasse noch um Religion, sondern nur um Khans Urteilsvermögen, klang unglaubwürdig. Allerdings muss der neue Bürgermeister nun tatsächlich Urteilsvermögen und Kompetenz beweisen: Sein Vorgänger Johnson hatte sich weitgehend als Teilzeitbürgermeister betätigt. Vom neuen Mann erwarten die Londoner aber, dass er ihnen seine ganze Kraft zur Verfügung stellt. (Sebastian Borger, 6.5.2016)

  • Labour-Politiker Sadiq Khan löst den Konservativen Boris Johnson ab.
    foto: ap/frank augstein

    Labour-Politiker Sadiq Khan löst den Konservativen Boris Johnson ab.

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