Gefährlichkeit des Eisenstangen-Angreifers war bekannt

6. Mai 2016, 18:04
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Der 21-jährige Kenianer fiel Anrainern als bedrohlich auf – Amtsarzt wurde aber nicht bestellt

Wien – Vor drei Tagen attackierte ein 21-jähriger Kenianer eine 54-jährige Frau am Wiener Brunnenmarkt mit einer Eisenstange. Die Frau starb – über den mutmaßlichen Täter wurde am Freitag die U-Haft verhängt. Nun wird nach Gründen gesucht, warum niemand wirksame Maßnahmen setzte.

Zeit dazu hätte es genug gegeben: Francis N., der 2008 als 14-Jähriger regulär eingereist war, weil er hier Verwandte hatte – und der niemals um Asyl angesucht hatte –, lebte mindestens seit Oktober 2015 als Obdachloser am Wiener Brunnenmarkt.

Kein Einreisezertifikat

Davor war er in Schubhaft gesessen. Doch obwohl er nach zwei Vorstrafen und 18 Anzeigen 2014 vom Bundesverwaltungsgericht rechtskräftig ausgewiesen worden war, klappte die Abschiebung nicht: "Zwar gibt es Rückübernahmeabkommen mit Kenia auf EU-Ebene, aber ohne individuelles Einreisezertifikat kann es keine Rückstellung geben", erläutert Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck.

Doch ein Einreisezertifikat sei von der kenianischen Botschaft nicht ausgestellt worden. Also habe man N. auf freien Fuß gesetzt. Fortan lebte er als U-Boot in Wien. Die Polizei kontrollierte ihn häufig, auf Brunnenmarkt-Anrainer wirkte er bedrohlich. Dass er zu Aggressionen neigte, war den Behörden bekannt: 2015 hatte N. einen Mann mit einer Eisenstange angegriffen und verletzt. Die Causa wurde am Bezirksgericht verhandelt. U-Haft war daher kein Thema.

Mann verweigerte Gespräche

Zuletzt versuchten Straßensozialarbeiter der Wiener Wohnungslosenhilfe Wieder Wohnen, mit N. in Kontakt zu treten. Sie boten ihm an, ins Tageszentrum Josi zu kommen. Er lehnte ab. Nach Sozialarbeiter-Vernetzungstreffen mit der Polizei wurde ein Psychiater beauftragt, N. zu untersuchen. Dieser verweigerte das Gespräch.

Ein Amtsarzt, der N. auch gegen seinen Willen auf Fremdgefährdung hin untersuchen und ihn in die Psychiatrie einweisen hätte können, wurde laut STANDARD-Informationen nicht bestellt. Die Kompetenz dazu hätte, mit oder ohne Anregung der Sozialarbeiter, die Polizei gehabt.

Tsekas: "Systemversagen"

"Hier muss man von Systemversagen sprechen", sagt Nikolaus Tsekas, Wiener Leiter der Bewährungshilfe Neustart. Menschen, die rechtskräftig ausgewiesen, aber nicht abschiebbar seien, fielen durch alle Betreuungsnetze, sagt er. Volksanwalt Peter Fichtenbauer kündigte eine Prüfung der Umstände an, die zu N.s langem Verbleib im Land führten. (Irene Brickner, 6.5.2016)

  • An der Stelle, wo die 54-jährige, von Francis N. mit einer Eisenstange attackierte Frau starb, haben Anrainer Blumen und Kerzen aufgestellt.
    foto: standard/cremer

    An der Stelle, wo die 54-jährige, von Francis N. mit einer Eisenstange attackierte Frau starb, haben Anrainer Blumen und Kerzen aufgestellt.

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