Der Wahlkampf und der digitale Klassenkampf

Kommentar der anderen6. Mai 2016, 18:25
posten

In der ersten Runde der Hofburgwahl haben sich auch die Bruchlinien zwischen den Gewinnern und den mutmaßlichen Verlierern der digitalen Revolution gezeigt. Österreichs Politik reagiert kaum darauf

In einer im STANDARD verbreiteten Übersicht über die Ergebnisse der ersten Runde des Wahlkampfes wurde eine interessante Perspektive eingebracht: Die Ergebnisse der Wiener Stadtbezirke präsentierten sich fein sorgsam aufgegliedert nach ihrer sozialen und ökonomischen Rangordnung: Das Bürgertum in den Nobelbezirken und die Wissensarbeiter der zentralen Stadtbereiche votierten für Griss und Van der Bellen, die "Arbeiterbezirke" waren fest in FPÖ-Hand.

Es ist seltsam, dass diese Klassenschichtung der Wähler wenig Einfluss auf die Wahlkampfinhalte und auch auf die Programme der Parteien zu haben scheint. Es macht durchaus Sinn, die ökonomischen Perspektiven dieser "Klassen" näher zu betrachten, die gerade durch die Digitalisierung und Automatisierung in Mitleidenschaft gezogen werden.

So sind etwa die Aussichten für viele Arbeiter und Angestellte problematisch. Österreich ist ein Land weitgehend ohne große Konzerne und geprägt durch eine mittelständische Zuliefererindustrie, welche außerordentlich durch die Automatisierung und Robotisierung – etwa in der Autoindustrie – betroffen sein wird. Große Konzerne, wie VW, werden mit Ach und Krach versuchen, die Babyboomer ihrer Kernbelegschaft in den Ruhestand zu retten und gleichzeitig weniger und jüngere Mitarbeiter in den automatisierten Fertigungsstraßen zu beschäftigen. Diese Strategie wird zulasten der Zulieferer gehen.

Generell verlagern sich Innovationen in dieser und anderen Industrien immer mehr in Software-Hubs, die nicht in Österreich liegen. Ähnlich sind etwa Banken und Versicherungen in den nächsten Jahren einer grundlegenden Transformation ausgesetzt, in der das Kerngeschäft von anderen Anbietern attackiert wird, neue Geschäftsfelder ungewiss sind und daher Arbeitsplätze verlorengehen. Und natürlich sind diese Entwicklungen jedem Arbeiter und Angestellten klar, der beobachten konnte, wie in den letzten Jahren Plattformen, Roboter und Algorithmen menschliche Tätigkeiten übernommen haben.

Eine gewisse Aussichtslosigkeit macht sich breit: Generell wurde die Maschine stets als Konkurrent des Menschen betrachtet und nicht als etwas, das seine Fähigkeiten verstärken kann, und nun, da die Maschine zu siegen scheint, stellt sich die Frage, was mit den Menschen passieren wird.

Wenn nun die 45+-Mitarbeiter hoffen müssen, in den Ruhestand zu flüchten, so ist den Jüngeren klar, dass sie in dieser Situation ziemlich allein dastehen. Auch heute noch hat man in österreichischen Schulen und Hochschulen eine gute Chance, nicht mit Computer- und Programmierkursen in Berührung zu kommen, wenngleich wohl jedes Schulkind seine Hausaufgaben in Lerngruppen auf sozialen Medien und zumeist völlig unbemerkt von den Lehrern absolviert. Lebenslanges Lernen oder auch nur Requalifikation wird von den heutigen Lerninstitutionen insbesondere Universitäten und Fachhochschulen wenig unterstützt und steht der breiten Masse der arbeitenden Bevölkerung kaum zur Verfügung.

Wissensarbeiter

Diese Veränderungen bedeuten auch für Wissensarbeiter nicht unbedingt Vorteile. Allerdings kann diese Schicht durch Zugang zu Bildung und Netzwerken, ein anderes Selbstvertrauen, besser mit diesen ökonomischen Disruptionen klarkommen. Aber auch diese Schicht wird mit Angeboten der Regierungsparteien nicht zufrieden sein. Nur zaghaft scheint sich diese auf die Themen des neuen Arbeitens und der Bildung einzulassen. Selbst im wirtschaftspolitischen Bereich vermisst man konzertierte Programme, die etwa dem Mittelstand helfen, mit der Digitalisierung klarzukommen und regionale Cluster zu schaffen, in denen sich Unternehmen gegenseitig unterstützen und an gemeinsamen oder offenen Projekten und Patenten arbeiten.

Während die Regierung eine gewisse Visionslosigkeit an den Tag legt und einfach "weiterarbeiten will", die Grünen eher die Interessen der älteren Wissensarbeiter vertreten, wendet sich die FPÖ in einer Art "No Future"-Programm in die selbstgewählte Isolation. Das Programm "Mauer hoch und raus aus der EU" spricht vielleicht das emotionale Bedürfnis nach Sicherheit an, der latent mitschwingende Rassismus mag manchen Überlegenheit und einfache Lösungen suggerieren. Eine Abwendung von konstruktiven Lösungsmechanismen ist es allemal.

Dabei ist es nicht so, dass in Österreich nicht neue Wege beschritten würden: Die Stadt Linz ist Vorreiter in Sachen "Open Government". Die Universität Graz entwickelt mit Ihrer iMooX-Plattform erste Formate für frei zugängliches, offenes Lernen. Der von Wiener Universitäten und der Stadt Wien geförderte Inkubator INiTS zählt zu den weltweit besten. Die österreichische Sozialpolitik kommt dem in der digitalen Ökonomie notwendigen Grundeinkommen schon sehr nahe. Es gibt eine ausgezeichnete Verwaltung und viele Weltklasseunternehmen. Elemente einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik wären also vorhanden, nur wird es versäumt, den betroffenen Bevölkerungsgruppen mehr Sicherheit und Zuversicht zu geben. (Ayad Al-Ani, 6.5.2016)

Ayad Al-Ani (Jg. 1964) forscht am Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft und lehrt an den Unis Potsdam und Stellenbosch.

Share if you care.