Brut: Fiktiver Prozess gegen reale Ausbeutung

6. Mai 2016, 16:05
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Ein Verhandlungstag beim "Kapitalismustribunal" im Brut-Theater

Wien – Wolfgang Neskovic, 67, ist kein weltentrückter Schwärmer. Er war Richter am deutschen Bundesgerichtshof, Politiker für SPD, Grüne und Linke sowie Mitglied des BND-Untersuchungsausschusses. Beim "Kapitalismustribunal" des Berliner Kollektivs Haus Bartleby, das derzeit im Brut-Theater ein fiktives Gericht in Anklage vor allem des Neoliberalismus abhält, hatte er am Donnerstag die Funktion der Prozessleitung.

Thema an diesem Verhandlungstag war "Arbeit im Kapitalismus". Über Mangel an Interesse mussten die Initiatoren nicht klagen. Am Ende der fünfstündigen Verhandlung mit Beginn zwölf Uhr mittags hätten die Besucherinnen und Besucher inklusive der rund 1100 Livestream-Beobachter das Burgtheater (1175 Sitzplätze) gefüllt. Am Samstag wird über "Medien und Bildung im Kapitalismus" verhandelt, am Sonntag sind EU und Uno dran, am Montag geht es um die Umwelt, am letzten Tag um das Recht.

Von zentraler Bedeutung ist die jeweilige, täglich wechselnde Besetzung des Gerichts. Neskovics Beisitzende waren die Co-Initiatorin des Tribunals Alix Faßmann und der Ökonom Fatewei Tarekegn. Das Trio der Anklage setzte sich aus der deutschen Politikerin Lucy Redler, dem Politikwissenschafter Winfried Wolf und Haus-Bartleby-Mitglied Hendrik Sodenkamp zusammen. Und das Triumvirat der Verteidigung des Kapitalismus bildeten Dramaturg Anselm Lenz, Unternehmensberater Louis Klein sowie der Philosoph Guillaume Paoli.

Behandelt wurden unter "Arbeit im Kapitalismus" gezählte 24 Anklagen – eine Auswahl von bisher 405 eingegangenen. Die Klagen können auf capitalismtribunal.org anonym eingereicht werden und sind dort gesammelt nachzulesen. Am Donnerstag richteten sie sich etwa gegen "die Ideologie" der kapitalistischen Selbstausbeutung. Oder wiederholt gegen die Bundesagentur für Arbeit, das deutsche Gegenstück zum österreichischen AMS: vor allem wegen Demütigung der Arbeitsuchenden und Ausbeutung von Geringverdienern.

Ebenfalls wiederholt wurden die Zerstörung des Gesundheitssystems, das Hartz-IV-System und die Privatisierung der Altenpflege angeklagt. Grundsätzlich ging es um die Ausbeutung der Arbeitenden als "Humankapital", konkret auch einmal gegen Ex-Sozialminister Rudolf Hundstorfer. Die Verteidigung konstatierte häufig "bedauerliche Einzelfälle" und "Missmanagement" im speziellen Fall. Die Anklage blieb überwiegend sachlich, Neskovic leitete die Verhandlungen souverän. (Helmut Ploebst, 6.5.2016)

Bis 12. 5.

  • Vorstudie zum Gerichtshof des "Kapitalismustribunals"
    foto: haus bartleby

    Vorstudie zum Gerichtshof des "Kapitalismustribunals"

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