Digitale Anfänge und Visionen

Ansichtssache6. Mai 2016, 17:15
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Der Computer wird 75 Jahre alt. Herbert W. Franke hat als Pionier der Computerkunst mehr als sechs Jahrzehnte führend gestaltet.

Es war eine Erfindung, die die Welt radikal und rasend verändern sollte: der Computer. Er wird heuer 75 Jahre alt. Am 12. Mai 1941 stellte Konrad Zuse in Berlin die programmierbare Rechenmaschine Z3, den ersten funktionsfähigen Computer der Welt, vor.

Damals war noch nicht absehbar, welche weitreichenden Folgen dieses Gerät haben würde. Ein Dreivierteljahrhundert später nimmt DER STANDARD dieses Jubiläum zum Anlass für eine Schwerpunktausgabe zum Thema "Digitale Zukunft".

Computer haben unsere Arbeit, unsere Freizeit, unsere Mobilität, unsere Kommunikation – eigentlich alle Bereiche des Lebens – verändert. Und diese Entwicklung ist nicht abgeschlossen, sie schreitet schnell voran.

Potenzial ausloten

Darum wollen wir in dieser Ausgabe das digitale Zukunftspotenzial ausloten. Wie kann oder wird die digitalisierte Zukunft aussehen? Worauf dürfen wir hoffen und uns freuen, wovor müssen wir uns vielleicht fürchten? Stichworte: intelligente Maschinen, vernetztes Zuhause, fahrerlose Autos. Welche Entwicklungen zeichnen sich bereits ab durch die Ideen in der digitalen Pipeline? Was bedeutet das alles für unsere Vorstellungen von Individualität und Privatheit? Wo eröffnet Vernetzung Freiheit, wo schafft sie Abhängigkeit und Unfreiheit? Welche gesellschaftspolitischen Visionen haben die Computercracks von heute für die Welt von morgen?

Diese und andere Fragen werden in einer – wieder künstlerisch gestalteten – Schwerpunktausgabe am 7. Mai aus verschiedenen Perspektiven journalistisch beleuchtet und analysiert.

Diesmal konnten wir auf Werke eines Pioniers der Computerkunst zurückgreifen: Herbert W. Franke, ein Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft. In der folgenden Ansichtssache können Sie einen Querschnitt durch seine Arbeit über mehr als sechs Jahrzehnte sehen. Der 1927 in Wien geborene Franke schuf aber nicht nur elektronisch immer wieder visionäre Weltentwürde, sondern er schrieb auch als Autor von Science-Fiction-Literatur Geschichte.

Für jene Leserinnen und Leser, die keine STANDARD-Printausgabe zur Hand haben, werden alle Texte zum Thema im Lauf der kommenden Woche unter derStandard.at/DigitaleZukunft nachzulesen sein. (Lisa Nimmervoll, 6.5.2016)

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Porträt über den Künstler und Wissenschafter Herbert W. Franke

Herbert W. Franke als Science-Fiction-Autor

foto: herbert w. franke

"Einstein", 1972: Für diese Serie von Transformationen eines Porträtfotos von Albert Einstein nutzte der Computerkünstler Herbert W. Franke zur Verarbeitung des Bildes ein damals neu entwickeltes Gerät – den "Bildspeicher N" – zur medizinischen Diagnose mittels digitaler Bildanalyse. Ein Schwarz-Weiß-Foto von Einstein wurde dafür digitalisiert und transformiert.

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Franke experimentierte schon früh mit den damals verfügbaren, noch analogen Technologien. Diese elektronische Grafik etwa entstand Anfang der 1960er-Jahre.

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Die Serie "Wald" (1985) besteht aus Standbildern aus einem Programm, mit dem man aus vertikal verschiebbaren Reihen von Elementen abstrakte Waldlandschaften aufbauen kann.

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"Mondrian" (1979): Diese Werkserie, angelehnt an die Bilder des niederländischen Malers Piet Mondrian, umfasst Phasenbilder aus einem interaktiv steuerbaren Ablauf mit Toneffekten. Auch hier wieder der technologisch-künstlerische Grenzgang zwischen dem technischen Zugang, den Franke wieder selbst programmiert hat, und in diesem Fall der Auseinandersetzung mit Musik.

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"Kaskade": Franke war in vielen Disziplinen aktiv. Die hier präsentierte Werkreihe namens "Kaskade" ist ein Beispiel für die Visualisierung von Musik. Im Auftrag der Firma Apple wurden dafür im Jahr 1983 auf einem Apple IIGS die von einem Mikrofon aufgenommenen Töne mit einem von Franke selbstentwickelten Computerprogramm in bewegte farbige Linienmuster umgesetzt.

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Im Rahmen experimenteller Fotografie hat Franke für diese Werkreihe um 1955 schwingende Drähte in intermittierendem Licht durch Kurzzeitbelichtungen (zwei bis drei Sekunden) in einem verdunkelten Raum aufgenommen.

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Herbert W. Franke hat nicht nur als Science-Fiction-Autor utopische Welten literarisch erschaffen, zu seinem Werk gehören auch computergenerierte visuelle Utopien wie auf Wasser schwebende Kugelgebäude oder Hochhäuser in fantastischen Landschaften.

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"Serie Grün", 1974: Damals wurde von Siemens ein Gerät zur Ortung von Krankheitsherden im Körper durch Bildanalyse entwickelt. Die Bilder sind Ansichten des Kontrollbildschirms während der Vorbereitungen für den Druckvorgang großer farbiger Grafiken – "Glitch Art" aus dem Computer, eine Kunst des Fehlers.

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"Tropicana", 1974: Diese Werkreihe besteht aus Standbildern, die aus einem Programmlauf auf einem Personal Computer stammen. Das zufallsgesteuerte Programm begleitet die pflanzlichen Motive gleichzeitig mit der Ausgabe von Klängen. Franke, der in seiner Heimatstadt Wien Physik, Mathematik, Chemie, Psychologie und Philosophie studierte, bewegt sich mit seiner wissenschaftlich-künstlerisch-literarischen Arbeit zwischen verschiedenen Disziplinen, etwa Musik, Mathematik, Tanz oder wie hier Gestaltungen, die vom Formenschatz der Natur inspiriert sind.

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"Virtuelle Skulpturen": In der exemplarisch abgebildeten Bilderserie nutzte Franke die Möglichkeiten durch die Computertechnologie, dreidimensionale Körper perspektivisch darzustellen und ihnen physikalische Eigenschaften zuzuordnen, die in der Realität nicht möglich sind – beispielsweise die Fähigkeit des Schwebens.

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"Mona Lisa": Für diese digitalen Verfremdungen des bekannten Gemäldes von Leonardo da Vinci entwickelte Franke ein Programm für Bildbearbeitungen, mit dem sich die Farben beliebig verändern und verteilen lassen. 1959 zeigte übrigens das Museum für angewandte Kunst in Wien erstmals in Europa eine Ausstellung mit maschinell erzeugter Bildkunst – ausschließlich Franke-Werke.

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"Z-Galaxy" heißt die von Franke entwickelte virtuelle Welt. Z nach Konrad Zuse, dem "Vater" des ersten Computers. Das digital erzeugte Gelände mit Gebäuden und diversen Objekten ist ein virtuell begehbares Museum moderner Kunst.

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Herbert W. Frankes "Technoide" geben eine von künstlerischer Fantasie getriebene Vorstellung davon, wie technische Gerätschaften in Zukunft mit ungewohnten Materialien und Konstruktionen biologischen Vorbildern folgen. Unser Lebensraum wird sich also auch in seinen ästhetischen Qualitäten ändern.

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"Hommage à Eadweard Muybridge", 1989: In Anlehnung an die Serienfotografien des britischen Fotografen schuf Franke Szenenbilder eines "digitalen Balletts". Die Bewegungen einer Tänzerin wurden mit einer VHS-Kamera aufgenommen und von einem Schaltpult aus in Echtzeit digital und analog verfremdet. Das Publikum in Hannover konnte den Tanz und die Bild-Projektionen sehen.

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Ästhetisches Spiel mit Elefant: Mit einem Personal Computer tauschte Computerkünstler Franke in einem Foto des Tieres die Farben verschieden aus.

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Den Computerfilm "Rotationen, Projektionen" fertigte Herbert W. Franke 1970 im Auftrag der Experimentierbühne der Münchner Staatsoper mit einem der ersten Computersysteme an, das es erlaubte, in Bildabläufe interaktiv steuernd einzugreifen und diese Bewegungsabläufe perspektivisch darzustellen.

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Frankes Arbeiten zeichnen sich durch Multidisziplinarität aus. Die folgenden vier Bilder sind Beispiele für "Kunst mit Mathematik" mithilfe von Fraktalen, einer mathematischen Spezialdisziplin...

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Die nächsten vier Werke sind räumliche Darstellungen algebraischer Formeln.

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