Eberhard Forcher wollte was richtig Geiles machen

Blog8. Mai 2016, 10:00
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Forcher ist der künstlerische Leiter des diesjährigen österreichischen Beitrags und der davor stattgefundenen Vorausscheidung. Ein Gespräch mit dem Ö3-Journalisten und Musiker

Es war sicher keine schlechte Entscheidung des ORF, den renommierten Ö3-Musikjournalisten Eberhard Forcher für die österreichische Vorausscheidung "Wer singt für Österreich" zu verpflichten. Zum einen hat der Mann selbst eine musikalische Vergangenheit und schuf in den 80er-Jahren mit seiner Band Tom Pettings Hertzattacken den Evergreen "Bis zum Himalaya".

Ausschlaggebender ist aber seine journalistische Tätigkeit, die sich nicht nur auf das Abspielen von Hits im sogenannten Hitradio beschränkt. Seine Sendungen "Solid Gold" und "Forchers Friday Music Club" haben zahlreiche Stammhörer und -hörerinnen. Aber allem voran sein Youtube-Channel "Austrozone", in der Forcher österreichische Musiker und Bands vorstellt, macht den Mann zum besonderen Kenner der heimischen Musikszene. Dafür erhielt er 2014 einen Amadeus Award.

Forchers Stimme hat also Gewicht. Kein Musiker, kein Plattenlabel und kein Manager kann es sich leisten nicht abzuheben, wenn der 1954 in Lienz, Osttirol geborene ehemalige Lehrer anruft. Das war wohl auch der Gedanke des ORF, als Forcher den Auftrag bekam, die Acts für WSfÖ zusammenzustellen.

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Eberhard Forchers Hit aus den 80er-Jahren: "Bis zum Himalaya".

"Was im Radio funktioniert, das verstehe ich"

Seine erste Erinnerung an den Eurovision Song Contest ist weniger ein Song oder ein spezieller Jahrgang, sondern die Eurovisionfanfare. "Da wussten wir als Kinder, dass wir heute spät aufbleiben durften, und das war was Besonderes! Die hat bis heute einen positiven Klang für mich." Und der für ihn prägendste Song der ESC-Geschichte ist "Waterloo" von Abba, "weil der Song im Radio funktioniert. Ich bin ja nicht umsonst beim Radio gelandet. Ich war auch gar nicht unbedingt der große Song-Contest-Experte, und das bin ich heute auch noch nicht, aber was im Radio funktioniert, das verstehe ich."

Und so kam es, dass er oft durchaus mit einem Song mitgefiebert hat, hoffte, dass dieser gewinnt, aber der danach keine große Rolle mehr spielte, weil nicht radiotauglich. "Erst in den letzten Jahren hat sich das für mich beim ESC sehr verändert, allem voran mit Loreen. Diese Nummer war dann überall zu hören, in den Radios und in den Clubs. Da hat etwas wirklich gut funktioniert." Allerdings sieht er auch keine feste Regeln, wie man den Bewerb gewinnen kann. Das erlebte er schon früh selbst, als er mal einen Song mit Thomas Mora für eine nationale Vorausscheidung schrieb. Der Song schaffte es nicht in die Show, denn er reichte ihn dann doch nicht ein, "weil er so scheiße war". Aber es war der erste berufliche Umgang mit dem ESC für Forcher.

foto: alkis vlassakakis
Marco Schreuder im Gespräch mit Eberhard Forcher.

Das zweite Mal sollte mit einer gewissen Conchita zu tun haben: "Ich sah nach dem Sieg von Conchita das Potenzial, erkundigte mich, wer im ORF für die Vorausscheidung zuständig ist und schickte ein Konzept." 2015 machte man aber die Show mit Anna F. Heute sieht Forcher das Vorgängerformat durchaus kritisch: "Das war schon okay, was die machten, aber viele Acts waren für mich einfach nicht Song Contest." Man suchte 2015 auch einen Act für den Song Contest, und erst zum Schluss den Song. 2016 standen die Songs mehr im Vordergrund. "Sie wollten mich 2016 haben, und da hat sich meine Arbeit mit der 'Austrozone' bezahlt gemacht. Ich kenne so ziemlich alles, was gut ist in diesem Land, sehe es und setze mich damit auseinander. Ich wollte was richtig Geiles daraus machen. Ich hatte ja auch gleich zu Beginn mehrere Künstler im Kopf."

"Die ersten 15 bis 20 Kandidaten haben abgewunken"

Doch wie gespalten das Verhältnis der heimischen Musikszene zum Eurovision Song Contest noch immer ist, musste Forcher gleich zu Beginn spüren: "Ich schwöre dir, die ersten 15 bis 20 Kandidaten, die ich angefragt habe, haben alle abgewunken." Als Beispiel nennt er Lylit, "für mich das Beste, was es derzeit aus Österreich gibt". Er versuchte zahlreiche Künstler zu überzeugen, wollte sie bestärken, dass sie ihre Musik machen können und sich nicht verbiegen müssen, aber es hagelte Absagen. Lylit wollte etwa nicht an einer Casting-Show teilnehmen, wie sie ihre Absage begründete. "Ich versuchte zu erklären, dass der ESC das gar nicht ist." Auch aus dem FM4-Umfeld waren großartige Künstler schwer zu überzeugen. Zudem wollte er auch Bands und Rock in der Show haben, und die hatte er zunächst auch. "Kaiser Franz Joseph waren schon fix dabei, und sie hätten wohl sehr gute Chancen gehabt, denn sie hatten einen richtig guten Song im Rennen. In letzter Minute zogen sie sich aber wieder zurück, und so rückte Sankil Jones doch noch in die Show nach.

Warum österreichische Acts eher zögerlich an den Song Contest herantreten, während in Schweden die Musikszene sich geradezu prügelt, um an der Vorausscheidung teilzunehmen? "Das liegt ganz klar an den Platzierungen. Wenn du immer vorne mit dabei bist, dann ist die Szene auch motivierter. Österreich hatte nur Conchita vorne, sonst lange nichts. Das beflügelt nicht unbedingt." Ein weiteres Problem sieht Forcher in der "Geschmackspolizei Österreichs", wie er das nennt: "Für mich gibt es gute und schlechte Musik, und das hat nichts mit Kategorien zu tun. In Österreich glauben aber Ö3-Zugehörige, dass FM4 schlecht ist und umgekehrt. Das ist schade! Es wäre gut, wenn diese Grenzen überwunden werden könnten. Man denke einfach nur an Belgien und Lettland 2015." Deshalb war er froh, dass etwa Bella Wagner zusagte, oder dass Elly V. eine Drum-&-Bass-Nummer präsentieren konnte. Forcher ist aber auch bewusst, dass die österreichische Radiolandschaft auch eher dazu beiträgt, dass man entweder Volksmusik, Schlager oder Alternative macht, weil heimischer Mainstreampop selten gespielt wird. Zur Rolle des eigenen Arbeitgeber "darf ich aber nichts sagen".

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Die zweitplatzierte, die fast statt Zoe nach Stockholm gefahren wäre: Elly V. mit "I'll Be Around".

Eine Art österreichischen Christer Björkman wünscht sich Eberhard Forcher ebenso, jemanden, der das ganze Jahr Zeit hat, alles gut vorzubereiten. "Mir fehlte einfach viel Zeit, und eigentlich muss man im Mai schon mit den Vorbereitungen beginnen." Ob er 2017 aber wieder gefragt ist, weiß er (und der ORF) noch nicht.

"Die heile Welt ist Europa entglitten"

Und was sagt er nun eigentlich zur Siegerin Zoe? Auch Eberhard schwankte zwischen Elly V. und Zoe. "Conchita gewann, weil es war die richtige Botschaft zur richtigen Zeit, das kann man gar nicht planen. Da spielen so viele Zufälle mit." Mit Zoe ist er daher zufrieden und sieht durchaus Chancen: "Die heile Welt ist Europa entglitten, und niemand erlebt die mehr. Diese Welt kann Zoe hervorzaubern. Vielleicht funktioniert das ja, denn es gibt eine große Sehnsucht danach, davon lebt ja die gesamte Schlagerbranche. Der Song ist ja schon in der Nähe dessen, was wir Schlager nennen." Und an Schlager findet Forcher nichts Schlechtes: "Ich liebe Schlager aus den 60er-Jahren", auch wenn er privat doch lieber anderes hört. (Marco Schreuder aus Stockholm, 8.5.2016)

  • Eberhard Forcher: Der Musikjournalist machte früher selbst Musik.
    foto: ö3

    Eberhard Forcher: Der Musikjournalist machte früher selbst Musik.

  • Eberhard Forcher brachte Zoe nach Stockholm.
    foto: ebu/andres putting

    Eberhard Forcher brachte Zoe nach Stockholm.

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