Gedenkkultur: Digitales Erleben fremder Erinnerung

10. Mai 2016, 10:00
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Gedenkstätten und Museen setzen vermehrt auf technische Möglichkeiten, um die Erinnerung an die NS-Zeit wachzuhalten

Eine alte Frau sitzt in ihrem grünen Ohrensessel. Die schneeweißen Haare sind locker hinter ihre Ohren gekämmt. Um den Hals trägt sie einen kreisrunden Anhänger, der an einer goldenen Kette baumelt.

"Ich hatte eine wunderschöne Kindheit", beginnt Anna Bergman zu erzählen. Ihre Augen blicken nach oben in Richtung der Decke eines hellen Raumes, während sie ihre Erinnerungen an die Kindheit in Tschechien abruft, über ihr Studium, ihre Familie und die Heirat in Prag spricht. "Als wir uns endlich dazu entschieden haben, dass wir etwas tun müssen, war es zu spät", sagt die alte Frau. In dem Video auf der Webseite der Gedenkstätte Mauthausen erzählt sie über ihr Leben während des Zweiten Weltkriegs und ihre Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt.

Die abgefilmten Interviews wie jenes von Bergman sind ein Weg, den Gedenkstätten und Vermittler von Erinnerung an den Nationalsozialismus wählen, um dem hohen Alter und der geringen Zahl an Überlebenden entgegenzuwirken. Durch die Digitalisierung der Erinnerungen soll eines der "zentralen Mittel" von Vermittlungsarbeit auch über den Tod hinaus bewahrt werden. "Durch die Audiovisualisierung wird kein Ersatz geschaffen, aber möglicherweise ein kleiner Ausgleich", sagt Matthias Vigl vom Verein Gedenkdienst. Die Wirkung von Treffen mit Zeugen könne einfach nicht ersetzt werden: "Ob eine Gruppe vor einer realen Person oder vor einem Bildschirm sitzt und ein Video sieht, macht einen Unterschied."

Wissen der Verfolgten

Vigl betreut und organisiert für den Verein Gedenkdienst Studienfahrten an Orte und Gedenkstätten der Verbrechen des Nationalsozialismus. Dabei besuchen die Gruppen verschiedene Städte in Europa. "In der Gedenkstättenpädagogik hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert", sagt Vigl. Von Konzepten, die auf einem Schockmoment aufbauen, sei immer mehr abgegangen worden. Es würde viel eher versucht, Empathie für die Verfolgten und ihre Angehörigen zu schaffen und gleichzeitig die Akteure, Täter und Täterinnen, deutlicher zu benennen. Neue Medien würden als Methode eine immer zentralere Rolle einnehmen. Ein Good-Practice-Beispiel sei der jüdische Pavillon in der Gedenkstätte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Hier würde durch aufgezeichnete Interviews und originale Filmaufnahmen der 1920er- und 1930er-Jahre eine gewisse "Nähe" und "Unmittelbarkeit" geschaffen werden, so gut es eben ohne Zeitzeugen geht. Durch diese Videoinstallationen würden teils verschwundene und zerstörte Kulturen greifbarer gemacht werden.

Von den Besuchergruppen würden die Installationen gut aufgenommen werden, erzählt Vigl. Das Setting sei aber oft ein Problem. "Um alle Videos zu sehen, bräuchte man oft viel mehr Zeit. Die gibt es meist nicht." Leider herrsche oft ein gewisser "Druck des Weitergehens, die nächste Gruppe drängt schon nach".

Dem Faktum, dass immer weniger Zeitzeugen ihre Geschichten persönlich erzählen können, sollte laut Vigl bestenfalls aber nicht nur durch Aufzeichnungen entgegengewirkt werden. Er plädiert dafür, etwa Nachfolgegenerationen in Gespräche miteinzubeziehen. "Dabei müsste sich allerdings die Fragestellung ändern." Nachkommen von Holocaust-Überlebenden würden weniger über die Erfahrung der Eltern oder Großeltern erzählen, sondern darüber, wie die Traumata der Shoah weitergegeben werden und wie heute damit umgegangen wird.

Interesse am Austausch

Dass die Angehörigen von NS-Überlebenden ein großes Interesse an Austausch haben, bestätigt auch Andreas Kranebitter von der Uni Wien. Der Soziologe war maßgeblich an dem Projekt "Raum der Namen" in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen beteiligt. Der reale Raum ist in dem ehemaligen oberösterreichischen Lager zu besuchen. Aber auch online kann ein virtueller Rundgang auf der Webseite der Stätte eingelegt werden. Hier mit einem weiteren Feature: Von jedem Menschen, der gefunden oder gesucht wird, können die Daten abgerufen, Biografien ergänzt oder historische Dokumente hochgeladen werden.

"Es gibt das immer stärkere Bedürfnis, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen", sagt Kranebitter. Das digitale Gedenkbuch sei für viele eine Möglichkeit, selbst ihre Geschichten niederzuschreiben.

Als Kranebitter das Projekt vor zwei Jahren gestartet hat und dazu aufrief, die Geschichten der Toten zu erzählen, antworteten rund 250 Personen. 1800 Texte in zwölf verschiedenen Sprachen wurden eingesendet. Die Diversität unter den Autoren ist groß. So ist der jüngste Schreiber im Jahr 1997 geboren und der älteste 1923. "Es sind die letzten Überlebenden, die ihre Erinnerungen bewahren, bis hin zu Nachkommen der dritten Generation, die ihrer Vorfahren gedenken wollen." Das Projekt wird am 15. Mai bei der Befreiungsfeier des KZ vorgestellt.

Orte der Verfolgung

Online begehen kann man auch die europäische Landkarte auf der Plattform "Roma Sinti Genocide". Dort sind die Orte der Vernichtung der Roma und Sinti im Zweiten Weltkrieg mit kleinen Punkten gekennzeichnet. Weiß: Lager vor 1933. Grau: Anhalte- und Arbeitslager. Schwarz: Konzentrationslager. Rot: Vernichtungslager. Jeder Klick birgt Informationen über die Stätten des Porajmos – so das Romanes-Wort für den Völkermord der Roma während des Nationalsozialismus. Über die einzelnen Länder oder Themenfelder kann man sich weiter durch Biografien Verfolgter und die Geschichte der Roma und Sinti navigieren. Die Plattform ist eine Initiative von Erinnern.at. "Transnationalität hat in der Erinnerungspädagogik eine sehr große Bedeutung", sagt Werner Dreier, der Geschäftsführer von Erinnern.at. Die weltweite Vernetzung online würde viel Potenzial bieten. Dass Gedenkstätten oder Denkmäler mittlerweile virtuell besucht und abgegangen werden können, ist für ihn eine wichtige Ergänzung zu herkömmlicher Vermittlung. "Wenn ich eine Reise plane, schaue ich mir auf Street-View doch auch die Gegend an, das weckt mein Interesse."

Kein Ersatz für reale Orte

Dass Onlineangebote des Gedenkens die realen Orte aber einmal ersetzen werden, denkt Kranebitter nicht. Das zusätzliche Angebot sei zwar als Informationsquelle und als Ort des Austauschs wichtig, aber ein Besuch der Plätze des Geschehens hätte verschiedene Bedeutungen. Etwa dass eine Gedenkstätte für die Angehörigen auch als "Friedhof" eine wichtige Rolle spielt, wie Kranebitter sagt. Auch die "Beweisfunktion" mit dem "Erleben" von Artefakten, sei zentral, sagt Vigl.

Ähnlich sieht es auch Matti Bunzl, Direktor des Wien-Museums. "Die digitale Welt, in der wir leben, bringt eine Rückkehr zur Analogie", sagt Bunzl. Es herrsche wieder eine "Liebe für das Authentische".

Das Digitale diene für Bunzl nur als ein "Supplementär", das die Aura des Objekts niemals gefährden dürfe. Technik müsste einen "Mehrwert" bieten, sonst würde er sie lieber weglassen. Selbes gelte für die Aufbereitung der Geschichte und des Gedenkens an die NS-Zeit. (Oona Kroisleitner, 10.5.2016)

  • Ein Bub beim Gedenken auf einem jüdischen Friedhof in der Nähe von Theresienstadt.
    foto: epa/matej divizna

    Ein Bub beim Gedenken auf einem jüdischen Friedhof in der Nähe von Theresienstadt.

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