Saša Stanišić: Mit Sprache, Mut und Zauberei

7. Mai 2016, 17:00
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Weg von hier: Zwei Jahre nach seinem preisgekrönten Erfolgsroman "Vor dem Fest" legt Saša Stanišić mit "Fallensteller" nun einen Band mit Erzählungen vor. Die anspielungsreichen Texte bergen unter einer scheinbar einfachen Oberfläche doppelte Böden

Aufgepasst, hergeschaut! Hier kommt Freddie der Fantastische, genannt auch Freddie der Famose! Es ist ein großer Auftritt, den Ferdinand Klingenreiter in der ersten von zwölf Erzählungen in Saša Stanišićs neuem Prosaband "Fallensteller" feiert. Für ein Mal nämlich ist dieser Ferdinand nicht der leicht verschrobene, ein Leben lang bei seinem Bruder im familieneigenen Sägewerk angestellte Sonderling. Er ist an diesem Abend auch nicht der, dessen Gedanken als Kind lieber Kirschen und Träume pflücken gegangen sind, statt Schulaufgaben zu lösen. Und er ist nicht der, der sich später weder Formeln noch Verse merkte und kaum mit der Bedienung der Maschinen zurechtkam. Nein, an diesem Abend ist der 77-jährige Klingenreiter, dem mit seiner Frau Käthe der wohl einzige Mensch wegstarb, der ihn je verstand, Zauberer. Und das im Gemeindesaal, im Vorprogramm, immerhin vierzig Seelen sind gekommen, auch – und das ist für Freddie den Fantastischen wichtig – der Großneffe Felix. Um Zaubertricks oder einen persönlichen Triumph geht es dann in Stanišićs distanziert in der dritten Person gehaltenen Erzählung nur am Rand, dafür umso mehr um eingelöste und zerbrochene Illusionen und um Geschichten, solche der Familie und des Lebens.

Mit einem alten und einem jungen Mann sowie mit Zauberkunst begann schon Stanišićs erster, in mehr als 30 Sprachen übersetzter Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" (2006). Gleichsam aus dem Stand gelang dem 1978 in Bosnien-Herzegowina als Sohn eines Bosniaken und einer Serbin geborenen Autor, der im Krieg 1991 nach Deutschland emigrierte und unter anderem am Literaturinstitut Leipzig studierte, mit seinem Debüt der Durchbruch. Und dies mit einem eigenen Ton und einem Roman, in dem sich ein aus Visegrad geflüchteter Junge in Deutschland seine ehemalige Heimat zusammenfabuliert, in der ihm einst der Großvater einen Zauberhut aufgesetzt und geraten hatte: "Die wertvollste Gabe ist die Erfindung, der größte Reichtum die Fantasie. (...) Merk dir das und denk dir die Welt schöner aus."

Vor und nach dem Fest

Acht Jahre ließ sich Stanišić dann Zeit für seinen zweiten Roman Vor dem Fest (2014), der vom Leben, Lieben, Sterben und Träumen einiger origineller Typen im kleinen Ort Fürstenfelde, Deutschland Ost, handelt. Der Roman spielt irgendwann nach der Wende und erzählt von der Vergangenheit Fürstenfeldes ebenso wie von seiner tristen Gegenwart – und einer möglichen Zukunft. Der Ort ist zweifellos ein Kaff, doch es bildet sich in ihm das ganze Universum ab. Alles, was es in Fürstenfelde nicht gibt, gibt es nicht. Alles, was in der Welt geschieht, geschieht auch in Fürstenfelde. Leicht haben es die Fürstenfelder nach der Abwicklung der DDR und der eigenen Zukunft im Roman nicht. Halt finden sie im kleinen Kreis, einem trotz allem unverbrüchlichen Miteinander.

Figuren mit wenigen Worten plastisch werden zu lassen und zu charakterisieren ist neben dem versöhnlichen Blick, den er auf menschliche Schwächen richtet, eine der Stärken dieses Autors. Dazu kommen Humor und ein Talent, erzählerisch eine Atmosphäre zu schaffen, die noch das Schwerste und Traurigste ganz leicht scheinen lässt. Das ist in diesem neuen Erzählband nicht anders. Viele Figuren in "Fallensteller" sind Möglichkeitsmenschen, die das, was ist, nicht wichtiger nehmen als das, was nicht ist. Sie leben in einem feinen Gespinst aus Einbildung, Träumerei und Vorstellungen und fabulieren vor sich hin. Und dies wohl wissend, dass das, wovon sie sprechen, nie so schlimm sein kann wie das, worüber sie schweigen.

Da ist etwa Jörg, den eine "Schüchternheit vor der Welt" und große Ohren in der Klasse zum Außenseiter machen, von dem ein Ich-Erzähler in der Geschichte "Im Ferienlager im Wald berichtet". Oder da ist in der zweiten Erzählung des Bandes ein Zar des Billardsalons, ein melodramatischer, großer Russe, ein "Monarch, Tänzer, Troubadour, jemand, der auch noch Trost brauchte, wenn er siegt". Und da wäre noch der arme Justiziar Georg Horvath, Hauptfigur von drei zusammenhängenden Erzählungen, der in Brasilien ein Geschäft besiegeln soll, eine Neu-Verwortung (sic!) der Welt wagt und durch eine Namensverwechslung in einer Vogelstation landet. Und da sind schließlich Mo und ein Ich-Erzähler, die als Dilettanten, Diebe und Dauerreisende in drei Erzählungen ihr Unwesen in halb Europa treiben.

Die längste und gelungenste, dem Buch seinen Titel gebende Erzählung führt zurück nach Fürstenfelde. Das Fest ist vorbei, das Personal dasselbe, die kollektive Wir-Form, in der erzählt wird, auch. Wobei sich einiges verändert hat, Herr Schramm etwa, der sich in "Vor dem Fest" noch umbringen wollte, hat sich wieder gefangen, eine Frau gefunden und seinen Alkoholkonsum "stark auf wenige Bierliter täglich reduziert".

Träume und Menschen fangen

Vor allem aber taucht ein Fallensteller auf, der in Reimen redet. Es handelt sich um eine mystische Figur, die mit ihrem "Gepäck voll Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei" aus dem Nichts kommt. Der Neuankömmling, der eine gehörige Unruhe stiftet, kann offensichtlich mit Tieren reden und Träume und Menschen fangen. Zuweilen äußert er sich auch politisch zu einem Thema, das in den Erzählungen öfters anklingt: "Europas größte Fallen ... Sich Ressourcen krallen, bis vor Ort sich Fäuste ballen ... Waffen liefern, Kriege schüren, dann verschließen jene Türen, die vom Blutvergießen in Sicherheit führen".

Insgesamt hinterlässt dieser Band, der auch einige überarbeitete, in Printmedien publizierte Erzählungen enthält, einen etwas inhomogenen Eindruck. Was allerdings bei Erzählsammlungen, die je nach Leservorliebe stärkere und weniger gelungene Texte enthalten, in der Natur der Sache liegt. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, der Verlag habe den Rückenwind, den der Autor seit dem Preis der Leipziger Buchmesse für "Vor dem Fest" hat, ausnutzen und möglichst schnell auf Biegen und Brechen ein Stanišić-Buch herausbringen wollen. Zwingend mag das nicht sein, zum Schaden des Lesers ist es aber auch nicht, denn man verweilt gern in Stanišićs von Tieren belebtem Erzählkosmos, der unter einer scheinbaren Einfachheit immer einen doppelten, manchmal dreifachen Boden birgt.

Und es ist kein Zufall, dass in einer der Erzählungen ("It's okay. It's also not okay") Kafkas Parabel "Der Aufbruch" zitiert wird, in der ein Diener seinen Herrn fragt, wohin er reite, was denn sein Ziel sei. Die Antwort: "Weg-von-hier – das ist mein Ziel." Auch Saša Stanišićs Protagonisten sind Vielherumgetriebene, manchmal Gebeutelte, die noch dann, wenn sie innehalten, in Bewegung bleiben, indem sie in ihrem Inneren dem Echo von Eindrücken und Erinnerungen lauschen, die nicht zum Verstummen zu bringen sind.

Wilhelm Genazino konstatierte in seiner Poetikvorlesung "Die Belebung der Toten Winkel", die Penetranz der Warenwelt mache den Flaneur zum Streuner, sie sei mit ein Grund für die Fluchtförmigkeit seines Umherstreifens. Darauf hinzuweisen, dass nicht nur die Räume denjenigen bestimmen, der sie durchstreift, sondern dass es auch umgekehrt sein könnte, war schon immer ein Privileg der Literatur. Stanišićauf Windsohlen gehende Figuren pochen darauf. (Stefan Gmünder, Album, 7.5.2016)

Saša Stanišić: "Fallensteller"
Luchterhand-Verlag, München
EURO 20,60 / 280 Seiten

  • "Dem Starken ist jeder Ort Heimat", zitierte Saša Stanišić in seinem letzten Roman Ovid. Doch was, wenn man schwach ist, fragt der Autor in seinen neuen Erzählungen im Band "Fallensteller ".
    foto: katja sämann

    "Dem Starken ist jeder Ort Heimat", zitierte Saša Stanišić in seinem letzten Roman Ovid. Doch was, wenn man schwach ist, fragt der Autor in seinen neuen Erzählungen im Band "Fallensteller ".

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