Catalin Dorian Florescu: Ist Glück Schicksal?

10. Mai 2016, 13:16
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In "Der Mann, der das Glück bringt" erzählt Florescu von Glückssuchern, Glückskämpfern und jenen, die das Glück lebenslang meidet

Das erste Bild dieses farbenprächtigen Romans ist ein großes. Kindersärge, viele kleine, überwiegend weiß bemalte Särge, die sich an der Mole stapeln. Um hinübergebracht zu werden nach Hart Island im Long Island Sound und dort auf dem Armenfriedhof Potter's Field beigesetzt zu werden.

Es ist New York kurz vor 1900. Eine Stadt des Elends und der gesellschaftlichen Gegensätze. Hier jene, die das Gilded Age, die US-Variante der Gründerzeit, genießen. Dort die Mehrheit von 99 %, die nicht weiß, wovon sie leben soll. Dazu immer wieder neue Einwanderwellen.

Zwischendrin in der Bowery, dem Elendsbezirk an der Südspitze Manhattans, der Zeitungsjunge Paddy. Und mit diesem Jungen, der elf oder zwölf Jahre alt ist, genau weiß er, das Waisenkind, es selber nicht, hat der 1967 in Rumänien geborene und 1982 in die Schweiz übersiedelte Catalin Dorian Florescu den vielleicht faszinierendsten Protagonisten seines literarischen Werks geschaffen.

Denn Paddy, der sich je nach Situation auch als jüdischer Bub, Berl, oder als Italiener namens Pasquale ausgibt, lässt er, ausgezeichnet recherchiert, durch Straßen flitzen, Zeitungen verkaufen, öfters gerade nur um ein Haar überleben, mit zwei Dutzend anderen notdürftig in einem Kohlenkeller übernachten, den besten Freund in einem Schneesturm verlieren, haarsträubend Glück haben und diverse Milieus, vom frommen jüdischen Gänsezüchter bis zu billigen Bordellen und grotesken Freakshows, erleben. Er wird zum Dieb, zum Verräter ohne jedes Gewissen – denn Gewissen ist eine ihm, der durchaus daran glaubt, vom Mond auf die Erde gefallen zu sein, gänzlich unvertraute Kategorie -, und zum Mörder. Seine gute Singstimme hilft ihm manchmal, Entertainer will er werden, professioneller Sänger. Der Tod seiner italienischen Frau, einer an den Kommunismus glaubenden Näherin, 1911 bei einem Brand in einem Sweatshop, die Notausgänge waren von innen nicht zu öffnen, verschlägt ihm buchstäblich die Stimme.

Magischer Realismus

Parallel dazu erzählt Florescu das Leben von Elena, die 1919 im rumänischen Donaudelta nahe dem Städtchen Sulina in Armut geboren wird. Die Mutter entpuppt sich als kaltherzig, der unnütze Vater ertrinkt im Suff, der eigentliche Erzeuger ist ein naiver Fischer mit großem Herz und einem noch größeren Staunen vor den Wundern der Natur. Eine ganz andere Umgebung also, von Florescu mit suggestiv rhythmisiertem magischem Realismus geschildert, ohne je ins Märchenhafte abzugleiten. Denn der Schrecken bricht in das Leben Elenas, die Friseurin wird und sich nach New York sehnt, in Gestalt von Lepra ein. Sie wird in einer völlig vernachlässigten und von der Außenwelt fast vergessenen Krankenkolonie lebenslang interniert. Dort findet sie allerdings auch ihre beste Freundin.

Hier ist Florescu auf der Höhe seiner Schreibkunst. Hier gibt es Passagen, die zum Besten, zum Dichtesten, zum atmosphärisch Gelungensten zählen, das er jemals zu Papier brachte. Und dann verbindet er dies mit der Fast-Gegenwart. Paddy-Berl-Pasquale, der 1967 stirbt, mit seinem Enkel Ray, und Elena mit ihrer Tochter, der sie ihren Namen gibt. Und damit setzen die Probleme des Romans ein. Denn so schlüssig, so klug und leichthändig der historische Part geraten ist, so merkwürdig dünn der Schlussteil.

Ray, Mitte der 1950er-Jahre geboren, tritt seit den 70er-Jahren als Imitator von Komikern der 40er- und 50er-Jahre und als singender Kellner auf, mit geringem Erfolg. Elena hingegen wird, 1960 geboren, als Baby aus der Leprakolonie herausgenommen. Sie wächst bei rumänischen Pflegefamilien auf, wird mit 18 Textilarbeiterin und ist dies nun seit mehr als 20 Jahren. Ihr Leben ist emotional weitgehend leer. Im New York des Jahres 2001 treffen die beiden aufeinander. Elena will den letzten Wunsch ihrer verstorbenen Mutter, die sie nicht kannte, erfüllen: ihre Asche in New York verstreuen. Ray hat mehrere spärlich besuchte Abendauftritte an einer kleinen Off-Off-Broadway-Bühne. Elena dann direkt das Attentat auf das World Trade Center miterleben, staubüberzogen in Rays Kellertheater stolpern und die beiden dann in der Nacht auf den 12. September 2001 sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen zu lassen ist, mit Verlaub, nicht nur dramaturgisch geschmacklos.

Ray – nebenbei gefragt: Woher nimmt dieser mediokre Imitator den von Florescu so oft wiederholten Anspruch, "der Mann, der das Glück bringt", zu sein? Und wieso ist ausgerechnet nach ihm der Roman benannt? – und Elena sind die uninteressantesten, sind die am wenigsten überzeugenden Charaktere des Buches. Sie zwei Jahre später in Rumänien ein Happy End erleben zu lassen mutet nur in Maßen überzeugend an. Dass es in diesem zu einem großen Teil wirklich großen Buch um Glückssuche und Intensität, um Sehnsucht und den Kampf ums eigene Ich geht, hat man da längstens schon verstanden. (Alexander Kluy, Album, 10.5.2016)

Catalin Dorian Florescu: "Der Mann, der das Glück bringt".
C.-H.-Beck-Verlag, München
EURO 20,60, 328 Seiten.

  • Autor Catalin Dorian Florescu lässt den Leser die gewaltige Entfernung zwischen den Sümpfen Südosteuropas und dem Wunschziel vieler Europäer, New York, hautnah fühlen.
    foto: c.h.beck

    Autor Catalin Dorian Florescu lässt den Leser die gewaltige Entfernung zwischen den Sümpfen Südosteuropas und dem Wunschziel vieler Europäer, New York, hautnah fühlen.

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