Leben vor dem Internet: Paradigmenwechsel auf meinem Schreibtisch

7. Mai 2016, 11:00
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Kaum vorstellbar, aber wahr: Es gab ein Leben vor Windows und Internet – und das war gar nicht so schlecht

Als ich im Herbst 1988 meine Diplomarbeit schrieb, hatte sich in den vier, fünf Jahren meines Studiums einiges fundamental geändert. Zu Beginn hatte ich meine Seminararbeiten noch auf einer Kugelkopfschreibmaschine getippt. Für die Diplomarbeit aber hatte die Familie Ruzicka einen Personal Computer angeschafft.

Das war etwas ziemlich Neues, geradezu ein Paradigmenwechsel. Mein begutachtender Dozent Ingfrid Schütz-Müller kapierte nicht recht, wie sehr sich das Arbeiten geändert hatte: Ein Kapitel umschreiben? Kein Problem! Den Aufbau umdrehen? Aber klar! Teile vorn rausnehmen und hinten dazufügen? Logo! Und wenn das alles nicht passt, wieder retour? Macht nichts!

Wir Ruzickas dürften zu den Ersten gehört haben, die privat einen solchen "persönlichen Computer" besaßen. Es gab zwar schon Rechner für Private, die waren aber eher zum Spielen gedacht.

Taiwanesischer Nachbau

Unserer stammte nicht von der damals die Computerwelt dominierenden Firma IBM. Von dieser wäre ein Rechner für uns viel zu teuer gewesen. Deshalb war es ein Nachbau aus Taiwan, den ein findiger Wiener Jungunternehmer günstig importiert hatte.

Kurz die Daten: Es war ein Redstone PC/XT mit 20 MB Harddisc, zwei 5,25 Diskettenlaufwerken und 640 KB Hauptspeicher, im Vergleich zu heute lächerlich wenig. Ergänzt wurde das Ganze von einem gelblich schimmernden 12-Zoll-Bernsteinmonitor sowie einem 9-Nadel-Drucker. Das Betriebssystem war DOS 2.11.

Ich schrieb die 135 Seiten Diplomarbeit mit dem Textverarbeitungsprogramm Wordstar, einem der ersten Textverarbeitungsprogramme überhaupt. Für Tabellen wurde Framework benutzt.

Wordstar

An das Textverarbeitungsprogramm Wordstar denke ich noch heute an und wann mit Wehmut. Vor allem dann, wenn ich mich wieder einmal durch die unsäglich vielen Möglichkeiten von Microsoft Word quäle. Die Benutzung von Wordstar, erinnere ich mich, war einfach und intuitiv. Da gab es ein Feature, das ich "Blockverschieben" nannte. Man holt etwas heraus und stellt es woanders wieder hin. Für heutige Verhältnisse klingt dies nach no na, aber es war phänomental. Man spürte förmlich, wie der Rechner arbeitete, um den Befehl abzuarbeiten.

Das heute übliche Versenden von Dateien via E-Mail existierte natürlich auch noch nicht – wie es überhaupt das Internet nur ansatzweise an Universitäten und Forschungsinstituten gab. Die Übergabe von Texten an Dritte mittels handlichen USB-Sticks lag auch erst in der Zukunft. Wann immer ich eine neue Version oder auch Teile der Arbeit vorlegen wollte, musste ich sie ausdrucken. Je umfangreicher das Werk wurde, desto mehr ging es an die Kapazitätsgrenzen des Druckers. Er erhitzte sich, und ich musste die Arbeit in ein, zwei Tranchen ausdrucken.

Solche Pausen gönnte auch ich mir. Dann spielte ich Prince of Persia, später das leicht sexistische Leisure Suit Larry. Das waren nicht die überkandidelten, multimedial aufgepeppten Fantasyspiele von heute. Sie waren viel langsamer. Wie bei einem alten Spielautomaten musste man Geschick und Reaktionsschnelligkeit mitbringen, um zu gewinnen – und Klammeraffengriffe einsetzen, um die Helden durch die Hürden zu bugsieren. (Johanna Ruzicka, 7.5.2016)

  • Die Rechnerkonfiguration etwa 1992 mit damals neuem Bildschirm.  Hinsichtlich der Familienkonfiguration kam Alexander dazu.
    foto: thomas ruzicka

    Die Rechnerkonfiguration etwa 1992 mit damals neuem Bildschirm. Hinsichtlich der Familienkonfiguration kam Alexander dazu.

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