Wie Arbeit und Kapital an Wert verlieren

9. Mai 2016, 09:00
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Um digitale Güter an die Konsumenten zu vertreiben, braucht es wenig Geld

Im Vergleich zu Go gilt Schach als Kinderspiel. Bei dem alten chinesischen Brettspiel gibt es deutlich mehr potenzielle Züge. Es war eines der letzten, das Menschen besser beherrschten als Computer. Bis heuer eine Google-Software den europäischen Champion schlug. Was der Sieg eindrucksvoll zeigte: Die Welt ist technikgeschichtlich an einem Wendepunkt. Künstliche Intelligenz ist kein Hirngespinst mehr.

Nach Jahren des Scheiterns vieler Ideen fahren Autos autonom, Software identifiziert ein menschliches Antlitz zuverlässiger als viele Personen, und bei manchen Krebsdiagnosen sind Rechner präziser als Ärzte. Computer können Aufgaben übernehmen, die man nur Menschen zutraute – eine Entwicklung, die erst am Anfang steht und Wertschöpfungsketten, Geschäftsmodelle, Preise und Werte grundlegend verändern wird.

Einen ökonomischen Paradigmenwechsel stellt etwa der US-Ökonom Jeremy Rifkin in seiner vollmundigen Art mit der "Null-Grenzkosten-Gesellschaft" in Aussicht. Im freien Wettbewerb steigt die Produktivität stetig, die Preise fallen, bis sie keine Gewinne mehr einbringen, Unternehmen sterben und mit ihnen die Jobs: So sieht Rifkin die Zukunft.

Kosten-Nutzen-Rechnung

Was hinter seiner Vision steckt, ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung bei der Produktion. Wer etwas herstellt, bezahlt Arbeitskräfte, Maschinen, Material- und Entwicklungskosten. Die Grenzkosten sagen etwas darüber aus, in welchem Ausmaß die Kosten steigen, wenn eine Einheit zusätzlich produziert wird. Durch die ersten Fabriken im 19. Jahrhundert sind sie gesunken, Computer verschieben sie weiter. Eine Software zu entwickeln kostet viel Geld – sie beliebig oft zu vertreiben, via Download oder als CD, ist billig.

Ab einer bestimmten Produktionsmenge kann für null Cent ausgeliefert werden. Eine Formel aus der digitalen Wirtschaft, die auch vor der Welt der physischen Produkte nicht haltmachen wird, glaubt Albert Wenger, einer der erfolgreichsten Risikoinvestoren in den USA und Harvard-Absolvent in Wirtschaft und Computerwissenschaft. Die Solartechnik macht Kunden zu Produzenten, in China werden Autos ausgedruckt. Weil immer mehr – auch spezialisierte – Aufgaben von Algorithmen übernommen werden, verliert Wengers Ansicht zufolge Arbeit an Wert. "Eine Krebsdiagnose kostet so gut wie nichts mehr."

Für entscheidend hält er einen weiteren Faktor: Aufmerksamkeit sei in diesem Kosmos die neue knappe Ressource. Das Kapital verliere als wichtigster Wachstumsfaktor an Bedeutung, denn anders als zur Zeit der Industrialisierung mangelt es daran nicht. Profitieren würden zuallererst Riesen wie Google, Facebook & Co. Sie liefern über ihre Plattformen zu null Grenzkosten aus – über genug Kapital verfügen sie auch. Die richtigen Regeln, um mit ihrem Wachstumshunger umzugehen, fehlen, sagt Wenger. Traditionellen Branchen graben die neuen – siehe Airbnb und Uber – Ertragsquellen ab. Wer gewinnen und wer verlieren wird, ist offen.

Rifkin sieht die Sache so: Konsumenten produzieren via 3-D-Drucker selbst und tauschen in der Hightech-Community. Mag sein, kontert Wenger: Nur brauche es dafür neue Regeln. Politisch, gesellschaftlich und ökonomisch. (Regina Bruckner, 9 .5.2016)

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