Online-Dating und Cybersex: Liebe in Zeiten der Digitalisierung

7. Mai 2016, 16:00
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Datingportale und Smartphones verändern unser Liebesleben – ebenso wie frei verfügbare Onlinepornografie

Mehr als 680.000 Österreicher sollen laut einer Umfrage aus dem Jahr 2013 bei einem Online-Datingportal angemeldet sein. Mittlerweile dürfte man an der Million kratzen, denn Plattformen wie Parship oder Tinder haben an ihrer Popularität nicht eingebüßt.

Wie viele Menschen sich allerdings tatsächlich über Partnerbörsen verlieben, ist fraglich. Die Zahlen dazu schwanken stark, US-Studien weisen bis zu 60 Prozent aus, während das Allensbach-Institut 2013 einen einstelligen Prozentanteil nannte.

Doch auch abgesehen vom ersten Kennenlernen strahlt der Computer auf das Liebesleben aus. Für einige Menschen ist er das Einstiegstor zur Sexualität. In den USA hat sich mit der "NoFap"-Community bereits eine Gemeinschaft junger Männer gebildet, die nicht mehr zu Onlinesexfilmen masturbieren wollen. Sie denken, dass erotische Clips das Sexualverhalten prägen und den Genuss von echtem Sex unmöglich machen.

Pornografisierung

Das Internet habe zu einer "Pornografisierung" der Gesellschaft beigetragen, wie der Psychologe Gary Wilson erklärt. Er hat sich ausführlich damit beschäftigt, wie regelmäßiger Pornokonsum die Gehirnaktivitäten beeinflusst. Freilich handelt es sich bei den Betroffenen nur um einen geringen Prozentsatz an Männern, außerdem sind Wilsons Thesen umstritten.

Doch klar ist: Onlinepornografie verändert die Gesellschaft. So zeigen Studien, dass heterosexuelle Männer, die viel Pornografie konsumieren, eher zu einer Unterstützung der Ehe für Homosexuelle neigen. Ganz allgemein liberalisieren Onlinepornos ihre Nutzer.

Die Kehrseite: Vergangenes Jahr outeten Hacker zahlreiche Nutzer der Seitensprung-Website "Ashley Madison", die sich an verheiratete Nutzer richtete. Das führt gleichzeitig dazu, dass sich Eifersucht durch die Kontrolle von Smartphone und Computer des Partners stärker ausleben lässt.

Virtuelle Seitensprünge

Aber ist beispielsweise Cybersex, also schriftlicher oder audiovisueller Kontakt mit anderen Personen, schon ein Seitensprung? Solche Fragestellungen dürften sich mit der Etablierung von "Virtual Reality" (VR) verschärfen. Zwar fehlen immer noch Geruch, Geschmack und Berührung – für manche ja die wichtigsten Elemente beim Sex; Cybersex wird dennoch so realistisch wie nie zuvor.

Erste VR-Pornos sorgen ob ihrer Unmittelbarkeit bereits für Erstaunen bei Nutzern. Interessant wird, wie die IT-Konzerne, die VR massenfähig machen wollen, mit dem erotischen Angebot umgehen werden.

Neben VR ist auch das Feld der künstlichen Intelligenz ein Bereich mit Zukunftspotenzial – auch, was Sex und Liebe betrifft. So wollen einige Hersteller mit "smarten Sexpuppen" den Markt erobern. "True Companion" verspricht etwa, dass ihre Modelle über "Aktien und Fußball" plaudern können, bevor es ans Eingemachte geht. Kunden können Persönlichkeit und Aussehen der Puppe nach ihren eigenen Vorstellungen modellieren.

Sex mit Robotern

Der Forscher Henrik Christensen prophezeite schon 2006, dass Menschen "in den nächsten fünf Jahren" Sex mit Robotern haben werden. Mittlerweile schreiben wir 2016, die ersten smarten Puppen wurden bereits ausgeliefert. Sie rufen auch wegen einer weiteren Degradierung des Frauenbilds Kritik hervor.

In Großbritannien läuft etwa eine Kampagne gegen derartige Puppen, weil diese "Klischees am Leben halten", wie die Forscherin Kathleen Richardson zur BBC sagt. Manche Nutzer berichten, dass sie ihre Puppe nicht nur zum Sex benutzen, sondern sich tatsächlich verliebt haben.

Die Liebe zum Computer wird auch in der Kunst thematisiert. Der Kinofilm "Her" zeigte, wie sich ein Nutzer in ein intelligentes Betriebssystem verliebte, das ihn nicht durch Körperlichkeit, sondern Charme beeindruckte.

In der Fernsehserie "Black Mirror" können Angehörige von Verstorbenen hingegen ihren Liebsten durch einen Roboter wieder zum Leben erwecken. Dessen Persönlichkeit wird durch Social-Media-Einträge des Verstorbenen generiert. Er soll einen vollwertigen Ersatz ausgeben. Egal, ob "Black Mirror" oder "Her": Gut geht das Liebesabenteuer mit dem Computer am Ende nicht aus. Der Mensch bleibt die bessere Alternative – auch wenn man ihn über Tinder kennenlernt. (Fabian Schmid, 7.5.2016)

  • Mit der richtigen Brille adjustiert in die virtuelle Pornowelt eintauchen, ohne einem anderen Menschen wirklich zu begegnen.
    foto: apa / afp / john m. glionna

    Mit der richtigen Brille adjustiert in die virtuelle Pornowelt eintauchen, ohne einem anderen Menschen wirklich zu begegnen.

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