Motherhood: Regretting to refuse revolt

Kommentar8. Mai 2016, 11:00
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Auflehnen statt akzeptieren! Iro Abendrot darüber, was sie am Phänomen "Regretting Motherhood" stört

Als feministische Mutter bekomme ich immer wieder Hinweise auf Medienbeiträge zum ach so neuen Phänomen "Regretting Motherhood". Und alle denken, ich müsse es doch auch toll finden, dass über dieses Thema nun auch in den Mainstream-Medien diskutiert wird. Generell: Ja, es ist nicht nur toll, sondern hochnotwendig, dass über Themen, die Frauen und Mütter betreffen, diskutiert wird. Die Frage ist nur, wie darüber diskutiert wird, unter welchen Vorzeichen und unter welchem Titel. "Regretting Motherhood" ist für mich ein eindeutig falscher Titel. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Implizite Schuldzuweisung

Der erste Grund: Der Titel "Regretting Motherhood" enthält eine implizite Schuldzuweisung, die als Tabubruch getarnt daherkommt. Sie analysiere die Dimension eines Tabus, heißt es im Klappentext zum titelgebenden Buch der israelischen Soziologin Orna Donath. Als hätten nicht seit jeher Mütter darüber geklagt, dass Kinder oft eine Belastung für sie darstellen, wird hier so getan, als wäre hier durch die Autorin oder die 23 interviewten Frauen ein Bruch mit gesellschaftlichen Tabus provoziert worden, ganz ähnlich wie wenn Nina Hagen im "Club 2" das Masturbieren demonstriert oder Liv Tyler in einer Fernsehshow konsequent nur "Vagina" sagt. Die schlichte Tatsache, dass Mütter sich manchmal denken, dass das Leben ohne Kinder leichter, schöner, angenehmer wäre, wird zum großen Rabenmutterskandal aufgebauscht.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind 23 Befragte auch äußerst gering, um damit ein Phänomen einer Generation zu beschreiben. Aber was wird ihnen unterstellt, wenn sie die Kinder manchmal wegwünschen? Warum ist das Thema ein so großes Tabu? Als Soziologin nennt Donath natürlich gesellschaftliche Kontexte als Grund dafür beziehungsweise tun das die von ihr befragten Frauen auch selbst. Aber aufgrund des Titels wird in der medialen Rezeption das persönliche Bereuen, das Aussprechen gegen das Mutterglück in den Vordergrund gestellt, das individuelle Zaudern. Weil im Hinterkopf immer die Medea'sche Absicht der Kindstötung mitschwebt, auch wenn diese natürlich nur gedanklich stattfindet.

Unbeholfener Trostspender

Der zweite Grund: Der Titel "Regretting Motherhood" reduziert ein Thema auf eine Gruppe von Menschen, nämlich die Mütter. "Eines ist sicher: 'Regretting Motherhood' betrifft viele Frauen. Dieses Buch macht sie sichtbar und zeigt ihnen: Sie sind nicht allein", so der Klappentext des Buches "Wenn Mutter sein nicht glücklich macht" von Christina Mundlos, das im deutschsprachigen Raum noch vor der Übersetzung von Ornaths Studie erschien und diese auswertete. Zwar analysiert auch Mundlos, ebenfalls Soziologin, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und diskutiert politische Lösungen. Doch angelegt (und in der Rezeption so besprochen) ist das Buch als Ratgeber für Betroffene. Für mich klingt das wie ein unbeholfener Trostspender.

Individualisiertes Problem

Der dritte und wichtigste Grund: Der Titel "Regretting Motherhood" individualisiert ein Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Ja, die gesamte Gesellschaft! Es betrifft nämlich nicht allein Mütter, sondern genauso a) kinderlose Frauen. Denen wird bei solchen Diskussionen nämlich meist implizit ihre Kinderlosigkeit vorgeworfen und dass sie sich dem Leidensdruck, den Kinderhaben durchaus zum Teil mit sich bringen kann, unsolidarisch entziehen würden. Es betrifft b) aber genauso die Väter, die mit ein wenig Glück ihre Frauen bei der Kindererziehung unterstützen – aber sich nur in den seltensten Fällen als gleichwertig verantwortliche Erziehungsperson sehen.

Die Autorin Sarah Fischer untertitelt ihr Buch "Die Mutterglück-Lüge" mit "Warum ich lieber Vater geworden wäre" und bringt damit zum Ausdruck, dass sie es dann leichter habe, sich weiterhin auf ihren Beruf und ihre persönliche Erfüllung zu konzentrieren. Und sie bringt damit zum Ausdruck, die herrschenden gesellschaftlichen Normen eigentlich anzuerkennen, nur lediglich ihre Rolle innerhalb dieses Systems tauschen anstatt das System verändern zu wollen. Das jedoch ist kein wirkliches Kratzen am Mutterbild.

Zuschreibungen und Erwartungshaltungen

Aber zurück zu mir, und warum mich der Begriff "Regretting Motherhood" so stört. Vorweg: Ich bereue meine Mutterschaft nicht, zumindest meistens nicht. Aber ich behaupte, dass alle Eltern, die diese kleine Einschränkung nicht machen, lügen. Ich muss dabei immer an diese großartige Werbung denken, in der sich ein Trotzphasenkind vor dem Süßigkeitenregal im Supermarkt schreiend auf dem Boden windet und die sich darum scharende Menschenmenge in diesem Fall den dazugehörigen Vater anstarrt, bis dieses Bild des Grauens mit dem Schriftzug "Use Condoms" aufgelöst wird.

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Ungewöhnlich, dass in diesem Fall einen Vater die vorwurfsvollen bis feindseligen Blicke treffen, denn Vätern wird in solchen Fällen meist eher Mitleid zuteil, der unausgesprochene, aber mitgedachte Vorwurf gilt dann eher den Frauen, die ihre Männer in dieser Situation alleinlassen mit der Überforderung.

Aber von solchen Extremsituationen abgesehen, gibt es natürlich so einiges, was ich im Zusammenhang mit der Mutterschaft bereue. Nur würde ich dies nie mit "Regretting Motherhood" beschreiben, denn dies alles hat eigentlich nichts mit Mutterschaft an sich zu tun, sondern mit einer nach wie vor tendenziell antifeministischen, prokapitalistischen und wenig solidarischen Gesellschaft: nämlich diesen nicht selten bis zum Burnout belastenden Kreislauf an Zuschreibungen und Erwartungshaltungen mitgetragen zu haben, der dazu führt, dass andere Mütter die Ursachen dafür in ihrer Mutterschaft sehen und nicht, wie es eigentlich richtig wäre, in der Gesellschaft, die diese unterstützen und forcieren.

Trotz aller offiziellen Versuche, mehr Männer in die Elternkarenz zu bringen, übernehmen nach wie vor hauptsächlich Frauen die Kinderversorgung. Und das sowohl über längere, "arbeitsfreie" Karenzzeiten hinweg wie auch trotz Berufstätigkeit im Akutfall, zum Beispiel bei einer Krankheit der Kinder. Ist auch logisch, denn bei der Person, deren Verdienst durchschnittlich um 25 Prozent geringer ist, betrifft der Verlust des Arbeitsplatzes das Familieneinkommen eben wesentlich weniger.

Zwischen Selbstaufgabe und Burnout

Davon abgesehen, ist es jedoch auch ein allgemein vermitteltes Mutterbild, das Frauen dazu bringt, ihren Beruf, ihre Interessen, ihre Freundschaften, ihr Sexualleben aufzugeben. Nicht selten wird es zum wahren Mutterkult verklärt – und das über alle sozialen Schichten hinweg und quer durch alle politischen Tendenzen: Strammen rechten Müttern, familienorientierten konservativen Müttern, linksalternativen Kuschelmüttern, ihnen allen wird die gleiche Botschaft mitgegeben: Eine Mutter, die ihre Kinder liebt, kümmert sich um diese bis zur Selbstaufgabe. Eine Mutter, die das irgendwann nicht mehr will, weil sie ihre Bedürfnisse wieder entdeckt oder weil sie vielleicht lange versucht hat, alles unter einen Hut zu bringen und dabei völlig ausgebrannt ist: "Regretting Motherhood".

Spätestens hier sollte nun allen klar werden, was mich an dem Begriff "Regretting Motherhood" so stört: Dür das erschöpfte Aufgeben der Freude an der Mutterschaft wird hier die Schuld der Mutter zugeschrieben beziehungsweise schlimmer noch: Sie schreibt sich die Schuld selbst zu, anstatt zu erkennen, was sie in diese Situation gebracht hat und sich laut dagegen aufzulehnen – nicht allein gegen schlechte Bedingungen seitens der öffentlichen Hand, sondern gegen ihr näheres Umfeld: ihren Mann, ihre Familie, nicht zuletzt gegen ihren Freundeskreis. Gegen die kinderlosen Freundinnen und Freunde, die sich darüber beschweren, dass mit ihr nichts mehr anzufangen sei, seit sie Kinder hat, und sie sich mehr oder weniger von ihr abwenden, anstatt sich solidarisch zu zeigen und mal abends auf ein Bier vorbeizukommen oder zum gemeinsamen Kochen.

Milf und unbezahlte Sorgearbeit

Würden Frauen, Mütter sich mehr um sich und ihre Freundinnen kümmern, könnten davon auch die Partner profitieren. Dass Milf (Mother I'd like to fuck) einer der meistgesuchten Begriffe auf Pornoseiten ist – derzeit auf Platz fünf, direkt vor Mom –, sorgt immer wieder für süffisante Erheiterung. Dabei ist es doch nicht weit hergeholt zu denken, dass diese Typen sich insgeheim wünschen, mit ihrer eigenen Frau nur annähernd sexuelle Erlebnisse zu haben, wie sie sie aus der Zeit vor den Kindern erinnern. Nur wenige können an diese Zeiten fast nahtlos anknüpfen. Denn nach Studien, die besagen, dass selbst berufstätige Frauen etwa 80 Prozent der unbezahlten Sorgearbeit übernehmen, wurde nun festgestellt, dass sogar Frauen, die Haupternährererinnen der Familie sind, einen Großteil dieser Arbeiten leisten. Nicht unbedingt, weil sie dazu gezwungen werden, sondern weil sie sich gesellschaftlich dazu gezwungen fühlen.

Partner, Milf-Googler (oder auch nicht), habt ihr euch mal überlegt, wie ihr mit echtem 50:50 dazu beitragen könntet, dass sich eure Frauen besser fühlen und mehr Lust auf Sex haben? Da muss etwas von euch kommen und als Selbstverständlichkeit der halben Verantwortung in einer wirklich gleichberechtigten Partnerschaft gelten und nicht als nett gemeintes Helfen. Denn wie Jochen König es so schön ausdrückte: "Wenn der Vater das zehnte Mal fragt, wo die Windeln seien, ist es nicht Schuld der Mutter, wenn sie genervt wieder die Windeln selbst wechselt."

Das alles bereuen Frauen – und nicht, dass sie Mütter geworden sind! Deshalb ist es wichtig, dass das, was derzeit unter dem Titel "Regretting Motherhood" diskutiert wird, diskutiert wird. Aber es sollte nicht unter dem Titel "Regretting Motherhood" passieren. "Ich bereue, mich nicht gegen diese scheißunsolidarische, antifeministische, kapitalistische Gesellschaft aufgelehnt zu haben", wäre vielleicht eine Alternative. Zugegeben, ein bisschen lang und sperrig. Aber es geht auch kürzer und international verständlich, deshalb bin ich für die Einführung eines neuen Titels für diese Diskussion: "Regretting to refuse revolt" – RRR.

PS: Als Soundtrack für den Anfang empfehle ich "Let's be bad" von Childbirth. (Iro Abendrot, 8.5.2016)

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  • Trotz aller offiziellen Versuche, mehr Männer in die Elternkarenz zu bringen, übernehmen nach wie vor hauptsächlich Frauen die Kinderversorgung.
    foto: istock

    Trotz aller offiziellen Versuche, mehr Männer in die Elternkarenz zu bringen, übernehmen nach wie vor hauptsächlich Frauen die Kinderversorgung.

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