Igor Levit: "Mich nervt das Gerede von den höchsten Sphären"

Interview6. Mai 2016, 11:48
2 Postings

In den nächsten Wochen gastiert der vielgelobte russisch-deutsche Pianist gleich zweimal in Wien

STANDARD: Ihre aktuelle CD bietet mit Bachs Goldberg-Variationen, Beethovens Diabelli-Variationen und dem Zyklus "The People United Will Never Be Defeated!" von Frederic Rzewski eine ungewöhnliche Kombination. Was verbindet für Sie die drei Werke, außer dass alles Variationen sind?

Igor Levit: Variationen an sich sind schon immer faszinierend. Bei diesen drei Werken, die für mich in den letzten zehn Jahren mit die wichtigsten überhaupt geworden sind, kommt ein Aspekt dazu, der für mich bedeutend ist: Es werden größere Fragen gestellt, sodass es weniger darauf ankommt, was mit einem Thema geschieht, als was eigentlich mit uns geschieht. Es geht um Haltungsfragen, darum, ein Miteinander zu erleben – mit transzendenten, aber auch politischen Facetten.

STANDARD: Wie sehr lässt sich das konkretisieren?

Levit: Die menschlichen Aspekte lassen sich etwa nachvollziehen, wenn man hört, wie Beethoven mit dem Thema umgeht. Was er eigentlich damit macht – er macht sich lustig, er zerstört es, er umarmt es, er liebkost es, er schlägt es, lacht es aus –, das alles machen wir Menschen jeden Tag. Jeder von uns fühlt sich manchmal wie dieses kaleidoskopische Stück.

STANDARD: Sie wollen die Kunst zurück in den Alltag holen?

Levit: Mich nervt dieses Gerede vom Übermenschlichen, von den höchsten Sphären, in die große Komponisten eindringen. Das sind menschliche Werke für uns Menschen, damit wir sie spielen und wir sie lieben und wir uns damit ausdrücken. Auch das eint diese drei Kompositionen.

STANDARD: Wie sehen Sie da die Funktion des Interpreten?

Levit: Meine Hauptaufgabe ist ganz klar: Musik unter die Menschen zu bringen. Ich sehe es nicht als meine Hauptaufgabe an, in den Kern des Werkes vorzudringen. Das ist mein Privatleben – das mache ich zu Hause. Aber das kommuniziere ich nicht gegenüber dem Publikum. Dem Publikum gegenüber habe ich die Haltung, dass ich spiele und wir gemeinsam das Werk erleben. Daraus entstehen erst die Fragen.

STANDARD: Na ja, Sie haben aber schon den Anspruch, der über das reine Spielen hinausgeht: Inwieweit spielt die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz Ihres Tuns eine Rolle?

Levit: Ich bin Bürger des Landes, in dem ich nun einmal lebe: Ich bin Freund meiner Freunde, Sohn meiner Eltern, Leser von Zeitungen und Beobachter von Dingen. Ich sehe meine Umwelt und bin für mein Umfeld mitverantwortlich. Ich schreibe keine Artikel und halte normalerweise keine Reden. Mein Verarbeitungsfeld für das, was ich erlebe, ist das Musikmachen. Damit teile ich all mein Erleben mit. Dagegen kann ich mich gar nicht wehren. Was in mir schlummert, was in mir kocht, was mich wütend oder glücklich macht – all das kommt hier zu Geltung.

STANDARD: Polemisch gefragt: Warum beschäftigt sich jemand wie Sie, der in die Werke des klassischen Repertoires so tief eindringt, so intensiv mit zeitgenössischer Musik? Das ist ja eine Ausnahme.

Levit: Ich finde die Einstellung vollkommen absurd, sich auf eine Tradition zu berufen, deren Exponenten selbst das Gegenteil gelebt haben. Haydn oder Beethoven waren so nah am Puls der Zeit wie nur möglich. Jetzt in ihrer Musik als Vergangenheit aufgehen zu wollen: Das ist doch bizarr!

STANDARD: Was war Ihr Zugang zur Gegenwart?

Levit: Ehrlich gesagt bedurfte es bei mir der Begegnung mit Frederic Rzewski vor zwölf Jahren. Aber dann war es für mich eine Lawine. Ich habe mich intensiv mit Feldman, Stockhausen oder auch Widmann beschäftigt. Und ich bin, glaube ich, der einzige Pianist, der je einen ganzen Klavierabend mit Werken von Matthias Pintscher gespielt hat. (Stefan Ender, 6.5.2016)

Igor Levit wurde 1987 im russischen Nischni Nowgorod (ehemals Gorki) geboren, im Jahr 1995 übersiedelte er mit seiner Familie nach Deutschland. Sein Talent als Pianist wird international geschätzt, er wurde bereits als "der faszinierendste junge Pianist der Gegenwart" (Süddeutsche Zeitung) oder "einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts" (FAZ) beschrieben.

8. 5. , 19.30, Musikverein (Bach, Beethoven, Schubert, Prokofjew)

5. 6., 21.00, Konzerthaus / Wiener Festwochen (Rzewski)

  • Igor Levit: Der bescheiden wirkende Künstler ist ausdrücklich interessiert an den brennenden Themen der Gegenwart.
    foto: apa/epa/ursulaüdueren

    Igor Levit: Der bescheiden wirkende Künstler ist ausdrücklich interessiert an den brennenden Themen der Gegenwart.

Share if you care.