Stockholm: Unterwegs im Trendviertel Södermalm

10. Mai 2016, 05:30
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In einer gigantischen Glaskugel in Stockholm findet ab 10. Mai der 61. Song Contest statt. Davor liegt der Stadtteil Södermalm, in dem das alte industrielle Erbe, neue Lokale und Vintage-Shops zum Trendviertel verschmelzen

Ausgerechnet dort, wo Stockholm schon ein wenig abgegriffen aussieht, ist die Stadt am lebendigsten. Hübsche Häuser in satten Ockertönen und mit engen Giebeldächern, wie sie Astrid Lindgren in Karlsson vom Dach beschrieben hat und wie sie gleich gegenüber in der Altstadt Gamla Stan zu finden sind, sucht man im ehemaligen Arbeiterbezirk Södermalm vergeblich. Stattdessen taucht ganz am Ende der zentralen Straße Götgatan eine weiße Riesenkugel auf.

foto: reuters/tt news agency/henrik montgomery
Der Stockholm Globen

Der Stockholm Globen wird ab 10. Mai den Eurovision Song Contest beherbergen. Das letzte Mal sorgte er vor sechs Jahren für Schlagzeilen – zumindest in der lokalen Presse. Da wurde er mit gläsernen Gondeln aufgerüstet, die nun an der Außenhaut nach oben gleiten und für feine Panoramablicke sorgen. Dass diese gigantische Veranstaltungshalle ursprünglich einer spleenigen Idee entspringt, haben aber selbst die meisten Anrainer längst wieder vergessen: Der Globen bildet als "Sonne" den Mittelpunkt des weltweit größten Modells unseres Sonnensystems – im Maßstab 1:20.000.000. Die "Planeten", zumeist ebenfalls Gebäude, wurden quer über Stockholm und ganz Schweden verteilt.

Anziehendes Viertel

Vom Song-Contest-Fieber im Inneren der Mehrzweck-Sonne ist in Södermalms Szenelokalen wenig zu spüren. Dazu ist man hier viel zu intensiv mit dem eigenen Erfolg beschäftigt: Seit sich ein Teil des Viertels SoFo nennt – die Abkürzung für South of Folkungagatan lehnt sich an das New Yorker SoHo-Viertel an –, zieht es immer mehr Künstler und Designer hierher. Und spätestens seit Krimiautor Stieg Larsson seine Protagonistin aus Das Mädchen mit der Drachen-Tätowierung über Stiegen und durch Hinterhöfe dieses rauen Stadtteils hasten ließ, ist Södermalm Kult.

foto: robert haidinger
Auf dem Weg von der Stockholmer Altstadt zum aktuellen Austragungsort des Song Contest kommt
man durch Södermalm. Das ehemalige Arbeiterviertel ist heute das kreative Epizentrum der Stadt.

Larssons Lieblingslokal Kvarnen, in dem auch Konzerte und Stand-up-Comedy veranstaltet werden, stellt die perfekte Initiation für diesen Mikrokosmos dar. Im Idealfall geht es mit einer jener SoFo-Nights weiter, die an jedem letzten Dienstag des Monats für Partystimmung sorgen – mittels Late-Night-Shopping, Livemusik und schwedischer Snacks.

Postindustrielles Viertel

Die hohe Dichte an Vintage-Geschäften und Concept-Stores sorgt im Viertel für kurze Wege. Da wäre etwa Herr Judit in der Hornsgatan 65, ein regionales Mekka für Männer auf der Suche nach passenden Vintage-Hemden und Denim-Versatzstücken. Der Concept-Store Grandpa mischt lieber skandinavische Labels wie Minimarket, House of Dagmar oder Whyred mit Schmuck und alten Weckern aus aller Welt und präsentiert sie auf 1970er-Jahre-Möbeln. Schließlich lautet die SoFo-Zauberformel: nur ja nichts von der Stange.

foto: ap/karl ritter
Eines der zahlreichen Cafés.

Die Lokalszene schlägt in dieselbe Kerbe: Im Rockabilly-Café Louie Louie servieren Baristas auch rares Vinyl, und im Urban Deli gehören der Granatapfel-Quinoa-Salat und handgemachte koreanisch-vegane Reiswaffeln zum typischen Menü eines postindustriellen Viertels. Wer sich in SoFo treiben lässt, hat die DNA solcher Shops schnell im Gespür: eine starke Dosis Retro für alle Fälle – bei Frisuren, Kleidung und Musik –, dazu weiche Ökostoffe und vegane Delis für das gute Gewissen.

All das weiß auch Emy Blixt, die keine echte Södermalm-Eingeborene ist – ihre Erfolgsgeschichte hat in Skåne begonnen. Dort stolperte die südschwedische Englischlehrerin über einen Lagerbestand von rund 300 Paar Holzschuhen und schaffte binnen weniger Jahre das unerwartete Revival der Cloggs. Als es darum ging, eine geeignete Verkaufsfläche für ihr Kultlabel Swedish Hasbeens zu finden, fiel die Wahl nicht schwer: natürlich SoFo. "Weil hier der Puls der Zeit schlägt", fügt sie hinzu.

Weniger Eisenwaren

Die frei kombinierbaren Lifestyle-Module scheinen in diesen Straßenzügen wöchentlich mehr zu werden, während die Eisenwarenhändler allmählich ganz verschwinden. Auch Julia Neilsen, eine Grafikdesignerin, die am Londoner Spitalfields Market auf die Idee kam, es einmal mit Flamingo- und Fahrrad-Ohrringen zu versuchen, landete irgendwann hier. Heute hält ihr knallbunter Showroom Hipp! fröhliche Kinderkleider und schräge Serviertabletts bereit.

foto: ap/karl ritter
Concept-Stores und ...

SoFo ist voll solcher Storys, bei denen Vertrautes mitunter nur neu interpretiert wird. Mathias Pilblad, der ausgerechnet in Italien die perfekte Faschiermaschine für Schwedens berühmte Köttbullar entdeckte, setzt diese nun exzessiv in seinem Meatballs for the People ein – für Fleischbällchen in den Varianten Elchfleisch-Schwammerl oder Rentier-Portwein. "Natürlich gibt es alle 14 Sorten auch als Meatballs to go", sagt er.

Knotenpunkt für Imbissesser

Gelernte Stockholmer legen schon auf dem Weg nach Södermalm eine Pause bei den Imbissständen auf dem Verkehrsknotenpunkt Slussen ein und knabbern weiche Brötchen mit frischem Dill-Strömling. Diese Heringsart genießt in Schwedens Hauptstadt Kultstatus. Dahinter zieht ein Relikt der Industrialisierung die Aufmerksamkeit auf sich: der denkmalgeschützte Stahlaufzug Katarinahissen, der das Södermalm-Steilufer ab 1883 zuverlässig überwand, bis dessen Mechanismus vor fünf Jahren den Geist aufgab.

Wer Södermalm weiter auf der Suche nach alten Geschichten durchstreift, wird anderswo auch noch fündig: Gegen den Abriss der Münchenbryggeriet, einer ehemaligen Brauerei an der Uferstraße Söder Mälarstrand, traten einst prominente Schwedinnen wie Astrid Lindgren auf. Heute wirbeln dort Tanzpaare durch die weitläufigen Säle.

foto: ap/karl ritter
... englische Buchshops dürfen nicht fehlen.

Der wahren Vintage-Queen des Arbeiterviertels hängt man aber am baumbestandenen Greta-Garbo-Platz nach. Der Platz erinnert an das 1905 geborene Einseifmädchen eines Friseurs in Södermalm, das von hier aus zum Stummfilmolymp aufstieg.

"Neues Leben in alten Gemäuern" – diese Devise gilt westlich des Viertels auf dem Inselchen Långholmen. In einem Gefängnis aus dem Jahr 1724, das 1978 endgültig den Betrieb einstellte, finden sich heute Wohnungen und ein Themenhotel. Wer mag, bucht dort das Package "Prisoner for one day" – inklusive Schnellurteils, Bewachung und eines dreigängigen Prison-Party-Menüs. (Robert Haidinger, 10.5.2016)

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