Die besten jungen Rednerinnen und Redner

6. Mai 2016, 09:36
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Mobbing im Internet, Sich-fremd-Fühlen, Kinderrechte: Über brisante Themen sprachen die Teilnehmenden des Jugendredewettbewerbs wienXtra

"Ich gehe durch die Gassen und sehe kleine, zurückgezogene Familien, die große unbelebte Häuser ihr trautes Heim nennen. Und mit den Kratern und den Staubkörnern auf dem Mond vertraut sind und doch die Tür an Tür wohnenden Nachbarn nicht kennen", liest Anni Liu (Akdademisches Gymnasium) aus ihrem Slam-Text vor. Er handelt von hohem IQ versus emotionale Verkümmertheit, vom Wissen um wahr und falsch und dem Unvermögen, danach zu handeln. Davon, dass Menschen immer nach mehr suchen – "das meiste, das Beste, das Schönste und das Billigste" – und damit trotzdem nicht glücklich sind.

Mit ihrem Text "Paradoxe" überzeugt Liu die fünfköpfige Jury – und gewinnt den Jugendredewettbewerb wienXtra in der Kategorie "Neues Sprachrohr", bei der Form und Thema der Präsentation nicht vorgegeben sind.

Der gute Rat: Spaß haben

Der Wettbewerb wird jährlich von wienXtra-schulevents in Kooperation mit der MA 13 und der Arbeiterkammer Wien veranstaltet. Die Idee: Schüler und Schülerinnen sollen sich mit Themen zu Wort melden, die ihnen am Herzen liegen. Insgesamt 16 Teilnehmende treten an diesem Montagnachmittag im Wiener Rathaus gegeneinander an. Sie haben sich in Vorausscheidungen für das Landesfinale qualifiziert – nun sollen sie parallel im Wappensaal und im Gemeinderatssitzungssaal überzeugen.

foto: wienxtra
Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jugendwettbewerbs wienxtra.

Moderator Eric Berdaguer, der im vergangenen Jahr zu den Landessiegern gehörte, hat einen Rat für die Kandidaten parat: "Habt einfach Spaß, alles andere wird sich dann von selbst ergeben."

Reden über Zusammenhalt

Die Reden der Jugendlichen sind direkt, ehrlich und berühren. Nicht nur die Jury, sondern auch die Zuhörerschaft, großteils Freunde der Teilnehmenden.

Die 15-jährige Nadine Kasses (Polytechnische Schule Floridsdorf) spricht über Mobbing, von dem sie bereits selbst betroffen war, sowohl in der Schule als auch im Internet. Sie appelliert an ihr Publikum: "Versetzt euch doch einmal in die Lage der Opfer." Kasses' Offenheit honoriert die Jury mit dem ersten Platz in der Kategorie "Klassische Rede: Polytechnische Schulen".

foto: andy urban
Zoé Herscovici (Lycée Français) sprach über Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit. Sie wurde dafür vom Publikum zur Tagessiegerin gewählt.

Volkan Babus (Polytechnische Schule Währing) berichtet vom "Fremdsein im eigenen Land": "Was mich am meisten nervt, sind Sager wie: Für einen Türken sprichst du echt gut Deutsch!" Beschimpfungen auf der Straße würden ihn ebenso hart treffen wie Berichte in manchen Zeitungen. "Wahrscheinlich haben die meisten Menschen Angst vor Fremden, das müssen sie aber nicht." Zurückhaltung in der Integrationsdebatte, findet Babus, ist nicht mehr angebracht. "Österreich verändert sich, und wir müssen zusammenhalten."

Weitere "Slams"

Der Slammer Ahmed Zeyd Aytac (Akademisches Gymnasium) legt mit "Nebel" eine dichterische Meisterleistung hin, die bekannten Poetry-Artisten wie Julia Engelmann um nichts nachsteht. "Ich suchte die schönste Perle im Glanz, die schönste Kerze im Kranz, nach dem perfekten Rhythmus im Tanz, nach dem besten Ergebnis in der Bilanz, der schönsten Blume im Jetzt und Hier. Hab sie gefunden inmitten von dir und realisierte: Es ist für die Ewigkeit."

foto: wienxtra
Kategorie Neues Sprachrohr im Gemeinderatssitzungssaal des Wiener Rathauses.

Sinem Ertürk (Phönix Realgymnasium) bedient sich für die Präsentation ihres Textes gar einer Gitarre – und wird dafür von der Jury im Gemeinderatssitzungssaal zur Tagessiegerin gekürt.

Das Publikum klatscht, johlt, feuert an. Ginge es nach der Lautstärke des Applauses, gäbe es an diesem Tag nur Sieger. "Es können aber leider nicht alle weiterkommen", bedauert Moderator Berdaguer.

Zum Finale nach Graz

"Ich gehe durch die Straßen und sehe nur Menschen, keine Menschlichkeit" , so beendet Anni Liu ihre Rede. "Solange es nur ein Ich gibt und kein Wir, nur ein In-der-Zukunft und kein Jetzt und Hier – so lange wird das Paradoxe niemals verschwunden sein." Ende Mai wird Liu den Text abermals, in Graz beim Bundesredewettbewerb, vortragen. (lib, 6.5.2016)

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