Raketen auf syrisches Flüchtlingslager: 30 Tote

6. Mai 2016, 06:47
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Trotz Waffenruhe – Brennende Zelte, viele Verletzte, mit einem Steigen der Opferzahl ist zu rechnen

Damaskus – Bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager in Syrien sind UN-Angaben zufolge mindestens 30 Menschen getötet worden. Darunter seien auch Frauen und Kinder, teilte die Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag mit. Aufgrund der Anzahl von Schwerverletzten werde noch mit weiteren Toten gerechnet. Der Angriff ereignete sich in der Nähe der Stadt Sarmada in der Provinz Idlib an der Grenze zur Türkei. Wer dafür verantwortlich war, war zunächst unklar.

Zwei Mal getroffen

Das Lager sei zwei Mal direkt getroffen worden, sagte ein Oppositionsaktivist aus der nahe gelegenen Stadt Atmeh, der mit Personen in der Nähe des betroffenen Lagers in Kontakt stand. "Mir wurde gesagt, dass viele Zelte brannten."

In dem Lager hatten viele Familien aus den zuletzt heftig umkämpften Gebieten um die Städte Aleppo und Palmyra Zuflucht gesucht. Die Verletzten würden zur Behandlung in die Türkei gebracht.

Agentur: Assad verantwortlich

Der Chef der in Aleppo ansässigen und den Rebellen nahestehenden Nachrichtenagentur Shahba, Mamun al-Khatib, machte die syrischen Streitkräfte für die Angriffe verantwortlich. Zwei Kampfjets der Luftwaffe hätten vier Raketen auf das Lager abgefeuert, sagte al-Khatib. Zwei Raketen seien nahe dem Camp eingeschlagen und hätten eine Panik ausgelöst; zwei weitere hätten das Lager direkt getroffen, mehrere Zelte hätten Feuer gefangen. In sozialen Onlinenetzwerken verbreitete Aufnahmen zeigten Helfer bei dem Versuch, brennende Zelte zu löschen.

Russland hat Vorwürfe einer möglichen Beteiligung am Angriff zurückgewiesen. "Wir haben die Daten für den Luftraum aufmerksam analysiert. Russische Flugzeuge waren dort nicht unterwegs", sagte Generalmajor Igor Konaschenkow am Freitag der Agentur Interfax zufolge in Moskau. Er machte die radikale Al-Nusra-Front verantwortlich. "Nach dem Grad der Zerstörungen, die auf Fotos und Videos zu sehen sind, könnte der Beschuss durch Mehrfachraketenwerfer absichtlich oder versehentlich erfolgt sein – und zwar durch die Al-Nusra-Front, die in diesem Gebiet aktiv ist", sagte Konaschenkow.

UN fordern Untersuchung

Die Vereinten Nationen haben den verheerenden Angriff scharf verurteilt. Falls das Camp bewusst als Ziel ausgesucht worden sei, könnte es sich um ein Kriegsverbrechen handeln, hieß es in einer Stellungnahme des UN-Nothilfekoordinators Stephen O'Brien am Donnerstag (Ortszeit). O'Brien sprach von mindestens 30 Toten und mehr als 80 Verletzten.

Der UN-Nothilfekoordinator forderte eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls. "Anhaltende Kämpfe und Luftangriffe bedeuten, dass wehrlose, verängstigte Kinder, Frauen und Männer keinen Zufluchtsort haben", mahnte O'Brien. Mogherini und der EU-Kommissar für Humanitäre Hilfe, Christos Stylianides, forderten alle Konfliktparteien auf, Zivilisten und zivile Einrichtungen wie Schulen und Kliniken zu schützen.

Auch die Sicherheitsberaterin von US-Präsident Barack Obama, Susan Rice, äußerte sich schockiert und erklärte, für einen solchen Angriff auf Zivilisten gebe es keine Rechtfertigung. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sprach von einer schweren Verletzung humanitären Völkerrechts.

In der 30 Kilometer entfernten Stadt Aleppo schien die von den USA und Russland ausgehandelte Feuerpause am Donnerstag unterdessen weitgehend zu halten. Die US-Regierung befürchtet jedoch, dass es teilweise weiterhin zu Kampfhandlungen kommt.

Assad: Kampf bis zum "finalen Sieg"

Auf Kritik stieß die Äußerung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, nicht nachzugeben, bis die Rebellen in Aleppo und anderswo vollständig besiegt seien. Das US-Außenministerium rief Russland auf, seinen Einfluss auf Assad diesbezüglich geltend zu machen. Dieser hatte sich in einem Telegramm an den russischen Präsidenten Wladimir Putin für die militärische Unterstützung bedankt und angekündigt, seine Einheiten würden bis zum "finalen Sieg" weiterkämpfen. In anderen Landesteilen gingen die Gefechte am Donnerstag weiter. Erbittert gekämpft wurde unter anderem in der Stadt Chan Tuman im Süden der Provinz Aleppo.

Al-Kaida-Hochburg

Die Provinz Idlib, in der Sarmada liegt, ist eine Hochburg des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie wird von dem Al-Kaida-Ableger Al-Nusra-Front und verschiedenen verbündeten Rebellengruppen kontrolliert. Die Al-Nusra-Front sowie die Extremistenmiliz "Islamischer Staat" sind explizit von der Waffenruhe ausgenommen.

Vor heftigen Kämpfen rund um Aleppo waren zuletzt Zehntausende in Richtung türkischer Grenze geflohen. Die Türkei hat ihre Grenze jedoch weitgehend für Bürgerkriegsflüchtlinge geschlossen und lässt nur vereinzelt Menschen ins Land. (APA, 5.5.2016)

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