Esel bei Essl: Kunstweisheiten mit lautem Iah

Ansichtssache5. Mai 2016, 19:40
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Die letzte Kuh macht’s Türl zu: Im Fall des Essl-Museums ist es allerdings der eSeL. Mit der "Sammlung eSeL", schlauen Kunstbetriebsbeobachtungen von Lorenz Seidler, endet der Ausstellungsbetrieb in Klosterneuburg

Klosterneuburg – "Zärtlich-ironisch", so beschreibt Gesche Heumann, Malerin und Autorin, das "eSeL-Universum". Und die Milchstraße durch dieses Gebäude schnell sprudelnder Gedanken- und Hypothesen, die hat sie mit dem eSeL – der eigentlich Lorenz Seidler heißt – in den letzten sechs Wochen mitten durch das Essl-Museum gebaut.

Es ist ein analysierendes, mitunter spitzzüngig kommentierendes Meta-Universum, eine visuelle Narration, gebaut aus Fotos und Flyern zum (österreichischen) Betriebssystem Kunst, über seine Mechanismen und Widersprüche – oder auch zu all dem, "was auf Kunst, Liebe und Idealismus aufgebaut" ist, wie Seidler sagt.

Als Kunstflaneur, Kunstkommunikator und -netzwerker, ja als Kunstforscher, Wissensproduzent und "Seismograf" (Karlheinz Essl) hat man ihn zuletzt umschrieben. Seidler (geb. 1974), der Kunstgeschichte und Philosophie studiert hat, sieht sich als "ästhetische Lebensform", die zwischen den Rollen switcht: fotografischer Dokumentarist der Szene, Kurator oder Betreiber der (Termin-)Plattform eSeL.at, deren Newsletter immer auch eine ausgesuchte, pointierte Fotostrecke Seidlers enthält.

"Brutales Klugscheißen am laufenden Band"

Angefangen hat alles als Selbstermächtigung und mit dem Wunsch, verstärkt an Kunst Anteil zu haben. Produktives Konsumieren, prosuming: "Heute würde man einen Blog machen. Damals gab es das noch nicht." Im Netz gibt es inzwischen seine eSeL-Show: "Brutales Klugscheißen am laufenden Band", scherzt Seidler. Folge eins: "Was ist Kunst?" Folge zwei – zu künstlerischen Rollenbildern – ist auch abgedreht. Das fertige Konzept für 20 weitere Sendungen harrt lediglich der Umsetzung.

esel.at
eSeL-Show: Folge #1

eSeLs Sternencluster bei Essl umkreisen etwa das Lebensmodell Künstler zwischen Klischee und Prekariat, "Bussi-Bussi"-Prinzipien, Eventisierung, Kunst als Marketingtool oder "Stadtteilbekunstung". Gespeist werden die klugen, collagierten Arrangements, in denen man wie in Diagrammen lesen kann – für den Genuss aber nicht muss – mit Material aus drei Dutzend Kunststoffkisten. Darin verstaut ist Seidlers gut 15 Jahre umfassendes Marcel-Prawy’sches-Archiv von Ausstellungsflyern – kurz: die "Sammlung eSeL".

"Kunst kommt von Kommunizieren"

Das als Nebenprodukt von eSeL.at angefallene analoge Material (das digitale ist einige Terabytes schwer) lagerte über Jahre im Büro (der "Rezeption" im Museumsquartier), im Keller und in der Wohnung. Nur: wieder mit heimbringen will der Vater zweier Söhne die Kisten nicht – um des ehelichen Friedens willen. Warum er das aufgehoben habe? "Ich habe von Anfang an gewusst, dass das relevant ist", sagt er über das, was schließlich auch eine seiner 21 "Weisheiten" untermauert: "Kunst kommt von Kommunizieren." Eine andere lautet: "Man ist so wichtig, wie man sich macht." Flapsiger eSeL-Sprech. Was ihn antreibt ist die übergeordnete Frage nach dem, was Kunst verhandeln kann, mit wem, mit welcher Ethik und unter welchen "Freiheitsbedingungen".

Dass er nun ausgerechnet zum Ende des Museumsbetriebs bei Essl sein "eSeL-zentrisches Weltbild" ausbreiten darf, ist allerdings purer Zufall. Überhaupt alle wichtigen Dinge in seinem Leben seien dem Zufall geschuldet. Auch sein tierisches Alter Ego: Es fand sich 1998 bei der Suche nach einem Namen für seine Sendung bei Radio Orange – und zwar über seine Initialen: S. L., sprich "eS-eL". Das Graufell "passte mir super ins Konzept", schon allein wegen des vermeintlichen Dummseins, des Störrischen und der langen, alles hörenden Ohren.

foto: apa/pfarrhofer
"Prinzipiell bin ich der Meinung, dass es besser ist, wenn mehrere Kommunikationsteilnehmer sich an der Diskussion darüber, was Kunst ist oder sein soll, beteiligen", so Lorenz Seidler zum Ende des Essl-Museums.

Kein Zufall ist es jedoch, dass er den Dürer-Hasen als Papiercollage nach Klosterneuburg entführt hat: ein Seitenhieb auf die Zukunft der Essl-Kollektion im Künstlerhaus und die Albertina-Connection. Was er auf keinen Fall will, ist, "in irgendeiner Form zynisch über Kunst reden. Okay ist, Ambivalenzen offenzulegen." Gegenwärtige Aufmerksamkeitsökonomien zwingen, so Seidler, zu bestimmten Marketingstrategien und Eventisierung. Man kann das "zu Tode peitschen", aber im Endeffekt müsse man lernen, mit Ambivalenzen umzugehen. Auch das sei eine seiner Weisheiten, die als Arbeitshypothesen auch in das Projekt eingeflossen sind.

Während er nun in seinem partizipativen Labor (#SammlungEsel, siehe Info), für das er vom Museum eine "Carte blanche" bekam, mit einem vom Kopf kontrollierten Bauchgefühl seine Gedanken- und blitzschnellen Assoziationsstrecken puzzelt und komponiert, sind seine Fotos hingegen nie gestellt. Da hat er ein Auge für die skurrilen, schrägen Momente: für futuristische Amazonen als vermeintliche Aushängeschilder des Außenamts oder den am Sofa fläzenden Bohemien und Ulysses lesenden Kunststudenten. (Anne Katrin Feßler, 5. 5. 2016)

Info

"Sammlung eSeL" im Essl Museum, bis 30. 6.

Partizipation: Unter dem Hashtag #SammlungEsel (Facebook, Twitter und Instagram) können Interessierte vor Ort oder via Internet ihre persönlichen Kunst-Beobachtungen einbringen und sind eingeladen, darüber nachzudenken, welche Veränderungen sie in der Kunst in den letzten eineinhalb Jahrzehnten bemerkt haben und diese auch zu kommentieren. Diese Textinputs sowie eingesandte Fotos oder andere online wie vor Ort eingebrachte Archivmaterialien werden laufend in die Ausstellung integriert und dienen als Basis für neue Schwerpunktsetzungen und fotografische Kommentare des Künstlers.

esel.at
eSeL-Show: Folge #2
foto: esel.at - lorenz seidler
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Barbis Ruder als futuristische Amazone mit internationalem Auftrag: So lässt sich dieser Schnappschuss einer Performance von Dolce & Afghaner (2011) im Palais Niederösterreich lesen.

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