Flüchtlinge sorgen für gute Geschäfte bei Drahtzaunhersteller

6. Mai 2016, 11:00
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Von Ungarn bis Ceuta sind die Vorrichtungen der spanischen Gesellschaft European Security Fencing im Einsatz

Lange Zeit hielt es quasi am europäischen Markt seine Monopolstellung. Marktführer ist es nach wie vor. Das in Cártama, unweit des andalusischen Málaga beheimatete Unternehmen Mora Salazar, im Export auch Concertina oder European Security Fencing (ESF) genannt, ist auf Expansionskurs. Die von ihm gefertigten Nato-Drahtzäune verkaufen sich besser als warme Semmeln.

Vor knapp einem Jahrzehnt bereits war das Unternehmen bei der Errichtung der berüchtigten Grenzbefestigungen in den spanischen Nordafrika-Enklaven Ceuta an der Straße von Gibraltar und Melilla beauftragt. Die Zäune wurden sukzessive erhöht: verdoppelt und schließlich verdreifacht. Dasselbe System kommt nun auch in Ungarn an der Grenze zu Serbien zum Einsatz, wie Firmensprecher José María Gómez bestätigte. Man habe jedoch nur den Zaun geliefert. Errichtet wurde er von ungarischen Arbeitern und Häftlingen.

Schutz vor Piraten

Nun stehen ESF-Zäune quasi flächendeckend auf dem Balkan, in Bulgarien, ja selbst an Österreichs EU-Binnengrenze zu Slowenien. ESF kommentiert all dies freilich nicht. Man sagt lediglich, man habe Kunden in jenen Ländern, wisse aber nichts "über die Anwendungsgebiete" der Produkte.

Der rasiermesserscharfe Nato-Draht aus rostfreiem Stahl kommt aber nicht nur an Grenzen zum Einsatz. Auch Unternehmen schützen ihre Anlagen damit, seien es Atomkraftwerke, Raffinerien, Pharmakonzerne oder eben staatliche Einrichtungen wie Gefängnisse oder militärische Basen. Eisenbahntrassen werden damit umzäunt, auf Frachtschiffen werden ESF-Nato-Drahtrollen gegen Piratenangriffe angebracht.

Kaum Auskünfte

Doch die Zaunproduzenten geben sich bedeckt. Einlass auf das Firmenareal gewähren sie der Presse nicht. Ein Interview stellen sie per Mail in Aussicht – lehnen es dann aber nach monatelangem Hin und Her endgültig ab. Nur der staatlichen spanischen Agentur EFE gab ESF-Chef Antonio Mora ein knappes Statement: "Die Zäune sind nicht dafür gemacht, Verletzungen zu bewirken", ließ er wissen. Vielmehr gehe es um den psychologischen Effekt der visuellen Abschreckung, "dass die Klingen schmerzhafte Schnitte bewirken würden".

Seit der Unternehmensgründung 1975 zum Ende der Franco-Diktatur hat ESF Zäune unter anderem nach Marokko, Algerien, Tunesien, Mauretanien, in die Türkei, aber auch nach Griechenland und Rumänien geliefert. Eiserne Vorhänge, ein Qualitätsprodukt "made in Spain", wenn man so will.

"Einmal um den Erdball"

Inzwischen sind sie auf fünf Kontinenten im Einsatz, von Französisch-Polynesien bis auf die Falklandinseln. "Einmal um den Erdball", wie der Chef selbst El Mundo in einem seiner seltenen Kontakte zu spanischen Medien im Vorjahr mitteilte. Wohlgemerkt komme jedoch an den Grenzen das Modell Concertina 22 zum Einsatz. Das sei der standardmäßige Nato-Draht für "mittlere bis hohe Sicherheit". Es gebe weitaus gefährlichere Varianten – mit Spießen, Dornen, Stacheln, die je nach Einsatzort und Sicherheitsstreben installiert würden. Einzelne Zaunvarianten könnten zudem natürlich auch unter Strom gesetzt werden.

Nummer 22 heißt so, weil die Klingen eben 22 Millimeter in ihrer Länge messen und 15 Millimeter breit sind. Spaniens Innenminister Jorge Fernández Díaz betonte, deren Verwendung in den Exklaven sei "nicht aggressiv". Sie würden lediglich "leichte, oberflächliche Verletzungen bewirken". Weit gefehlt, wie sich später herausstellen sollte.

Böse Verletzungen

Menschenrechts-NGOs und Organisationen der Flüchtlingshilfe sehen das jedenfalls ganz anders. Es gebe einen dokumentierten Todesfall aus dem Jahr 2009, der auf Grenzzäune in Ceuta zurückzuführen sei. Ein Migrant verblutete aufgrund der tiefen Wunden noch am Zaun. Fotojournalisten haben zudem in zahllosen Fotos festgehalten, welche Art von Narben an quasi allen Körperstellen entstehen könnte, wenn man versucht, die Zäune der spanischen Exklaven zu überwinden.

Ebendort hat ESF auch vertraglich den Auftrag zur Wartung der immer wieder beschädigten Anlagen. Nicht nur einmal wurden auch die auf den Zäunen festsitzenden Migranten mit Kränen der Firma aus Málaga zu Boden gebracht – für ihre direkte Abschiebung nach Marokko, was NGOs lauthals kritisierten.

Profit steigt

Nach fast jedem Versuch, die Grenzen zu überwinden, würden Menschen in den Spitälern wegen schwerer Schnittwunden behandelt, weiß etwa Mikel Araguás von der Flüchtlingshilfe-NGO Andalucía Acoge. "Natürlich bewirken diese Zäune schwere Verletzungen. Sonst würde man sie nicht einsetzen", sagt Araguás lapidar.

Doch die Flüchtlingsfrage treibt die ESF-Profite in die Höhe, genauso wie die Angst vor Terroranschlägen, geopolitische Spannungen und Ängste von Privaten um ihr Eigentum. Jedenfalls erweitert ESF seine Produktion, unweit von Málaga ist ein neues Werk im Entstehen. Wobei die Flüchtlingsfrage eine zweischneidige Angelegenheit ist: Im Unternehmen fürchtet man immer mehr, in der Öffentlichkeit negativ dargestellt zu werden – wofür ESF allerdings selbst gesorgt hat.

Tweet mit Folgen

Eine Eigenwerbung im Kurznachrichtendienst Twitter auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im vergangenen September brachte dem Unternehmen einen veritablen Shitstorm ein. Der Tweet – "Von hier nach ganz Europa: 100 Prozent der neuen Grenzzäune des Kontinents sind aus unserer Fabrik" – wurde in Windeseile wieder gelöscht.

Preislich orientiert sich ESF am Sicherheitsbestreben der Kunden. Die ersten Wallanlangen in Spaniens Exklaven stammen aus den Jahren 1995 in Ceuta beziehungsweise 1998 in Melilla – mit anfänglichen Kosten von damals umgerechnet 33 Millionen Euro auf zwölf Kilometern Länge.

Zuschuss von der EU

Auf Wunsch des Innenministeriums wurden die Zäune zunächst günstiger und schwächer als im Konzept vorgesehen errichtet – was Jahre später Umbauten notwendig machen sollte. Um das Jahr 2005 herum wurde die Anlage weiter aufgestockt. Die EU hat damals zu den dreißig Millionen Euro an zusätzlichen Kosten beachtliche Summen zugeschossen. 2010 hat ESF übrigens auch eine halbe Million Euro Förderung seitens der sozialistischen Regionalregierung Andalusiens bekommen.

Die Umsätze der darauffolgenden Jahre haben sich zwischen zwei und fünf Millionen Euro bewegt. (Jan Marot aus Madrid, 6.5.2016)

  • Grenzzäune wie dieser an der ungarisch-serbischen Grenze sind auch ein gutes Geschäft.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Grenzzäune wie dieser an der ungarisch-serbischen Grenze sind auch ein gutes Geschäft.

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