Bits und Bytes statt Binnen-I

Kommentar der anderen6. Mai 2016, 18:51
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Die digitale Revolution verändert den Arbeitsmarkt rasant. Viel mehr Jobs gehen verloren, als geschaffen werden. Das trifft insbesondere die Frauen und deren gesellschaftlichen Status

Hillary Clinton ist auf gutem Weg, die demokratische Nominierung zu erreichen. Und sollten die Amerikaner im November für den sowohl in internationalen wie auch wirtschaftlichen Belangen erfahrensten Kandidaten stimmen, wird sie Präsident(in) der Vereinigten Staaten. Welche Feministin würde sich nicht darüber freuen?

Im besten Fall kann Präsidentin Clinton eine Art Roosevelt des 21. Jahrhunderts werden und ihren Mitbürgern einen "New New Deal" anbieten, um die Härte der digitalen Revolution zu lindern. Geoff Garin, ein Politstratege, der die Demokratin 2008 im Kampf um die Nominierung – damals gegen Barack Obama – beraten hat, meint heute: "Entscheidend für sie (da die Schwarzen und Lati-nos schon auf ihrer Seite sind) werden die weißen arbeitenden Frauen sein (white working-class women)."

Frauen als Verliererinnen der digitalen Revolution

Das hat übrigens einen Haken. Viel mehr als ihr republikanischer Gegner, der fürchterliche Donald Trump, ist Hillary Clinton mit den großen Hightech-Firmen liiert. GAFA (Google, Amazon, Facebook und Apple) finanziert ihren Wahlkampf. Und Frauen werden die unmittelbaren Verlierer der digitalen Revolution sein, die Millionen Jobs vernichten soll, vor allem sogenannte typisch weibliche: im Handel, im mittlerem Management oder im Gesundheitsbereich.

Diese Vernichtung wird jedenfalls in dem Bericht "Die vierte industrielle Revolution" prophezeit, der im Jänner beim Wirtschaftsforum in Davos vorgestellt wurde. Gemäß dieser Studie, die in den 15 wichtigsten industrialisierten Nationen durchgeführt wurde, sollen bis 2020 mehr als sieben Millionen Arbeitsplätze verlorengehen und lediglich zwei Millionen geschaffen werden. Profitieren werden davon vor allem junge Männer, die sich in den sogenannten STEM (Science, Technology, Engineering, Maths) leichter zurechtfinden. GAFA ist wenig "girl-friendly": Knapp 30 Prozent Frauen sind dort beschäftigt. Unternehmer von Start-ups im Silicon Valley sind nur zu acht Prozent weiblich.

Die Zukunft gehört demnach Statistikern. Für Verkäuferinnen, Sekretärinnen und Buchhalterinnen sieht es eher trist aus. Kassen, bei denen der Kunde selbst abrechnet und zahlt, werden bald überall die Norm sein.

Als Feministin mache ich mir daher echte Sorgen. Es wäre naiv zu glauben, dass die digitale Revolution ohne Einfluss auf die Stellung der Frauen bleibt, vor allem derer, die aus patriarchalischen Verhältnissen kommen und sich bereits schwertun, sich bei uns zu integrieren. Die am wenigsten Ausgebildeten können immerhin hinter der Kasse sitzen – nicht mehr sehr lange.

In den westlichen Ländern ist jedoch die Emanzipation der Frauen eng mit deren Eingliederung in den Arbeitsmarkt verbunden. Im Film Suffragette, mit Meryl Streep als feministischer Pasionaria und Carey Mulligan als Proletarierin des Londoner East End, werden wir daran erinnert, wie hart es war, dem britischen Establishment das Wahlrecht zu entreißen. Es kam erst nach dem Ersten Weltkrieg, wie in Österreich, nachdem die Frauen bewiesen hatten, dass sie die Millionen Männer, die an die Front geschickt wurden, in den Fabriken und Büros ersetzen konnten.

Arbeit und Emanzipation ...

Der Zusammenhang zwischen Lohnarbeit und Emanzipation bleibt in den ärmsten Regionen des Planeten Realität. Die New York Times brachte vor kurzem eine Geschichte über mutige Frauen im hinduistischen Indien, denen die Patriarchen ihres Dorfes Arbeit in Fabriken verbieten wollten. Diejenigen, die sich diesem Diktat nicht beugen wollten – wohlgemerkt: mithilfe eines Anwalts und eines Abgeordneten, beide Muslime -, haben eine finanzielle Unabhängigkeit errungen, von der ihre Nachbarinnen nur träumen können.

Was wird denn passieren, auch im Westen, wenn diese Dynamik gebrochen wird? Wenige Frauen werden hohe und gut bezahlte Posten erreichen – dem Davos-Bericht zufolge zehn Prozent mehr als heute. Die Zukunft könnte aber der Fernsehserie von Arte Trepalium gleichen, in der eine Ministerpräsidentin, die zynische Nadia, über 20 Prozent der Bevölkerung regiert, die vollbeschäftigt sind (und in beinharter Konkurrenz um den besseren Job kämpfen), während auf der anderen Seite der Mauer, die die "Privilegierten" abschottet, die übrigen 80 Prozent dahinvegetieren.

Die Frauen werden das Gros des Lumpenproletariats der Zukunft ausmachen, das man mit einem Mindesteinkommen für alle davon abhalten wird, auf die Barrikaden zu gehen. In einer derartig polarisierten Gesellschaft werden viele versucht sein, sich auf traditionelle, psychologisch "bequemere" Rollen zurückzuziehen. Vor allem in Österreich, wo 67 Prozent der Mütter mit jungen Kindern (in Deutschland sind es sogar 73 Prozent) einer Teilzeitarbeit nachgehen.

... oder Biogemüsegarten

Mütter in ihrem Biogemüsegarten bestaunen aus der Ferne einige weibliche "High Flyers", die mit zwanzig ihre Eizellen einfrieren lassen (wie Firmen des Silicon Valley ihnen schon nahelegen), um die intellektuell produktivsten Jahre nicht zu vergeuden. Eine böse Karikatur? Hoffentlich. Sonst werden wir zwar das Binnen-I haben, das uns Frauen "sichtbarer" im Diskurs machen soll. Aber in der echt produktiven Wirtschaft, die bis jetzt unsere Emanzipation ermöglichte, werden wir allzu wenige sein. (Joëlle Stolz, 5.5.2016)

Joëlle Stolz ist Journalistin bei "Le Monde". Sie war bis 2016 Korrespondentin in Wien und lebt heute in den Niederlanden.

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