"Für einen großen Teil der Jungen gab es keine Partei"

Interview6. Mai 2016, 07:22
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Sozialpsychologe Michal Bilewicz erklärt, warum über die Hälfte der Jungwähler für rechte und rechtsradikale Parteien stimmte

STANDARD: Mehr als 60 Prozent der Wähler bis 30 Jahre stimmten für rechte bis rechtsextreme Parteien. Wie kam es zu diesem Rechtsruck?

Bilewicz: Ein großer Teil der Jugend bekennt sich zu einem sehr konservativen Weltbild, aber fast ebenso viele sind enttäuscht von der bisherigen Politik und gingen gar nicht wählen. Vor vier Jahren war das noch anders: Da stimmten mehr als die Hälfte der Jungwähler für liberale Parteien, etwa die Palikot-Bewegung. Aber die ging in Streit und Chaos unter.

STANDARD: Die jungen Palikot-Protestwähler blieben also zu Hause?

Bilewicz: Genau. Stattdessen gingen diesmal eher antidemo kratisch Eingestellte zur Wahl. Die rechten Parteien Recht und Gerechtigkeit (PiS), Kukiz’15 und Korwin haben ein klares Freund-Feind-Bild: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Zudem wollen sie eine starke Führungsfigur, die gesellschaftliche Normen vorgibt. Das ist "rechter Autoritarismus".

STANDARD: Sind junge Leute nicht eher aufmüpfig?

Bilewicz: Normalerweise schon. Wir haben es auch mit einem eklatanten Versagen der Schulen zu tun, die die Staatsbürger- und Demokratieerziehung schleifen ließen. Außerdem führen die instabile soziale Lage, der schwierige Start ins Berufsleben und die fehlende Lebensplanung nicht nur zu einem Grundgefühl der Angst, sondern oft auch dazu, dass die jungen Wähler bei rechten Parteien ihr Kreuzerl machen. Diese Entwicklung sehen wir in ganz Europa.

STANDARD: Genauso gut könnten sie aber auch links wählen ...

Bilewicz: Einer Theorie zufolge, die Immo Fritsche in Leipzig und Eva Jonas in Salzburg entwickelten, haben rechte Wähler oft das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben. Sie fühlen sich fremdbestimmt und suchen nach einer starken Führungsfigur.

STANDARD: Aber dabei bleiben sie doch fremdbestimmt?

Bilewicz: Ja, aber schauen wir kurz nach Russland: Viele haben keine Arbeit, die Industrie liegt am Boden; es ist schwer, eine eigene Firma zu gründen, die Korruption ist allgegenwärtig. In einem solchen System ist es schwer, das eigene Leben "unter Kontrolle" zu halten. Doch Wladimir Putin vermittelt das Gefühl, genau zu wissen, was er tut. Und da er so sicher ist, muss das auch richtig sein. Daher seine hohen Zustimmungsraten.

STANDARD: Wie wirken sich die sozialen Versprechen der PiS aus?

Bilewicz: Kindergeld, Mindesteinkommen, Steuerfreibetrag, Pensionsalter sind eigentlich klassische Forderungen der Linken. Die PiS versprach, das Kindergeld nach ihrem Sieg sofort auszuzahlen. Psychologisch war das geschickt. Leider gibt es die Sozialpolitik nur im Paket mit der nationalkatholischen Ideologie der PiS.

STANDARD: Und die Flüchtlinge?

Bilewicz: Die PiS gewann vor allem deshalb, weil es ihr gelang, eine regelrechte Anti-Flüchtlings- und Anti-Islam-Panik hervorzurufen. Dabei gibt es in Polen fast keine Flüchtlinge und auch kaum Muslime. Wer aber in Polen Zeitung liest und fernsieht, kann den Eindruck gewinnen, dass fast alle Muslime Terroristen sind. Wenn es einen Meister der Angstmache gäbe, wäre es Jarosław Kaczyński.

STANDARD: Müssten junge Polen diese Argumente nicht verwerfen?

Bilewicz: Doch, das tun sie auch. Aber diese jungen Leute gingen dieses Mal nicht wählen. Für einen großen Teil der jungen Wähler gab es schlicht keine Partei, die sie hätten wählen können.

STANDARD: Verstehen die jungen Polen, worum es beim aktuellen Streit ums Verfassungsgericht geht?

Bilewicz: Es scheint sich um einen Prozess zu handeln. Mittlerweile denken immer mehr Polen, dass die Verfassung und damit auch die Demokratie nur von einem funktionierenden Verfassungsgericht geschützt werden kann. Die sträflich vernachlässigte Staatsbürgerbildung findet nun auf der Straße statt. Noch ist es eine relativ kleine Elite, aber sie setzt ein neues Nachdenken über die Prinzipien der Demokratie in Gang. (Gabriele Lesser, 5.5.2016)

  • Michal Bilewicz (35) ist Professor für Sozialpsychologie an der Uni Warschau und Direktor des Zentrums zur Vorurteilsforschung; zurzeit ist er Visiting Fellow an der Universität Leipzig.
    foto: lesser

    Michal Bilewicz (35) ist Professor für Sozialpsychologie an der Uni Warschau und Direktor des Zentrums zur Vorurteilsforschung; zurzeit ist er Visiting Fellow an der Universität Leipzig.

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