Polnische Rechtsradikale ziehen gegen "Verräter" ins Feld

6. Mai 2016, 07:00
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Proteste gegen die rechtsnationale Regierung, doch auch Hassreden und Gewalt von Nationalisten prägen die Stimmung

Hart knallen die schweren Stiefel aufs Pflaster. Militärisch gedrillt ziehen rund 400 Schlägertypen in Viererreihen durch Białystok, die Hauptstadt Podlachiens in Ostpolen. Fast alle tragen schwarze Uniformen und grüne Armbinden mit dem Faust-Schwert-Symbol der Falanga, der einstigen Sturmtruppe der rechtsradikalen Partei National-Radikales Lager (ONR). Unter der weiß-roten Flagge Polens brüllen sie: "Zionisten werden statt Blättern an den Bäumen hängen" und "Stolz! Stolz auf die polnische Nation!" Die Polizei greift nicht ein, sie bildet Vor- und Nachhut des unheimlichen Zuges. Am Abend meldet sie: "Keine besonderen Vorkommnisse."

Am Tag zuvor hatten die ausländischen Studenten der Technischen Universität Białystok einen warnenden Brief erhalten. Gefahr für Leib und Leben sei in Verzug. "Am Samstag wird in Białystok der Marsch einer nationalistischen Gruppe stattfinden", lasen die schockierten Erasmus-Stipendiaten. "Das National-Radikale Lager proklamiert rassistische Ideen. Daher empfehlen wir ganz entschieden: Verlassen Sie ab elf Uhr Samstagmorgen bis vier Uhr Sonntagfrüh nicht mehr das Studentenwohnheim!"

"Hauptstadt des Rassismus"

Seit Jahren gilt Białystok als "Polens Hauptstadt des Rassismus". Der jüngste Bericht der Staatsanwaltschaft für die Jahre 2013 bis 2015 zeigt aber einen lawinenartigen Anstieg von Hassverbrechen in ganz Polen. Verfolgte die Staatsanwaltschaft 2013 noch 835 Fälle von Brandstiftungen, Überfällen und Beleidigungen, die sich klar gegen Ausländer und Nichtkatholiken richteten, so waren es 2015 bereits 1548 Fälle.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Staatsanwaltschaft bei einem großen Teil der Anzeigen die Ermittlungen erst gar nicht aufnahm, da es sich etwa bei "Jude raus"-Schmierereien um "Bagatellfälle" handle. Andere Straftaten wie die Zerstörung jüdischer Grabsteine wurden als "Rowdytum" klassifiziert. Opfer der rassistisch motivierten Verbrechen sind vor allem Roma, Juden, Muslime und Schwarze.

Białystok zahlt einen hohen Preis für die bisherige Untätigkeit von Lokalpolitikern, Geistlichen, Staatsanwälten und Richtern gegenüber dem brauen Mob. Vollends vorbei war es mit dem guten Ruf der Stadt, als ein Białystoker Staatsanwalt das Hakenkreuz als indisches "Zeichen des Glücks" bezeichnete und sich weigerte, Ermittlungen gegen eine Hakenkreuz-Schmiererei aufzunehmen.

Metropole des Esperanto

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Białystok eine jüdische Stadt mit polnischen, deutschen und weißrussischen Minderheiten. Auch muslimische Tataren leben hier seit rund 600 Jahren. Das Sprachengewirr inspirierte Ludwik Zamenhof zur Kunstsprache Esperanto. Der jüdische Augenarzt, dem die Verständigung aller Nationen am Herzen lag, ging in die Weltgeschichte ein und ist Białystoks berühmtester Sohn. Doch die Stadt konnte sich nicht dazu entschließen, sich als "Metropole des Esperanto" oder "Stadt Ludwik Zamenhofs" zu deklarieren. Zwar streicht sie in Hochglanzbroschüren ihre multikulturelle Vergangenheit heraus, erzählt jedoch nicht die Geschichte der Juden, Deutschen, Weißrussen und Tataren.

Mitten in Białystok steht die prächtige katholische Kathedrale. "Dies ist das Wort des Herrn", beginnt Priester Jacek Międlar Mitte April seine Predigt für die aus ganz Polen angereisten Rechtsradikalen. Die Kurie von Białystok hatte die Kathedrale für den Gottesdienst zu Ehren des National-Radikalen Lagers zur Verfügung gestellt.

"Null Toleranz für jüdische Feigheit!"

Dabei ist Priester Międlar kein Unbekannter in Polen: Zweimal schon wurde er für seine hasserfüllten rassistischen Ausfälle strafversetzt. Zu Beginn des Gottesdienstes marschieren schwarz uniformierte Schlägertypen ein und bilden Schulter an Schulter ein langes Spalier bis zum Altar. Jeder hält eine grüne Parteifahne mit dem Falanga-Sturmtruppen-Zeichen in der Hand.

Der Priester ist voll des Lobes für die kurzgeschorenen ONR-Mitglieder in den Kirchenbänken. Mutig und kompromisslos würden sie die großpolnische Idee gegen die "marxistische Europäische Union" verteidigen, gegen Verräter, Feiglinge und Andersdenkende. Sein Glaubensbekenntnis sei klar: "Null Toleranz für jüdische Feigheit!"

Polnische Verräter müssten einer national-radikal-katholischen "Chemotherapie" unterzogen werden. "Barmherzig gegenüber unseren Nächsten hassen wir Verbrechen und Sünde und bauen eine Zivilisation von Recht und Gerechtigkeit auf, eine Zivilisation, zu deren Bau uns Gott persönlich aufruft!" Nach einem gemeinsamen Gebet mit dem Polizeiseelsorger von Podlachien verabschiedet Priester Międlar die ONR-Anhänger, die nun auf der Straße mit dem Segen der katholischen Kirche Polens gegen die EU, Kommunisten, Verräter und Zionisten zu Feld ziehen werden.

Verbot öffentlicher Auftritte

Drei Tage nach der ONR-Messe in Białystok nahm der Posener Erzbischof Stanislaw Gadecki offiziell Stellung: "Als Vorsitzender der polnischen Bischofskonferenz äußere ich meine entschiedene Missbilligung zum Missbrauch eines Gotteshauses für politische Manifestationen, die dem christlichen Glauben fremd sind." Der Missionarsorden der Vizentiner, dem Jacek Międlar angehört, griff dieses Mal rigoros durch und verhängte ein Verbot öffentlicher Auftritte über den ONR-Priester. Er darf künftig keine Versammlungen mehr einberufen, Treffen oder Pilgerfahrten organisieren.

Auf Twitter verabschiedete sich der Priester von seinen Anhängern "für unbestimmte Zeit", postete ein Selbstporträt mit kämpferisch erhobener Faust und dem trotzigen Aufruf: "CWP! – Ruhm für Großpolen!" (Gabriele Lesser aus Białystok, 6.5.2016)

  • Mitte April marschierten Nationalisten im ostpolnischen Białystok auf. In der Kathedrale der Stadt predigte ein Priester gegen die "marxistische EU" und gegen "jüdische Feiglinge"
    foto: ap / michal kosc

    Mitte April marschierten Nationalisten im ostpolnischen Białystok auf. In der Kathedrale der Stadt predigte ein Priester gegen die "marxistische EU" und gegen "jüdische Feiglinge"

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