Flying Steps: B-Boys dienen einer Firma mit Rind

5. Mai 2016, 16:39
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Die Berliner gastieren in der Halle E des Museumsquartiers

Wien – Kunst gilt als hochklassiger Werbeträger. Ein Nahrungsmittelkonzern fügt seinen Namen in die Lichtreklame eines Theaters ein, das er sponsort. Eine Schokoladenwerbung wird auf die Fassade eines Museums projiziert. Und die Berliner Breakdance-Combo Flying Steps tourt seit 2010 mit einem Firmennamen vor dem ihrer Gruppe durch die Lande. Ist das sportlich, egal oder brutal?

Die Werbewirtschaft geht seit einigen Jahren ganz auf unsere Gefühle ein – eine super Entschädigung dafür, dass jene, die so "empathisch" für ihre Produkte werben, zugleich mit der sozialen Marktwirtschaft aufräumen. Und auch Kunst kann ganz toll auf der Emotionsklaviatur spielen. Liegt doch nahe, dass diese beiden dort und da diverse Tänzchen schieben, oder?

In der Halle E des Museumsquartiers, einer mietbaren Eventlocation, ist das gang und gäbe. Daher gastieren auch Flying Steps gerade dort mit ihrem anrührenden Programm, in dem Breakdance und modernes Ballett zu Bach aufgeführt werden. Ist doch fein, wenn der alte Johann Sebastian so an die Jugend gebracht werden soll, oder? Eine Firma mit Rind im Logo meint es gut mit Bach, der Jugend, dem Tanz und sich selbst. Wird hier eine Win-win-win-win-Geschichte wahr?

Der Besitzer dieser Firma ist ein Virtuose, der auch den Eiertanz kann. Er hält in Salzburg einen TV-Sender, den er an einem Tag zusperren will und am übernächsten Tag doch nicht – weil die Belegschaft ganz ehrlich keinen Betriebsrat haben mag. Jetzt kann man sich bei Flying Steps von dem Schock erholen. Die angebotene Show soll bisher von rund 380.000 Zuschauerinnen und Zuschauern genossen worden sein. Bei der aktuellen Aufführung in der Halle E gab es noch freie Plätze.

Dicke Technik, dünne Story

Seit 2014 tourt auch ein neues Spektakel der Firma, Flying Illusion, in dem noch etliches an Fantasy draufgelegt wird. Origineller Inhalt: Kampf Gut gegen Böse. Auch da breaken die Flying Steps um die Wette. Die Break-Bach-Ballett-Story unter der Leitung von Christoph Hagel und mit dem Choreografen Vartan Bassil ist noch schlichter. B-Boy-Gruppe scheucht Ballett-Girl. Die Männer zeigen, was sie draufhaben und dass sie die brave Ballerina nicht ganz cool finden. Diese zeigt Selbstbewusstsein, das aber unter dem Druck der Gang erodiert.

Am Ende passt sie sich als B-Girl der Gruppe an. Danke für diese dünne Geschichte inklusive Macho-Verherrlichung. Der Tanz allerdings hat es in sich. Die Flying Steps bieten Breakdance-Akrobatik vom Besten. Deren Technik lässt sich in manchen Momenten mit dem Ballett vergleichen. Die Codes der B-Bewegungen sind halt vergleichsweise simpel. Gar nicht so virtuos wie Headspin und dergleichen kommen die Visuals daher. Und der Musikmischung, in der ein paar Takte Beethoven und allerlei elektronisch Gebasteltes in den Bach rutschen, fehlt es an Tiefe und Spannung.

Das Publikum hat anerkennend, aber nur kurz applaudiert und signalisierte: gute Leistung, aber insgesamt kein Hammer. Mit Sicherheit spürt das Publikum, dass es hier bei einer Werbeveranstaltung landet, die alles verflacht, was sie für sich nutzt. Wenn ein Tänzer ein T-Shirt mit dem Firmenlogo trägt, wird er eben banalisiert. Und ins "Win" mischt sich ein "Lose" – auch für den Sponsor, dem nichts Besseres einfällt als seine penetrante Präsenz. Diese kompromittiert die Kunst als Mascherl – und schon ist sie kein hochklassiger Werbeträger mehr. (Helmut Ploebst, 6.5.2016)

Bis 8. 5.

  • Die Ballerina und die Breakdancer: "Flying Illusion".

    Die Ballerina und die Breakdancer: "Flying Illusion".

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