"Tangerine": Einmal extra um den Block

5. Mai 2016, 15:48
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Sean Bakers "Tangerine" spielt in der Transgender-Szene von Los Angeles. Gedreht wurde die spleenige Komödie auf iPhones: Improvisiert erscheinende Bilder treffen auf die große Leinwand

Wien – Mit einer Minikamera den Fokus auf gesellschaftliche Paradiesvögel richten, so könnte man die originelle Grundidee von Sean Bakers Tangerine zusammenfassen. Der US-Regisseur, der bereits 2012 mit Starlet eine ungewöhnliche L.-A.-Story erzählte, hat seinen Film zur Gänze mit iPhones gedreht, die mit einer speziellen anamorphotischen Breitwand-App ausgerüstet waren. Das Ergebnis ist ein Zwitter aus improvisiert erscheinenden Bildern und großem Kino, das nicht zuletzt in der artifiziellen Farbsättigung an eine schrille Revue erinnert.

Nicht unwesentlich dabei ist freilich, dass Bakers Blick mit Sin-Dee Rella (Kitana Kiki Rodriguez) auf einen Transgender und sein nächstes Umfeld in Hollywood fällt – in diesem Fall kein Synonym für die Filmfabrik, sondern die zwielichtige Gegend auf dem Santa Monica Boulevard.

Die böse Frau mit der richtigen Vagina

Sin-Dee kommt am Weihnachtstag aus dem Knast, um gleich in der ersten Szene von ihrer besten Freundin Alexandra (Mya Taylor) zu erfahren, dass sie von ihrem Freund und Zuhälter Chester (James Ransone, bekannt aus The Wire) betrogen wurde. Noch dazu mit einer weißen Frau mit richtiger Vagina.

Tangerine gehört zu jener Sorte von Film, der mit einer hohen Tonfrequenz loslegt und diese dann auch stur zu halten versucht. Das Tempo gibt die energische Sin-Dee vor, die mit Alexandra an der Hand zuerst nach der Übeltäterin sucht und dann nach dem untreuen Chester selbst. Eine Stop-and-go-Dramaturgie, die ganz auf das laute Mundwerk und die emotionale Aufwühlung der Protagonistin ausgerichtet ist. Verfällt man ihr, schwärmt man auch für den Film, welcher der Präsenz seiner randständigen Gruppen ein wenig zu blind vertraut.

Ein Subplot um einen armenischstämmigen Taxifahrer, der seiner Familie mit ein paar Extratouren samt sexueller Abschweifungen zu entkommen versucht, wirkt im Vergleich zu der Eifersuchtstravestie zu vordergründig. Im Kern bleibt Tangerine ein überdrehtes Boulevardstück, das am Ende alle Teilnehmer mit Screwball- Comedy-Logik zu einem Weihnachtsgefühlsgewitter vereint. (Dominik Kamalzadeh, 6.5.2016)

Jetzt im Kino

  • Sin-Dee Rella (Kitana Kiki Rodriguez) sucht mit Alexandra (Mya Taylor) die böse Frau, mit der ihr Freund und Zuhälter sie betrogen hat: "Tangerine".
    foto: koolfilm

    Sin-Dee Rella (Kitana Kiki Rodriguez) sucht mit Alexandra (Mya Taylor) die böse Frau, mit der ihr Freund und Zuhälter sie betrogen hat: "Tangerine".

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