Waldbrände in Kanada: Tausende per Autokonvoi evakuiert

6. Mai 2016, 05:45
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Notstand für Provinz Alberta ausgerufen – Bisher größte durch Feuer ausgelöste Evakuierungsaktion in der Region

Fort McMurray – Tausende Einwohner der kanadischen Stadt Fort McMurray sind ein zweites Mal vor den verheerenden Waldbränden geflohen: Die Polizei begann am Freitag damit, sie per Autokonvoi aus Notunterkünften im nördlichen Umland durch die brennende Geisterstadt zu eskortieren.

Auf Fernsehbildern waren die Kolonnen aus jeweils 50 Pkw auf ihrem Weg durch die teilweise zerstörte Stadt zu sehen, die in der Nacht auf Mittwoch vollständig evakuiert worden war.

An den Kreuzungen postierten sich Polizisten, um zu verhindern, dass die Einwohner von der vorgegebenen Route abweichen, um Habseligkeiten aus ihren Häusern zu retten. Über der Stadt kreisten drei Armeehubschrauber, um Alarm zu schlagen, falls die Flammen dem Highway 63 zu nahe kommen sollten. Die Evakuierten sollten südlich der Stadt in Sicherheit gebracht werden.

8.000 Menschen ausgeflogen

Die Flucht durch die brennende Geisterstadt sei eine "schreckliche Erfahrung" gewesen, sagte Margarita Carnicero, die mit ihrer Tochter als eine der ersten die Ortschaft Wandering River 200 Kilometer südlich von Fort McMurray erreichte. "Ich hatte Angst, aber ich habe versucht, sie nicht zeigen, um meine Tochter nicht zu verängstigen."

Insgesamt sollen 17.000 Einwohner das Katastrophengebiet auf dem Landweg verlassen. Die Behörden gehen davon aus, dass die Rettungsaktion insgesamt vier Tage dauern wird. 8.000 weitere Menschen waren am Donnerstag mit Flugzeugen und Hubschraubern ausgeflogen worden.

Bereits 90.000 Menschen geflohen

Wegen der verheerenden Waldbrände hatten die Behörden in der Nacht zum Mittwoch die komplette Evakuierung der 100.000-Einwohner-Stadt angeordnet. Zunächst flohen viele Menschen in den Norden der Stadt, weil die Routen in den Süden gesperrt waren. Dort drohten sie von den Flammen eingeschlossen zu werden. Die größte Evakuierungsaktion in der Geschichte der Provinz Alberta wurde durch lange Staus und Benzinmangel erschwert. Nach offiziellen Angaben wurden bis Donnerstag 2000 Häuser in der zentralkanadischen Ölstadt zerstört.

Die Brände haben in der gesamten Provinz Alberta bereits rund 90.000 Menschen in die Flucht geschlagen. Es werde Wochen oder Monate dauern, bis die Anrainer zurückkehren könnten, zitierte die Zeitung "Globe and Mail" Albertas Regierungschefin Rachel Notley.

Albertas Regierung hatte Donnerstagfrüh mitgeteilt, von 49 Bränden seien sieben außer Kontrolle geraten. Die vom Flammenmeer betroffene Fläche habe sich demnach binnen 24 Stunden von 100 auf 850 Quadratkilometer vervielfacht. Tote oder Schwerverletzte gab es zunächst nicht.

Hitzewelle

Die Provinz Alberta erlebt derzeit eine Rekorddürre und leidet zudem unter eine Hitzewelle. es ist der Notstand ausgerufen worden. Seit Tagen herrschen Temperaturen von fast 30 Grad Celsius. "Unsere Provinz steht vor einer der bedeutendsten Herausforderungen in ihrer Geschichte", so Notley. Mehr als 1.000 Feuerwehrkräfte waren laut Behörden zuletzt neben 145 Hubschraubern und 22 Löschflugzeugen im Einsatz.

Das Gebiet rund um Fort McMurray ist für den Abbau von Ölsand bekannt. Die teerartige Substanz, die ähnlich aussieht wie klebriger Asphalt, lagert dort in riesigen Mengen etwa 30 Meter unter der Erdoberfläche. Das stark ölhaltige Produkt wird im Übertagebau abgebaut. (APA, 5.5.2016)

Chronologie:

Waldbrände wie aktuell in der kanadischen Provinz Alberta haben in Nordamerika mehrfach große Zerstörungen angerichtet und viele Menschen in die Flucht getrieben. Einige Beispiele:

Juli 2015: Im Westen Kanadas müssen sich mehr als 13.000 Menschen in Sicherheit bringen. Allein in der Provinz Saskatchewan lodern mehr als 120 Waldfeuer, weitere 80 Brände sind in der Provinz British Columbia ausgebrochen.

Mai 2014: Ein gewaltiger Waldbrand im Süden des US-Bundesstaates Alaska vernichtet mehrere Hundert Quadratkilometer eines Wildreservats auf der Kenai-Halbinsel.

Juni 2013: Nordöstlich von Colorado Springs im US-Bundesstaat Colorado müssen rund 38.000 Bewohner wegen tagelanger Waldbrände ihre Häuser verlassen.

Mai/Juni 2013: Im Großraum der US-Metropole Los Angeles in Kalifornien stehen bei mehreren Bränden mehr als 240 Quadratkilometer Wald- und Buschland in Flammen. 5.000 Menschen werden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen.

März bis August 2012: In 13 US-Bundesstaaten westlich des Mississippi kämpfen Tausende Feuerwehrleute gegen viele Feuer. In Colorado müssen sich 36.000 Menschen in Sicherheit bringen.

September 2010: In Colorado werden im Bezirk Boulder mehr als 3.000 Menschen von schweren Waldbränden aus ihren Häusern vertrieben.

Mai bis September 2009: In Kalifornien zerstören im Mai Brände bei Santa Barbara 77 Häuser, darunter Luxusvillen. Im August sind 100 Kilometer südlich von San Francisco 2.000 Menschen auf der Flucht vor den Flammen. Im September verwüsten Brände im Raum Los Angeles 600 Quadratkilometer Wald- und Buschland.

Juli/August 2009: In British Columbia zwingen rund 500 verheerende Waldbrände mehr als 11.000 Menschen zur Flucht. In der kanadischen Pazifikprovinz waren innerhalb von fünf Monaten rund 1.800 Feuer ausgebrochen.

  • Einige Brandherde bei Ford McMurray sind immer noch außer Kontrolle.
    foto: reuters fotograf: mark blinch

    Einige Brandherde bei Ford McMurray sind immer noch außer Kontrolle.

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