"Marseille": Wer die Wahl hat, hat die Qual

6. Mai 2016, 08:00
37 Postings

Auch wenn Netflix nicht müde wird, zu betonen, das französische Serienepos mit Gérard Dépardieu habe nichts mit "House of Cards" zu tun: Ähnlichkeiten bestehen

Paris – Allem Anschein nach wurde der Regisseur Florent Siri schon mehrmals gefragt, ob die französische Netflix-Serie "Marseille" Ähnlichkeiten mit der US-amerikanischen Netflixserie "House of Cards" aufweise. Beim Interview in Paris auf die Tatsache angesprochen, greift der Regisseur zur Seite, holt eine Frank-Underwood-Maske hervor und hält sie über sein Gesicht: "Wir sind Frank Underwood." Ironie, freilich, denn mit dem vielgepriesenen US-Schurken will man nichts gemein haben: "... ", sagt Siri in Paris.

Das kann man sehen, wie man will. Einige Parallelen lassen sich unbestreitbar erkennen, sie haben weniger mit Inhalten zu tun, mehr mit dem Stil, auf den das US-Streamingportal setzt und mit dem es seine Erfolge einfährt. Erstmals soll das mit einer französischen Serie gelingen. Im Bestreben nach weltweiter Präsenz mit Originalinhalten setzt Netflix auf ein inzwischen bewährtes Konzept. Man nehme:

Unverwechselbare Hauptdarsteller

Kevin Spacey, Jane Fonda, Ricky Gervais sind Zugpferde für die Inhalte. Im Fall von Marseille ist Unverwechselbarkeit gegeben: Für Florent Siri ist Gérard Depardieu "der wichtigste noch lebende Schauspieler Frankreichs. Er ist so groß wie die Stadt Marseille selbst, das heißt, er ist ein beeindruckendes Monster." Mehr braucht es nicht.

netflix deutschland, österreich und schweiz

Komplexe Geschichten

Siehe etwa "Narcos", "Bloodline", "Marvel's Jessica Jones". Aber auch im Fall von "Marseille" gibt es reichlich zu erzählen: Als die Kommunalwahlen in Marseille anstehen, bereitet Robert Taro, Bürgermeister der letzten 20 Jahre, einen letzten Coup vor: das Votum für die Konstruktion eines Kasinos im historischen Zentrum von Marina durchzusetzen. Doch sein langjähriger Zögling Lucas Barrès macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Von da an fliegen die Fetzen.

Begabte Autoren, verdienstvolle Regisseure

David Fincher ("House of Cards"), Vince Gilligan ("Better Call Saul"), Tina Fey ("Unbreakable Kimmy Schmidt"), um nur einige zu nennen. In diesen Dimensionen bewegen sich die "Marseille"-Macher noch nicht, aber Florent Siri hat sich in Frankreich einen Namen gemacht mit Actionthriller wie "Das tödliche Wespennest" oder "Hostage". Der Schriftsteller Dan Franck schrieb immerhin die Biografie von Zinédine Zidane.

foto: netflix

Scheue keine Kosten

Mehrere hundert Millionen Dollar pumpt das Streamingportal jährlich in Eigenproduktionen. Allein die Serie "The Crown" über die britische Königin verschlang kolportierte 120 Millionen Euro, wohl nicht viel weniger gab Netflix für "Marseille" aus.

Bildschöne Szenerie

Ob Washington D.C., das Gefängnis von Litchfield oder Florida Keys – das Umfeld ist wichtige Begleitmusik und wird meist prächtig in Szene gesetzt. Eine Stadt wie Marseille scheint für diese Strategie wie geschaffen, die Metropole ist schön und gefährlich zugleich, nach Florent Siri "wie eine Frau, die jedermann begehrt, um die alle kämpfen, für die sie betrügen, weil sie sie leben".

foto: netflix

Konsequenter Erzählmodus

Alle Netflix-Serien sind dem On-Demand-Charakter angepasst, so auch diese: Der Kunde ist sein eigener Programmchef, und dieser soll nach Möglichkeit so viele Folgen wie möglich am Stück schauen. Darauf setzt auch "Marseille": "Du kannst dich mit den Charakteren anfreunden, du kannst sie mögen. Darum geht es beim Schreiben", erklärt Dan Franck.

foto: netflix

Im November geht es in Großbritannien weiter mit "The Crown" über die Mädchen- und Regentinnenjahre der Queen. 2017 folgt mit "Babylon" ein erstes deutsches Episodenwerk. Die Zutaten: dieselben. (prie, 5.5.2017)

Share if you care.