Warum Homöopathie überholt ist

Userkommentar16. Mai 2016, 08:50
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Die Grundlagen der Homöopathie gehen auf Vorstellungen der Antike und des Mittelalters zurück

Seriös, ganzheitlich, sanft und nebenwirkungsfrei: So wird die Homöopathie von Befürwortern gerne dargestellt. Kritiker sehen das naturgemäß anders. Grund genug, um sich genauer mit den Thesen und Behauptungen der Homöopathen auseinanderzusetzen.

Ursprung in der Antike

Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, war ein Zeitgenosse Napoleons. Damals kannte die Welt weder Ursachen der Krankheiten noch deren Mechanismen. Die damalige Medizin samt ihren aggressiven Praktiken wie Aderlässen bei abnehmendem Mond, künstlichem Erbrechen und der Verordnung von Giften war für Patienten lebensgefährlich und oftmals tödlich. Das erkannte Hahnemann, und seine Abwendung von dieser lebensgefährlichen Medizin rettete sicherlich vielen Menschen das Leben. Doch das war der einzige Verdienst Hahnemanns.

Denn alle, zum Teil klar esoterischen, Grundlagen der Homöopathie, die auch heute noch von Homöopathen gelehrt und praktiziert werden, haben ihren Ursprung in den längst obsoleten Vorstellungen der Antike und des Mittelalters. So entwickelte Hahnemann seine Ähnlichkeitsregel aus der mittelalterlichen Signaturlehre, die besagt, dass man aus dem Aussehen und der Farbe einer Pflanze auf ihre medizinischen Eigenschaften schließen könne, beispielsweise gelbe Pflanzen gegen die Gelbsucht. Der Alchemie entstammt der Glaube an "die geistigen Wesenseigenschaften der Materie". Homöopathen meinen, "dass durch Potenzieren Materie nach und nach eine geistartige Wirkung entfaltet".

Obsoletes Potenzierungsdogma

Genauso obsolet aus heutiger Sicht ist Hahnemanns Potenzierungsdogma, das lautet: "Je höher eine Ursubstanz unter Schütteln Richtung Erdmittelpunkt verdünnt wird, desto tiefgreifender und stärker ihre Wirkung und Nebenwirkung." Das ist eine der logischen Schwachstellen der Homöopathie. Denn in Hochpotenzen ab D24 oder C12 befindet sich kein einziges Molekül der homöopathischen Ursubstanz – so entspricht beispielsweise D20 einer aufgelösten Aspirintablette im Wasser des gesamten Atlantik und C60 einem Salzkorn im Volumen von 10.000 Milliarden Kugeln von der Größe unseres Sonnensystems.

Problematisch ist auch die Tatsache, dass sich in jedem Homöopathikum unzählbare Verunreinigungen befinden – sie stammen etwa aus der Wirksubstanz selbst und aus dem Lösungsmittel. Diese Verunreinigungen werden bei der Herstellung von Homöopathika zwangsläufig mitpotenziert und müssten daher auch ihre gefährlichen und unvorhersehbaren Wirkungen und Nebenwirkungen entfalten: je höher potenziert, desto stärker ihre (möglichen) negativen Auswirkungen. Doch wie Skeptiker bei öffentlichen Demonstrationen oft gezeigt haben, ist es möglich, Hochpotenzen in beliebiger Menge einzunehmen, ohne dass dabei die geringsten Nebenwirkungen auftreten.

Der beliebte Satz von Befürwortern der Homöopathie, "Wer heilt, hat recht", ist eine Behauptung, die im 21. Jahrhundert auch nachgewiesen werden sollte. Homöopathika können nach den strikten Regeln der evidenzbasierten Medizin überprüft werden: Studien mit zahlreichen Probanden, Randomisierung, Doppelblindverfahren sowie Überprüfung von positiven Ergebnissen durch unabhängige Stellen. Auch wenn Homöopathen in den letzten Jahren den Markt mit selbstproduzierten Studien überfluten – sie entsprechen nur ganz selten diesen Regeln. Viele Studien haben zudem weltweit gezeigt, dass Homöopathie nur eine Scheinmedizin ist.

Weder ganzheitlich noch sanft und naturverbunden

Auch das Argument "Homöopathie wirkt sogar bei Tieren, sie kann daher kein Placebo sein" ist falsch. Denn ein Placebo wirkt, wie Studien zeigen, auch bei Tieren. Außerdem ist die Anwendung der klassischen Homöopathie bei Tieren gar nicht möglich, weil – wie Homöopathen immer wieder betonen – die Voraussetzung der Arzneifindung ein ausführliches Vorgespräch mit dem Patienten in Bezug auf seine Symptome ist. Und das könnte mit Tieren nur ein Dr. Dolittle bewerkstelligen.

Selbst die Behauptung, dass Homöopathie "ganzheitlich, sanft und naturverbunden" ist, erweist sich als irreführend. Denn die Homöopathie kennt nur Symptome, keine Krankheiten, und ist daher weit von "ganzheitlich" entfernt. Auch naturverbunden ist sie nicht, außer man ist der Überzeugung, dass potenzierte Berliner Mauer, Nitroglyzerin, Kondomgummi und Coca-Cola Naturprodukte sind. Ob man außerdem Arsen, Hundekot, Mondstrahlen und Vakuum als "gesunde Natur" ansehen kann, darf angezweifelt werden. Und wer bei gefährlichen Erkrankungen auf die Künste der Homöopathen allzu lange vertraut, ist in Gefahr, eine lebensrettende frühzeitigen Therapie seiner Erkrankung zu versäumen.

Dass so viele Menschen dennoch an Homöopathie glauben, liegt daran, dass Aberglaube und Wunschdenken – auch Selbsttäuschung – in unserer Gesellschaft immer noch weit verbreitet sind. Hinzu kommt, dass in der etablierten Medizin oftmals Kranken und deren Angehörigen viel zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit entgegengebracht werden und sie es bisher weitgehend verabsäumt hat, die Öffentlichkeit auf die Gefahren der Scheinmedizin aufmerksam zu machen. (Theodor Much, 16.5.2016)

Theodor Much hat Medizin studiert und war bis zu seiner Pensionierung Leiter der Hautambulanz im Hanusch-Krankenhaus in Wien. Er hat zahlreiche Sachbücher und Publikationen zu Aberglaube, Fundamentalismus, Scheinmedizin und Religion verfasst. Sein Buch "Der große Bluff: Irrwege und Lügen der Alternativmedizin" ist aktuell als Paperback neu erschienen.

  • Homöopathie ist weder ganzheitlich noch sanft und naturverbunden.
    foto: istock

    Homöopathie ist weder ganzheitlich noch sanft und naturverbunden.

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