Von Pilgern und Pülchern

Glosse9. Mai 2016, 13:50
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Woher das Wort "pilgern" kommt und was ein Kapuzenmantel damit zu tun hat

Seit den späten 1980er-Jahren, als Paulo Coelho den Bestseller "Auf dem Jakobsweg – Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela" schrieb, scheint es, sind viele auf den Geschmack des "modernen" Pilgerns gekommen, seien es Prominente oder nicht. Auch der deutsche Entertainer Hape Kerkeling machte sich 2001 auf den (Pilger-)Weg und dokumentierte seine Erlebnisse in "Ich bin dann mal weg".

Wir wollen unsere Füße jedoch schonen und pilgern nur in den 9. Wiener Gemeindebezirk zur spätbarocken Peregrini-Kapelle, die sich an der Nordseite der Servitenkirche befindet. Ihr Name erinnert an den Servitenbruder Peregrinus (1265-1345), der südlich von Ravenna wirkte und der Schutzpatron der Fußleidenden und chronisch Kranken ist. Er selbst hatte ein Venenleiden und einen Knochentumor am Bein, aber wie durch ein Wunder genas er, nachdem er eine Vision hatte. Im 18. Jahrhundert wurde er heiliggesprochen.

Zu seinen Ehren findet jährlich Anfang Mai ein Kirtag statt, der Peregrinimarkt – ein Brauch, der dank einer Initiative der IG1 Kaufleute Servitenviertel seit Ende der 1990er-Jahre wieder ins Leben gerufen wurde. Seit Kaisers Zeiten werden zu diesem Anlass Peregrinikipferl, eine Art Festgebäck aus schwach gesüßtem Mürbteig, in riesiger Stückzahl gebacken.

Wie wird nun aus Peregrinus ein Pilger?

Lateinisch peregrinus heißt "fremd, ausländisch" und ist eine Adjektivableitung des Lokativs per-egrē, "aus der Fremde, in die Fremde". Peregrē setzt sich zusammen aus per, "ringsum, hindurch, hinaus", und ager, "Acker, Feld, Gebiet, Landschaft". Peregrinus war auch ein römischer Rechtsbegriff, der einen Freien kennzeichnete, also einen, der dem Wortsinn nach außerhalb des ager romanus lebte – jemanden ohne römisches Bürgerrecht.

Die beiden r-Laute in lateinisch peregrinus wurden auf dem Weg ins Französische und Italienische dissimiliert zu –l– und –r–: französisch pèlerin, italienisch pellegrino, aber spanisch ohne Dissimilation: peregrino. Französisch pèlerine bezeichnet neben der Pilgerin auch eine Art Cape, einen Kapuzenmantel, und das Kleidungsstück wird im 19. Jahrhundert als Pelerine in die deutsche Sprache aufgenommen. Eine Pelerine ist eine ärmellose Oberbekleidung mit oder ohne Kapuze, die einem Umhang ähnelt, in Österreich "Wetterfleck" heißt und traditionell aus Loden ist. Früher trugen Pilger so eine Pelerine aus grobem Wollzeug.

Pilger, veraltet auch Pilgrime (Singular: Pilgrim; siehe auch englisch pilgrim) treten lange Fußmärsche an und wallfahrten zu einem Wallfahrtsort, zum Beispiel nach Mariazell, und sie machen das meist aus religiösen Gründen. Dem ursprünglichen Wortsinn nach ist ein Pilger einer, den es in die Fremde zieht, der sich aus Buße auf eine Pilgerfahrt begibt, um Nachlass seiner Sünden zu erbitten.

Eine Beichte wirklich nötig hätten die Spitzbuben und Strizzis, die sich früher bisweilen unter die Wallfahrer mischten, denen es jedoch an lauterer Gesinnung ermangelte. Heute bezeichnen wir Schwindler und Spitzbuben, die sich herumtreiben, vagabundieren und von kleinen Gaunereien leben, als Pülcher2. Das Wort ist eine mundartliche Nebenform von Pilger.

Weitere Wortbegegnungen

Pilgram begegnet uns auch als Familienname. Ein gewisser Anton Pilgram (ca. 1460-1515), seines Zeichens Baumeister und Bildhauer, wurde fünf Jahre vor seinem Tod von Brünn nach Wien berufen, wo er die Dombauhütte St. Stephan übernahm. Von ihm stammt der kunstvolle Entwurf für den Orgelfuß.

Die U4-Station Pilgramgasse wurde nach der gleichlautenden Straße in Wien-Margareten benannt. Namenspatron ist Franz Anton Pilgram (1699-1761), ein österreichischer Landschaftsbaumeister des Barock.

Wir fahren mit der U4 zur Roßauer Lände, kehren ins Servitenviertel zurück und schließen den Kreis mit dem fußmaroden Peregrinus: Hätten Sie gewusst, dass die Österreichische Gesellschaft für Phlebologie für herausragende Veröffentlichungen auf dem medizinischen Gebiet der Gefäßerkrankungen und Krampfadern den Peregrini-Förderungspreis vergibt? (Sonja Winkler, 9.5.2016)

Sonja Winkler beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Etymologie von Wörtern. Sie studierte Germanistik und Anglistik im Lehramt in Wien, übte mehr als 20 Jahre eine Lektorentätigkeit am Germanistischen und Anglistischen Institut der Uni Wien aus und war 18 Jahre im Schuldienst. Seit vier Jahren ist sie in Pension.

1 IG=Interessensgemeinschaft

2 Der Eintrag im Österreichischen Wörterbuch lautet "Pülcher", Aussprache [‘py:ҫɒ] ohne [l].

  • Blick in die Peregrini-Kapelle der Servitenkirche.
    foto: apa/roland schlager

    Blick in die Peregrini-Kapelle der Servitenkirche.

  • Pilger in Bayern.
    foto: dapd/lennart preiss

    Pilger in Bayern.

  • Das französische "pèlerine" bezeichnet auch eine Art Cape, das in Österreich "Wetterfleck" heißt. Früher trugen Pilger so eine Pelerine aus grobem Wollzeug.
    foto: epa/daniel dal zennaro

    Das französische "pèlerine" bezeichnet auch eine Art Cape, das in Österreich "Wetterfleck" heißt. Früher trugen Pilger so eine Pelerine aus grobem Wollzeug.

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