Guardiola: "Habe mein Leben gegeben"

4. Mai 2016, 13:16
548 Postings

Todtraurige Bayern nach dem Aus in der Champions League gegen Atletico: Der Trainer-Guru bleibt unvollendet, Rummenigge fühlt sich betrogen, Alaba sagt einfach nur: "Extrem bitter"

München – Pep Guardiola sah niedergeschlagen aus, wie ein Angeklagter, der nach langem Kampf keine Kraft mehr hat, sich gegen sein Urteil zu stemmen. Und er hatte erkennbar Mühe, Tränen zu unterdrücken. "Vielleicht", antwortete er eher zögerlich auf die Frage, ob er denn mit seiner Mission beim FC Bayern gescheitert sei. Aber er betonte zugleich: "Ich habe mein Bestes getan. Ich habe mein Leben gegeben für diese Mannschaft. Ich bin stolz. Es war eine Ehre, mit diesen Spielern zu arbeiten. Diese Spieler sind wow", sagte Guardiola.

Allein, es hat nicht gereicht, dreimal nicht. "Natürlich habe ich die Champions League gewinnen wollen", sagte Guardiola. Er wusste, was ihn erwartet, als er vor drei Jahren fast wie ein Messias empfangen wurde in München, wo sie selbstverständlich davon ausgegangen sind, dass sie mit diesem Trainer jetzt die Nummer eins in Europa werden. Stattdessen ist der FC Bayern am Dienstag zum dritten Mal im Halbfinale der Champions League gescheitert, trotz des 2:1 (1:0) gegen Atlético Madrid.

Ein Abend für die Ewigkeit

Es war ein Abend, der nach dem 0:1 im Hinspiel an Dramatik kaum zu überbieten war. Das 1:0 durch Xabi Alonso (31.), der verschossene Foulelfmeter von Thomas Müller (34.), das Gegentor durch Antoine Griezmann (54.) nach einem Fehlpass von Jerome Boateng, das 2:1 durch Robert Lewandowski (74.), dann noch der fragwürdige, von Manuel Neuer gehaltene Strafstoß von Fernando Torres (84.). Davor, dazwischen und bis zum Ende ein Sturmlauf der Münchner. Aber kein Happy End.

"Das tut richtig weh", sagte Müller, "es gibt nicht viel, was man uns vorwerfen kann." Nicht viel – aber eben zu viel. Klar, erklärte Müller, "den Elfmeter muss ich natürlich verwandeln", und beim Gegentor, ja, "da haben wir nicht ganz so gut ausgesehen". Ansonsten? "Haben wir ein Wahnsinnsspiel gemacht." Nur gereicht hat es eben nicht: Nach dem Scheitern gegen Real Madrid 2014 und den FC Barcelona 2015 folgte nun der Tragik nächste Akt.

Das Ende

Die Ära von Pep Guardiola in München wird am 21. Mai enden, mit dem DFB-Pokalendspiel gegen Borussia Dortmund in Berlin. Und erst danach will Klubchef Karl-Heinz Rummenigge ein Resümee der vergangenen drei Jahre ziehen. Ein erster Versuch der Einordnung von Kapitän Philipp Lahm am Dienstag klang ein wenig eigenartig. "Das große Ziel war das Finale", sagte er, "aber Pep hat in drei Jahren Pokal und Meisterschaften gewonnen. Man muss erst mal Trainer finden, die das erreicht haben." Nun ja.

Der böse Schiri

Rummenigge hat Schiedsrichter Cüneyt Çakır aus der Türkei eine Mitschuld am Ausscheiden gegeben. "Wir fühlen uns ein bisschen betrogen, was das Schiedsrichtergespann abgeliefert hat." Rummenigge behauptete, dass ein Uefa-Delegierter zu ihm nach dem Spiel über den 39-Jährigen gesagt habe: "It's a shame, what he did" (Es ist eine Schande, was er getan hat).

Der Bayern-Boss kreidete Çakır das Gegentor durch Antoine Griezmann (54.) an. Dies sei "abseits" gewesen, das Elfmeterfoul gegen die Bayern in der 84. Minute zudem "einen Meter außerhalb des Strafraums". Fernando Torres hatte aber ohnehin verschossen. Çakır, der schon in der vergangenen Woche das Halbfinal-Hinspiel zwischen Manchester City und Real Madrid geleitet hatte, sei wohl "ein bisschen überspielt", meinte Rummenigge.

Für David Alaba war der Abend einfach nur "extrem bitter. Wenn man sich den Spielverlauf anschaut, hätten wir uns mehr verdient", sagte der ÖFB-Teamspieler.

Boatengs Wahnsinn

Beim letztlich entscheidenden Auswärtstreffer von Atletico durch Antoine Griezmann setzte Jerome Boateng nach einem von ihm produzierten Fehlpass auf ein offensives Verteidigen, rückte aus der Abwehr und stand plötzlich auf einer Linie mit den zentralen Mittelfeldspielern Xabi Alonso und Arturo Vidal. Den dadurch entstandenen Raum nützte Fernando Torres für seinen Pass auf Griezmann.

Alaba konnte das Zuspiel nicht mehr abfangen. "Ich glaube, ich habe den Ball sogar noch ein bisschen berührt, aber es ist sich nicht mehr ausgegangen", ärgerte sich Alaba. Es passte ins Bild, dass Griezmann wohl aus Abseitsposition startete. "Dadurch ist das alles noch bitterer."

Dass der diesmal wieder als Linksverteidiger aufgebotene Wiener bei beiden Bayern-Toren seine Füße im Spiel hatte, war kein Trost. "Mir wäre es lieber, ich wäre an keinem unserer Tore beteiligt und wir wären im Finale." (sid, APA, red, 4.5.2016)

  • Eine Kugel habe er noch, sagte Pep Guardiola vor dem Champions-League-Halbfinale. Doch der Einzug ins Finale gelang nicht. Und dennoch sagt der Trainer anschließend: "Ich bin glücklich."
    foto: reuters/schiffmann

    Eine Kugel habe er noch, sagte Pep Guardiola vor dem Champions-League-Halbfinale. Doch der Einzug ins Finale gelang nicht. Und dennoch sagt der Trainer anschließend: "Ich bin glücklich."

  • Atletico hat nun also zwei der drei stärksten Mannschaften in Europa ausgeschaltet. Jetzt will man nach zwei verlorenen Endspielen (1974, 2014) endlich den großen Pokal gewinnen.
    foto: apa/stache

    Atletico hat nun also zwei der drei stärksten Mannschaften in Europa ausgeschaltet. Jetzt will man nach zwei verlorenen Endspielen (1974, 2014) endlich den großen Pokal gewinnen.

Share if you care.