Insekten essen: Noch sind viele Fragen offen

4. Mai 2016, 12:17
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Lebensmittelforscher sieht neben rechtlichen Aspekten auch noch ungeklärte Aspekte bei Zucht und hygienischer Fütterung der Tiere

Wien – Insekten zu essen verliert in unseren Breiten zwar langsam den Nimbus der Mutprobe, Kreationen wie Insektenburger dürften aber nicht so bald breit angeboten werden. Trotz vielversprechenden Nährwertprofils gebe es noch Fragen zu rechtlichen Aspekten und zur Zucht zu klären, sagte der Lebensmittelforscher Henry Jäger anlässlich der Tagung "Insekten als Proteinquelle der Zukunft?" am Mittwoch in Wien.

"Noch kein Trend"

Den Ausdruck "Ernährungstrend" sollte man in Mitteleuropa im Zusammenhang mit dem Verzehr von Insekten, der sogenannten Entomophagie, noch nicht gebrauchen, erklärte der Wissenschafter von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien. Trotzdem befinde sich das Thema im Aufwind. "Aktuell sind Insekten aber eher als Snack-Produkt relevant", sagte Jäger, der am Mittwoch bei der von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) organisierten Veranstaltung im Gesundheitsministerium in Wien spricht.

Das Angebot hierzulande beschränke sich beispielsweise noch auf getrocknete, gebratene oder frittierte ganze Mehlwürmer oder Heuschrecken. In Belgien würden dagegen verarbeitete Produkte wie Insekten-Burger auf Basis zerriebener ganzer Insekten ("Insektenmehl") schon angeboten. Damit bewege man sich in einer rechtlichen Grauzone, denn eigentlich dürften die Tiere nur im Ganzen verkauft werden. Trennt man das Insekt in die darin enthaltenen Eiweiße oder Fette auf, käme die "Novel Food-Verordnung" der EU zum Tragen. "Dann müsste dieses Produkt ein Zulassungsverfahren durchlaufen", erklärte Jäger. Ab 2018 gilt diese Regelung auch für ganze Insekten.

Hoher Nährwert unbestritten

Potenzial habe die Entomophagie aber allemal. So wurde erst kürzlich ein umfassendes Weißbuch präsentiert, das im Rahmen des von der EU geförderten Projekts "PROteINSECT" auch von österreichischen Forschern erstellt wurde. Darin werden etwa positive Umweltauswirkungen der Verwendung von Insektenlarven als Futtermittel angesprochen.

"Die Zusammensetzung von Insekten ist tatsächlich vorteilhaft. Sie haben einen hohen Gehalt an ernährungsphysiologisch interessanten Proteinen und Fetten", sagte auch Jäger. Aus Sicht der Nachhaltigkeit brächte Insektenzucht vermutlich ebenfalls Vorteile mit sich, da die Tiere mit wenig Futter viel Biomasse aufbauen können und man sie auf engem Raum züchten kann.

Zucht und Fütterung noch nicht geklärt

"Dazu fehlen aber noch wissenschaftlich fundierte Zahlen, weil es aktuell noch keine standardisierten Zuchtkonzepte gibt. Es ist zum Beispiel nicht klar, mit welchem Futter die Insekten gefüttert werden sollen", so der Experte. Eine Frage sei hier, in welchem Maßstab sie mit Abfällen gefüttert werden dürfen. Komme als Nahrung von Gesetzeswegen beispielsweise nur Getreide in Frage, sinke die Nachhaltigkeitsbilanz.

Auch punkto Sicherheit des Nahrungsmittels sei es noch vieles zu klären: "Weil wir schon sehen, dass die Kontamination mit Keimen aktuell ein Problem ist", sagte Jäger. Die Fütterung mit Abfällen berge auch das Problem, dass es zu Anreicherungen von Problemstoffen kommen könnte. Etwa wenn sich die Insekten großteils von mit Pestiziden belasteten Obst- und Gemüseabfällen ernähren.

Ein entscheidender limitierender Faktor in weiten Teilen der westlichen Welt ist zumindest vorerst noch die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Verzehr von Käfern, Raupen oder Grillen. "Durchsetzen werden sich Insekten nur dann, wenn wir eine Verarbeitung anschließen", so das naheliegende Fazit des Forschers. Mit Produkten auf Basis von Insekten-Eiweiß oder -Fett könnten sich viele Konsumenten vermutlich leichter anfreunden. (APA, 4. 5. 2016)

  • Variationen gibt es mittlerweile jedenfalls reichlich: Hier wurde Insektenmehl in Pasta eingearbeitet.
    foto: apa/afp/jean-christophe verhaegen

    Variationen gibt es mittlerweile jedenfalls reichlich: Hier wurde Insektenmehl in Pasta eingearbeitet.

  • Artikelbild
    foto: apa/afp/jean-christophe verhaegen
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