Jeder zweite Mitarbeiter kennt "Industrie 4.0" nicht

4. Mai 2016, 12:16
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Je niedriger der Ausbildungslevel, desto geringer ist das Wissen über Industrie 4.0 und die Auswirkungen auf den eigenen Job

Rund die Hälfte der Mitarbeiter in produzierenden Industriebetrieben in Österreich weiß nicht, was unter Industrie 4.0 zu verstehen ist oder hat den Begriff gar noch nie gehört. Das zeigt das "Trendbarometer Industriemitarbeiter", eine vom Gallup-Institut im Auftrag von Festo durchgeführte Telefonumfrage unter 501 Mitarbeitern der produzierenden Industrie. Nur ein Viertel der Befragten gab dort an, ziemlich genau zu wissen, was man unter Industrie 4.0 versteht. 26 Prozent meinten, eine ungefähre Vorstellung davon zu haben.

Bei der Bitte, den Begriff zu definieren, konnten nur mehr 71 Prozent der "vermeintlich Wissenden", also rund 180 Personen, ein passendes Schlagwort – wie etwa Digitalisierung, Vernetzung, Kommunikation, Automatisierung oder Internet der Dinge – nennen, von jenen Befragten mit einem Pflicht-, Berufs- und Fachschulabschluss 28 Prozent treffende Angaben machen. Bei Maturanten waren es 39 Prozent und bei Mitarbeitern mit Universitätsabschluss 62 Prozent. "Das zeigt, dass die Ahnung von Industrie 4.0 abhängig von formaler Bildung ist", kommentierte Günther Haunlieb vom Gallup-Institut die Ergebnisse am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien.

Kaum Angst vor Jobverlust

Der Ausbildungslevel beeinflusst auch, wie wichtig Mitarbeiter das Thema Industrie 4.0 für ihr Unternehmen bewerten: Bei Personen mit Pflicht-, Berufs-und Fachschulabschluss sehen 45 Prozent – nach einer Erklärung des Begriffes – das Thema als sehr wichtig bzw. wichtig für ihre Firma, bei jenen mit Matura sehen es 57 Prozent als sehr wichtig bzw. wichtig und bei jenen mit Universitätsabschluss 60 Prozent.

Letztere haben wiederum am wenigstens Sorge durch Industrie 4.0 ihren Job zu verlieren. 38 Prozent der Akademiker erwarten sich durch Industrie 4.0 eher keinen Arbeitsplatzverlust. "Als Akademiker hat man offenbar eher das Gefühl, gebraucht zu werden", sagt Haunlieb. Bei Personen mit Maturaabschluss sind es 27 Prozent; bei Pflicht- Berufs- und Fachschulabsolventen fürchten 25 Prozent keinen Jobverlust.

Bereitschaft zur Weiterbildung

Auch dass Weiterbildung in Österreichs Industriebetrieben offenbar noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, ergab das Trendbarometer. 48 Prozent der über 400 befragten Mitarbeiter aus dem technischen Bereich geben an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten kein Weiterbildungsangebot von ihrem Arbeitgeber erhalten haben. Lediglich 47 Prozent erinnern sich an ein solches.

Dabei sind sich Industriemitarbeiter der Bedeutung von Weiterbildung scheinbar bewusst – sie sind sogar willens, selbst dafür zu bezahlen. Bei Pflicht-, Berufs- und Fachschulabgängern sind 35 Prozent dazu bereit, bei Maturanten 31 Prozent und bei Mitarbeitern mit universitärem Abschluss sogar 48 Prozent. Auch ihre Freizeit würde ein großer Teil der Weiterbildung opfern (62 Prozent). Auch hier zeigt sich: Je höher der formale Bildungsabschluss, desto größer ist die Bereitschaft, Freizeit zu investieren.

foto: festo

Angebot offenbar unzureichend

Für das Trendbarometer wurden auch Personalverantwortliche zum Thema Aus- und Weiterbildung der Techniker im Unternehmen befragt. 61 Prozent gaben darin an, ihren Mitarbeitern in den letzten zwölf Monaten Weiterbildungsangebote gemacht zu haben. Nur 53 Prozent konnten allerdings Angaben zum Thema des Kurses machen.

Für Haunlieb zeigt das, dass die Personalabteilungen "unter ihren Möglichkeiten bleiben", was die Ausbildung von Mitarbeitern betrifft – sind viele doch dazu bereit.

Bessere Information

Rainer Ostermann, Country-Manager bei Festo Österreich, sieht die Politik in der Pflicht, "etwas zu tun, um den Wissensstand zum Thema Industrie 4.0 zu erhöhen". Es brauche bessere Kommunikation, mehr Information, "sonst droht Arbeitslosigkeit". Politiker müssten über das Thema öffentlich reden. "Merkel oder Obama machen das bereits. Wenn man Faymann fragt, was Industrie 4.0 ist, weiß er das nicht", so Ostermann.

Auch Unternehmen, sagt er, müssten vermehrt Weiterbildungen anbieten. Marketingleiterin Katharina Sigl stimmt zu. "Sie müssen die Menschen abholen und auf dem Weg in Richtung Industrie 4.0 mitnehmen". Am besten würden Mitarbeiter im "arbeitsnahen Umfeld" lernen. Pilotfabriken, sagt Sigl, müssten auch in Österreich dringen geschaffen werden. "Da sind wir nicht auf dem Stand der Dinge." (lib, 4.5.2016)

  • Industrie-4.0-Lernfabrik.
    foto: festo

    Industrie-4.0-Lernfabrik.

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