Rassismus: Debatte um Bildsprache in feministischen Medien

4. Mai 2016, 18:27
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Warum "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer das feministische Magazin "an.schläge" unter Beschuss nimmt

Viel ist über die sexuellen Übergriffe zum Jahreswechsel in Köln geschrieben worden. Vor allem darüber, wie viel die kulturelle Herkunft der unter Tatverdacht stehenden nordafrikanischen Männer mit Frauenverachtung zu tun hätte. Dazu wurde auch gezeichnet. Die Illustratorin Bianca Tschaikner hatte für die Wochenzeitschrift "Falter" Anfang Jänner das Titelbild gestaltet, welches Ende April vom Presserat als diskriminierend und pauschal verunglimpfend bewertet wurde. Nun bricht "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer eine Lanze für Tschaikner und geht zum Angriff auf das feministische Magazin "an.schläge" über. Warum?

Tschaikner war mehrere Jahre freie Mitarbeiterin beim feministischen Magazin "an.schläge". Kurz nach Erscheinen des "Falter"-Covers stornierte das Magazin einen weiteren Auftrag an Tschaikner – mit Abstandshonorar – und beendete die Zusammenarbeit. Die "an.schläge"-Redaktion wollte keine Zeichnungen abdrucken, die womöglich ähnlich ausgefallen wären, denn es ging um die Illustration zweier Artikel zum Thema sexuelle Gewalt. Das feministische Magazin "Missy" veröffentlichte am 2. 5. einen Kommentar von Lea Susemichel, der leitenden Redakteurin der "an.schläge".

Emma und Falter

"Falter"-Chefredakteur Florian Klenk schrieb via Social Media gegen die "an.schläge", sie hätten Tschaikner "rausgeworfen", weil sie Übergriffe in arabischen Ländern und Köln thematisiert habe.

Lea Susemichel entgegnet in ihrem Kommentar: "Es ist absolut nicht richtig, dass wir die Zusammenarbeit beendet haben, weil Bianca Tschaikner sexuelle Übergriffe durch Migranten thematisiert. Wir wollten aufgrund der Art, wie sie das tat, keine Illustration von ihr zum Thema drucken." Und: "Ästhetische Mittel zur aufhetzenden Verunglimpfung von Menschen, die eine lange kolonialistische bis faschistische politische Tradition haben, sind dazu definitiv nicht geeignet."

Die neue "Emma"-Ausgabe berichtet Anfang Mai auf zwei Seiten über den Fall und bezichtigt die "an.schläge", sie würden "Antirassismus per se über den Antisexismus stellen". Und Alice Schwarzer bezeichnet auf ihrer Website die "an.schläge" als "Hüterinnen des Antirassismus", die "niemals einen Finger auf die Wunde" legen würden, sondern "immer nur drumrum schwadronieren" würden. Dazu Susemichel: "Feminismus und Antirassismus sind klare Leitlinien unserer redaktionellen Arbeit – diese beiden Prinzipien spielen wir nicht gegeneinander aus und stellen auch nicht das eine über das andere."

Hintergrund: Presserat rügt "Falter"

Die Illustration auf dem "Falter"-Cover, auf dem fünf weinende hellhäutige Frauen von einer Meute grimmiger dunkelhaariger Männer bedrängt werden, schlug Wogen. Eine "Falter"-Leserin wandte sich an den Presserat und kritisierte, dass die Bildsprache "voll von rassistischen und stigmatisierenden Klischees" sei und Gruppen, die "muslimisch, arabisch, schwarz oder nordafrikanisch" seien, unter Generalverdacht stelle.

Bei der Verhandlung des Presserats brachte die Zeichnerin Bianca Tschaikner vor, dass sie die Männer nicht als "spezifisch nordafrikanisch" porträtiert habe, dies sei einfach die Art, wie sie zeichne. Und zu den Vorfällen in Köln sagte sie: Das sei so passiert, und das müsse man so darstellen dürfen. Und Florian Klenk sprach davon, dass es sich um eine Illustration mit künstlerischem Anspruch handle.

Der Senat des Presserats kam zu einem anderen Urteil und hielt fest, dass es für ihn nicht auf die Absicht der Zeichnerin ankomme, sondern "vielmehr und ausschließlich darauf, wie dies von den Leserinnen und Lesern wahrgenommen wird beziehungsweise wahrgenommen werden kann". Durch die uniforme Darstellung werde ein "Prototyp eines Mannes aus dem nordafrikanischen bzw. arabischen Raum konstruiert". Dem Senat zufolge werde der Eindruck erweckt, als "würden sich alle Männer aus dem nordafrikanischen Raum auch hier in Europa Frauen gegenüber nicht entsprechend korrekt verhalten". Nachzulesen ist dies im zusammenfassenden Verhandlungsbericht des Presserats. (red, 4.5.2016)

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