Gespannte Ruhe in Aleppo – Neue Feuerpause hält zunächst

5. Mai 2016, 15:02
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Assad setzt ungebrochen auf "endgültigen Sieg" – Doppelanschlag in Zentralsyrien mit mindestens zehn Toten

Aleppo – Nach fast zwei Wochen heftiger Kämpfe hat eine neue Waffenruhe in der nordsyrischen Stadt Aleppo zunächst weitgehend gehalten. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien meldete am Donnerstag nur vereinzelte Verstöße gegen die Feuerpause. Allerdings hätten viele Anrainer aus Angst vor neuer Gewalt ihre Häuser nicht verlassen.

Auch der lokale TV-Kanal Halab Today meldete, in Aleppo herrsche gespannte Ruhe.

Die USA und Syriens enger Verbündeter Russland hatten sich auf die neue Waffenruhe geeinigt, nachdem die Gewalt in Aleppo in den vergangenen Tagen eskaliert war. Allerdings gab es Verwirrung um den Beginn der 48-stündigen Feuerpause. Syrischen Staatsmedien zufolge trat sie am frühen Donnerstagmorgen in Kraft. Nach Darstellung des US-Außenministeriums war das schon 24 Stunden vorher der Fall.

Kampf um Aleppo

Die zwischen Regime und Rebellen geteilte Stadt ist umkämpftester Schauplatz in Syriens Bürgerkrieg. Den Menschenrechtsbeobachtern zufolge waren zuletzt mindestens 285 Zivilisten bei Luftangriffen und Gefechten getötet worden. Aus Protest gegen den Anstieg der Gewalt hatte Syriens Opposition die Genfer Friedensgespräche verlassen. Insgesamt sind seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor mehr als fünf Jahren nach UNO-Angaben rund 400.000 Menschen ums Leben gekommen.

Das US-Außenministerium erklärte, es setze darauf, dass Russland seinen Einfluss auf das Regime von Präsident Bashar al-Assad geltend mache. Die USA würden das ihre tun. Von russischer Seite hieß es, der Schritt könnte der "Prolog zu einer vollwertigen Feuerpause" sein. "Aber wenn jemand wie die (Terrorgruppe) Al-Nusra-Front bewusst den Frieden nicht will, wird er alle Seiten ständig provozieren und beschießen", sagte Generalmajor Igor Konaschenkow.

Bei der Al-Nusra-Front handelt es sich um den syrischen Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie ist von der Waffenruhe genauso ausgenommen wie die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Assad machte zugleich in einem Schreiben an Russlands Präsident Wladimir Putin deutlich, dass er weiter auf einen "endgültigen Sieg" gegen die Rebellen setzt. Syriens "heldenhafte Armee" werde nichts weniger als diesen akzeptieren, kabelte Assad zum Jahrestag des Sieges der Roten Armee über Nazi-Deutschland nach Moskau.

Doppelanschlag

Bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager in einem von Rebellen kontrollierten Gebiet im syrischen Grenzgebiet zur Türkei sind mindestens 28 Menschen getötet worden. Dies teilten am Donnerstag Aktivisten der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Unter den Toten seien Frauen und Kinder, fügte die Organisation hinzu. Es sei zu befürchten, dass die Opferzahl noch steigen werde.

Der Angriff ereignete sich demnach in Sarmada, das lediglich rund 30 Kilometer von Aleppo entfernt liegt. Dort gilt seit der Nacht auf Donnerstag eigentlich – wie auch im Rest des Bürgerkriegslandes – eine Waffenruhe. Die Beobachtungsstelle stützt sich auf ein Netz von Informanten in Syrien, ihre Angaben sind von unabhängiger Seite kaum überprüfbar.

Vor heftigen Kämpfen rund um Aleppo waren zuletzt Zehntausende in Richtung türkischer Grenze geflohen. Die Türkei hat ihre Grenze jedoch weitgehend für Bürgerkriegsflüchtlinge geschlossen und lässt nur vereinzelt Menschen ins Land.

Unterdessen wurden bei einem Doppelanschlag auf eine von der Regierung beherrschte Stadt in Mittelsyrien mindestens zehn Menschen getötet. Bei der Explosion zweier Bomben in Muharram Fukani seien zudem mehr als 40 Menschen verletzt worden, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, zwei Selbstmordattentäter hätten sich mit einem Auto und einem Motorrad in die Luft gesprengt. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag. Die Stadt liegt jedoch unweit des syrischen Gebietes, das von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) beherrscht wird. Die Extremisten haben bereits mehrfach Attentate in dem Bürgerkriegsland verübt.

UNO-Untergeneralsekretär Jeffrey Feltman sagte in einer Sitzung des Sicherheitsrates, die Bombardements der syrischen Regierung in den vergangenen zwei Wochen zählten zu den schlimmsten seit Beginn des Bürgerkriegs. UNO-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien sprach von einem "Gemetzel" und erklärte, das Leben in Aleppo sei wegen der ständigen Gefahr von Attacken, darunter Luftangriffe mit international geächteten Fassbomben, entsetzlich und habe jeden Sinn verloren. (APA, 5.5.2016)

  • Schäden nach einem Angriff.
    foto: apa/afp/ourfalian

    Schäden nach einem Angriff.

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