Zwischen Hotspot und "konstruiertem Angstraum"

Video3. Mai 2016, 17:46
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Sozialarbeiter warnen davor, dass der wegen sexueller Übergriffe in die Schlagzeilen gekommene Praterstern schlechtgeredet wird – Sorge unter Pendlern ist groß

Wien – "Das war eine Erasmus-Studentin, die hier vergewaltigt wurde. Das macht schon nachdenklich", sagt Anna. Sie ist 20 Jahre alt, studiert an der Wirtschaftsuniversität Wien und steht mit einem Kollegen in der Wartehalle des Bahnhofs Praterstern. Der Fall des Missbrauchs einer jungen Frau vor rund zwei Wochen ist hier ein präsentes Gesprächsthema. Jeder hat davon gelesen: von der jungen Türkin, die von drei Afghanen in der Toilettenanlage abgepasst und brutal vergewaltigt wurde. Auch Anna sagt, sie habe seither ein mulmiges Gefühl, wenn sie durch die Bahnhofshalle gehe.

derstandard.at

Es ist Montag, 18 Uhr, Rushhour auf dem Praterstern. Pendler wechseln von der U-Bahn in die Schnellbahn und umgekehrt. Anrainer erledigen ihre Einkäufe im Supermarkt im Bahnhofsgebäude. Obdachlose und Drogenabhängige stehen im Eingangsbereich des Bahnhofs herum. Dazwischen zwei Männer in roten Jacken. Sie sind zwei von insgesamt zehn Sozialarbeitern der Suchthilfe Wien (sam 2), die am Praterstern stationiert und täglich im Einsatz sind.

Markus Bettesch, der Leiter der Einrichtung, arbeitet hier seit 2008. "Wir hatten es zu Beginn mit sehr stabilen Gruppen zu tun", blickt er auf die vergangenen Jahre zurück. "Jetzt nutzen mehrere Subgruppen den Platz. Aufgrund dieser Vielschichtigkeit steigt auch das Konfliktpotenzial." Das sei aber nicht mit dem Gefahrenpotenzial gleichzusetzen, hält er fest.

Wer sind die unterschiedlichen Gruppen? "Der Praterstern ist ein Aufenthaltsort für etwa 30 Suchtkranke, 50 Nichtanspruchsberechtigte (Personen aus Osteuropa, die keinen Zugang zum Sozialsystem haben, Anm.) und einige Obdachlose", sagt Bettesch. "Wir beraten, begleiten und vermitteln. Bei Konflikten deeskalieren wir." Man stehe dabei in engem Kontakt mit der Polizei, den Wiener Linien und der ÖBB. "Unser Hauptaufgabengebiet ist es, mit den Menschen in Kontakt zu treten, uns für ihre Lebenswelten zu interessieren." Dazu gehören Kleinigkeiten: Etwa wenn es darum geht, einen Jeton für die Benutzung des WC herzugeben.

Suchtkranke, Flüchtlinge und Obdachlose treffen auf dem Bahnhofsvorplatz aufeinander.

Bettesch hat die Aufregung der vergangenen Wochen natürlich mitbekommen. Die Vergewaltigung der jungen Frau war der zweite große Vorfall im Raum Praterstern im aktuellen Jahr. Bereits im Februar war eine 18-Jährige in der Nähe der Hauptallee missbraucht worden.

Dennoch warnt Bettesch davor, dass nun "Angsträume konstruiert" werden: "Es passieren so gut wie keine Übergriffe auf Passantinnen auf dem Praterstern", ist er überzeugt. Gestiegen sei seiner Wahrnehmung nach der Drogenhandel. Er spricht von einem "subjektiven Unsicherheitsgefühl" der Menschen, führt das auf zugespitzte Medienberichte zurück und darauf, dass "störendes oder irritierendes Verhalten" der verschiedenen Gruppen "beobachtbar, aber oft nicht sofort zuordenbar" sei.

Die Statistik der Polizei zeigt jedoch, dass die Zahl der Straftaten auf dem Praterstern hoch ist. In den Monaten März und April wurden 420 Delikte verübt. Je ein Drittel der Anzeigen betraf Suchtmittelhandel sowie Eigentumskriminalität wie Trick- und Taschendiebstahl. Die Polizei verzeichnete zudem 57 Fälle von Körperverletzung und anderer Gewalttaten.

Kurs für Selbstverteidigung

Vor allem der verstärkte Drogenhandel sei laut Polizei auch auf die Flüchtlinge zurückzuführen. Bettesch hat den "offenen und ungenierten Handel mit Drogen, vor allem mit Cannabis" beobachtet. Die Flüchtlinge – in erster Linie junge Männer aus Afghanistan – halten sich im Bereich Venediger Au auf. "Sie schlagen hier die Zeit tot", sagt Bettesch. Wichtig sei es, auf Zugang zu Arbeit, Bildung und Sprache zu setzen.

Viele Städte würden Wien um die Sicherheitslage beneiden, ist der Sozialarbeiter überzeugt. Dennoch weiß er, dass man die Sorgen der Anrainer ernst nehmen müsse. Etwa jene von Julia (35). Die Marketingmitarbeiterin sagt: "Ich fühle mich nicht sicher." Sie habe das Gefühl, dass "es in letzter Zeit schlimmer geworden" sei. Wenn sie lange arbeiten muss, fährt sie mit dem Taxi nach Hause. Gerade kommt sie vom Selbstverteidigungsseminar. "Ich will lernen, wie man sich in unsicheren Situationen verhalten kann." (Text: Rosa Winkler-Hermaden, Video: Sarah Brugner, 4.5.2016)

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