Im Wendekreis der Schildkröte

Rezension3. Mai 2016, 17:32
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Seit einer Impfung im siebten Lebensmonat ist Franz-Joseph Huainigg gelähmt.Er studierte Germanistik und Medienkommunikation an der Universität Klagenfurt, promovierte 1994 und hat seit damals zahlreiche Bücher publiziert

Für viele bedeutet Glück, ein superschnelles Auto zu fahren, die neueste Designermode zu tragen oder einen Berggipfel zu erklimmen. Für mich ist es Glück, einen Elektrorollstuhl zu fahren, als Halsschmuck den Schlauch einer Beatmungsmaschine zu tragen, mit einer Atemkanüle zu atmen, mit meiner dreizehnjährigen Tochter 'Mensch ärgere dich nicht' zu spielen und mit meiner Familie leben zu dürfen." Klare Worte eines Menschen, der weiß, wovon die Rede ist. Seit einer Impfung im siebten Lebensmonat ist Franz-Joseph Huainigg gelähmt. Der 1966 in Kärnten Geborene absolvierte die Schule, studierte Germanistik und Medienkommunikation an der Universität Klagenfurt, promovierte 1994 und hat seit damals zahlreiche Bücher publiziert.

Franz-Joseph Huainigg ist Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat und Sprecher der ÖVP für Internationale Zusammenarbeit und Menschen mit Behinderung. "Kürzlich habe ich mich selbst im Fernsehen gesehen und bin erschrocken. So behindert! Starr im Rollstuhl sitzend mit Beatmungsschlauch und piepsender Maschine. Ist so ein Leben lebenswert?" Die Frage beantwortet Huainigg selbst eindeutig: "Ich kann Sie beruhigen: Die Innensicht ist anders. Ich führe ein durchaus erfülltes Leben mit meiner Familie, einer interessanten beruflichen Aufgabe und persönlichen Assistentinnen, die mir ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen."

Aus der Not und dem Albtraum, behindert zu sein, machte Huainigg eine Tugend. Wie er es formuliert, wurde die Behinderung "Teil seiner Identität". Aus diesem Grund verfasste er einen Ratgeber, der Denkanstöße geben soll, die jeweilige "Lebenssituation anders zu betrachten sowie neue Werte, neues Glück und Sinn zu entdecken". Unprätentiös, mit einer gehörigen Portion Ironie, Selbstironie sowie Zynismus beschreibt Huainigg seinen Alltag, seine Entwicklung, das Lernen von Schildkröten trotz Unzulänglichkeiten. Er beschreibt Grenzen und Grenzüberschreitungen, er beschreibt Willensbildung, Wissen und die List, wie er aus Scheitern Glücksmomente formt.

Das Motto "Raus aus dem Mitleid!" ist ein wesentlicher Bestandteil seines Seins. Das Suchen, Finden und Hinterfragen ist ihm so selbstverständlich wie für andere das Atmen. Auch die Scheu anderer im Umgang mit behinderten Menschen thematisiert er. Verständnisvoll, einfühlsam. Und wahrlich: Von diesen Sichtweisen, von diesen differenzierten, klaren Worten unter Ausleuchtung unterschiedlicher Perspektiven kann man nur profitieren. Wie? "Nicht weil es mir in Ihren Augen vermeintlich schlechter geht, sondern weil Sie Ihr Leben mit anderen Augen sehen." Sic est. (Gregor Auenhammer, 3.5.2016)

Franz-Joseph Huainigg, "Mit Mut zum Glück das Leben wagen". € 19,90 / 176 Seiten. Carl Ueberreuter Verlag. Wien 2016

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