Song Contest: Blick über den Tellerrand

Rezension mit Video4. Mai 2016, 17:53
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Der Eurovision Song Contest bringt Europa wieder auf eine gemeinsame Bühne, dabei kristallisieren sich bereits High- und Lowlights heraus

Neben Pfingsten und dem Finalspiel der Champions League bringt der Mai jährlich vor allem eines: den Eurovision Song Contest, diesmal – nach dem Triumph vom Schweden Måns Zelmerlöw – am 14. Mai aus Stockholm. Mittlerweile stehen alle Beiträge der 43 teilnehmenden Nationen fest, und weil man bei dieser Anzahl an Liedern schnell den Überblick verliert, gibt es hier eine kleine Auswahl der größten Favoriten und Kuriositäten.

сергей лазарев

Der große Siegesanwärter kommt in diesem Jahr – zumindest, wenn man den Wettquoten führender Anbieter (3 bei Ladbrokes) Glauben schenkt – aus Russland. Nachdem Polina Gagarina 2015 nur knapp an Sieger Zelmerlöw scheiterte, geht für die flächentechnisch größte Nation des Wettbewerbs heuer Sergey Lazarev ins Rennen. Der gebürtige Moskauer ist in seiner Heimat längst ein Superstar und 2008 in der nationalen Vorausscheidung nur knapp gescheitert – unter anderem am späteren Song-Contest-Sieger Dima Bilan. In diesem Jahr darf er sich dank seines kraftvollen Popsongs "You Are The Only One" beachtliche Chancen auf den Sieg ausrechnen.

eurovision song contest

Die Makemakes sind klar daran vorbeigeschrammt, Frans könnte es für Schweden diesmal schaffen: erstmals nach den Irland-Siegen 1992, 93 und 94 wieder den Song Contest mindestens zweimal hintereinander gewinnen. Er befindet sich auf Platz zwei der Wettanbieter und tatsächlich bietet sein Song "If I Were Sorry" viel Potenzial für eine Platzierung in den Spitzenrängen – mit sanften Gitarrenklängen und einem eingängigen Refrain könnte der selbst erst 17-Jährige vor allem bei der jungen Zielgruppe punkten. Schon 2006 stürmte er mit der Fußballhymne "Who's Da Man", gerichtet an den schwedischen Fußballstar Zlatan Ibrahimović, an die Spitze der schwedischen Single-Charts – diesen Erfolg konnte er mit "If I Were Sorry" bereits wiederholen.

eurovision song contest

Nicht erst seit vergangenem Jahr ist der Song Contest auch über die europäischen Grenzen hinweg bekannt und beliebt – und durch die Teilnahme Australiens in Wien wurde das noch deutlicher als zuvor. Ursprünglich als einmaliges Ereignis geplant, schickt Australien auch in diesem Jahr wieder einen Beitrag ins Rennen: die geborene Südkoreanerin Dami Im muss sich, im Gegensatz zum ersten Antreten Australiens, bereits durchs Halbfinale kämpfen, sollte damit aber keine großen Probleme haben. 2013 setzte sie sich in der australischen Version der Castingshow "The X Factor" durch, ihre kraftvolle Stimme kommt in der Nummer "Sound Of Silence" gut zur Geltung – mit dem fünften Platz hat Guy Sebastian die Latte im vergangenem Jahr hoch gelegt, dennoch hat Im gute Chancen, das beste australische Song Contest Ergebnis der Geschichte zu erreichen.

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Wer musikalische Experimente sucht, wird beim ESC, wie der Song Contest liebevoll abgekürzt wird, oft nur bedingt glücklich. Auch diesmal findet sich Außergewöhnliches nur schwer inmitten von Mainstream-Popsongs und 0815-Balladen – für Liebhaber songtechnischer Innovationen könnte in diesem Jahr allerdings der norwegische Beitrag interessant sein. Nur ein Buchstabe trennt sie vom Vornamen der ABBA-Legende Agneta Fältskog, aber nicht nur deshalb sollte man Agnete auf der Rechnung haben: Ihr – selbst mitgeschriebener – Titel "Icebreaker" zeichnet sich durch einen unerwarteten Tempowechsel im Refrain aus, welcher den Song aus der Masse herausstechen lässt.

eurovision song contest

Es wäre kein Song Contest ohne politische Statements auf der Bühne – in diesem Jahr wird dieser Bereich besonders von der Ukraine, vertreten durch die Sängerin Jamala, abgedeckt. Bewegend ist sowohl die Vergangenheit ihrer Familie als auch der Songtext, der darauf aufbaut – das von ihr komponierte und geschriebene Lied "1944" widmet die ausgebildete Opernsängerin ihrer Großmutter, welche in eben jenem Jahr unter Stalin von den Krimtataren nach Kirgisistan deportiert wurde. Auch aus musikalischer Sicht ist der Beitrag reizvoll, bietet das Lied doch den ersten krimtatarischen Refrain der Song-Contest-Geschichte – und der kann sich durchaus hören lassen.

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Im letzten Jahr teilten sie sich das punktelose Ergebnis mit den Makemakes, heuer setzt sich das Nachbarland Deutschland wieder größere Ziele: Dabei helfen soll die erst seit wenigen Tagen volljährige Jamie-Lee Kriewitz, auf der Bühne nur Jamie-Lee, Siegerin der fünften Staffel von "The Voice Of Germany". Erwähnenswert ist dabei weniger ihr Song, vielmehr ist es das Outfit, mit welchem die Schülerin auftreten wird – ihre Kleidung ist dem japanischen "Decora"-Stil angepasst, das bedeutet knallige Neonfarben, Kniestrümpfe und extravaganter Kopfschmuck. In der bunten ESC-Fangemeinde hat sie dadurch gute Chancen zum Publikumsliebling, ihrer Nummer "Ghost" fehlt es nur ein wenig am Ohrwurmfaktor. Allein schon durch den Look sollte ihr Auftritt den Zusehern aber trotzdem im Gedächtnis bleiben.

funkyboymarksamples

Der wohl skurrilste Beitrag in diesem Jahr ist allerdings San Marino vorbehalten. Eigentlich ist Serhat ein erfolgreicher türkischer Fernsehmoderator, heuer soll er die Nation mit der Einwohnerzahl Feldkirchs ins Finale des Wettbewerbs führen. Ursprünglich war sein Song "I Didn't Know" als kitschige Ballade mit noch kitschigerem Video geplant – dabei blickt er, ausgestattet mit Monokel und Hut, dem Vollmond entgegen, schnuppert an Parfumflaschen und zerreißt Gänseblümchen. Zerrissen wurde allerdings auch das Lied durch die ESC-Community. Deshalb durfte der Beitrag zu einer "Disco Version" geändert werden, die jedoch nicht weniger schlecht ankommt, wohl auch deshalb, weil er den Text des Liedes mehr spricht als singt. Wer mutig ist, kann sich mit 100 Euro auf den Sieg des Sängers allerdings ein großes Vermögen von 50.000 Euro aufbauen – sofern am 14. Mai ein mindestens ebenso großes Wunder geschieht. (Sharon Muska, 4.5.2016)

Sharon Muska ist Schüler in Wien.

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    foto: reuters/tt news agency
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