Igel: Dem kleinen Stachelmonster auf der Spur

7. Mai 2016, 14:00
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In einem Citizen-Science-Projekt werden Gartenbesitzer gebeten, zu erheben, was eine igelfreundliche Umgebung ausmacht

Wien – Man sollte meinen, dass ein bekanntes, ungefährliches und nicht besonders scheues Tier wie der Igel wissenschaftlich keine Rätsel mehr aufgibt, doch das täuscht: Er ist zwar als gefährdet eingestuft und genießt entsprechenden Schutzstatus, aber niemand weiß, wie viele Exemplare es in Österreich gibt. Fest steht, dass er unter der Intensivierung der Landwirtschaft leidet: Düngung, Pestizideinsatz und die Beseitigung von Hecken und Büschen machen ihm das Leben schwer, indem sie ihm Unterschlupfmöglichkeiten rauben und ihm die Nahrung vergiften.

In der Folge weichen Igel gerne in Gärten und Parks aus. Allerdings sind sie auch dort nicht unbedingt sicher, denn es wird auch an diesen Orten mit diversen Giften gearbeitet, und ein makellos "flurbereinigter" Rasen bietet ihnen keine Lebensgrundlage.

Um festzustellen, wie ein Garten beschaffen sein muss, um einem Igel Heimat zu sein, läuft derzeit am Institut für Integrative Naturschutzforschung der Wiener Universität für Bodenkultur ein Citizen-Science-Projekt unter dem Titel "Die Igel sind los! Punks in unseren Gärten". Mitmachen kann dabei jeder, der Zeit, Lust und Zugang zu einem Garten hat (siehe Webtipp).

Bunte Spuren im Igeltunnel

In fünf aufeinanderfolgenden Nächten wird an einer geeigneten Stelle im Garten ein sogenannter Igeltunnel aufgestellt. Dabei handelt es sich um einen dreieckigen Plastiktunnel, der in der Mitte mit Futter bestückt wird. Um hinzukommen, muss der Igel über ungiftige Farbe und dann über weißes Papier trippeln, sodass er beim Verlassen des Tunnels seine bunten Spuren hinterlässt.

Zusätzlich zu den Igelspuren füllen die Teilnehmer auch einen Fragebogen zu ihrem Garten aus. Darin wird unter anderem erhoben, wie oft gedüngt, gegossen und mit Pestiziden gearbeitet wird, welche Strukturelemente – wie Komposthaufen, Brennholzstöße oder Trockensteinmauern – es gibt und wie oft gemäht wird, aber auch, wie alt der Garten ist und in welchem Umland er sich befindet. "Wir wollen erheben, was einen Garten besonders gut geeignet für Igel macht", sagt Projektmitarbeiterin Kristina Plenk.

Im ersten Projektjahr wurden Igelerhebungen aus insgesamt 89 Gärten gemeldet, vorwiegend aus Ostösterreich. Dabei wurden die Tiere in 68 Fällen direkt beobachtet, in 21 Fällen war der Igeltunnel erfolgreich. Wie sich aus den Fragebögen ergab, neigen Igel – wenig überraschend – am häufigsten zu Gärten in dörflichen oder locker besiedelten städtischen Gebieten und dabei wieder zu Gärten mit offener oder lückenhafter Umzäunung. Künftige detailliertere Projektergebnisse sollen sowohl die Basis für Empfehlungen bezüglich einer igelfreundlichen Gartenbewirtschaftung auch als für zukünftige Erhebungen des Igelvorkommens in Österreich bilden.

Wer einmal einen Igel im Garten hat, hat gute Chancen, ihn auch zu "behalten": Wenn sie können, bleiben Igel ihr ganzes Leben im selben Gebiet. Ende Oktober / Anfang November suchen sie sich eine Bleibe für ihren Winterschlaf: Unter Ästen, in einer Hecke oder in einem Hohlraum isolieren sie ein geeignetes Fleckchen mit Gras und Laub gegen die Kälte und ziehen sich zurück. Gern genützt werden dafür auch Laub- und Komposthaufen.

Vom Winterschlaf zum Wurf

Während des Winterschlafs sinkt die Körpertemperatur der Tiere von 35 auf sechs Grad, der Herzschlag von 280 auf 18 Schläge pro Minute und die Atemfrequenz von 20 auf fünf Atemzüge pro Minute. In wärmeren Phasen des Winters wachen die Igel manchmal auf und begeben sich kurz auf Nahrungssuche. Trotz all dieser Maßnahmen braucht ein Igel aber zu Beginn des Winterschlafs ein Gewicht von mindestens einem halben Kilo, wenn er bis zum April überleben will.

Mit rund zwei Jahren werden die Tiere geschlechtsreif und schreiten zwischen April und August zur Paarung. Bei günstigen Bedingungen kann ein Weibchen zweimal pro Jahr Junge bekommen, gewöhnlich sind es vier bis sieben pro Wurf. Diese haben bei der Geburt relativ wenige, weiße Stacheln, die unter der Rückenhaut eingebettet sind und erst nach einigen Tagen ihr typisches Aussehen erlangen. Mit ungefähr drei Wochen fangen die jungen Igel an, selbstständig umherzustreifen und feste Nahrung zu sich zu nehmen, bereits mit sechs Wochen gehen sie eigene Wege.

Igel sind dämmerungs- und nachtaktive Einzelgänger, die sich von Regenwürmern, Insekten und Schnecken – auch Nacktschnecken – ernähren, fallweise auch Aas oder Eier fressen. Die gerne als nette Geste aufgestellte Tasse mit Milch ist übrigens absolut schädlich: Die Tiere vertragen den darin enthaltenen Milchzucker nicht. Wer sie füttern möchte, tut das besser mit Katzenfutter oder einem zerstückelten harten Ei.

Wer dem Igel etwas richtig Gutes tun möchte, verzichtet darauf, seinen Garten steril zu halten, oder belässt überhaupt ein "wildes Eck", in dem die Wiese nur einmal pro Jahr gemäht wird, Laub und Äste aufgeschichtet und die Gartenpflanzen im Herbst stehen gelassen werden. Dort findet der Igel Nahrung, Nistmaterial und vielleicht sogar einen Schlafplatz. (Susanne Strnadl, 7.5.2016)

  • Igel sind nicht besonders scheu und lassen sich auch gern  in der Nähe von Menschen (und ihren Haustieren) nieder. Am wohlsten fühlen sie sich in "wilden" Ecken, wo nur selten gemäht wird.  Dort finden die  als gefährdet  eingestuften Tiere geeignete Unterschlupfe.
    foto: imago / nature picture library

    Igel sind nicht besonders scheu und lassen sich auch gern in der Nähe von Menschen (und ihren Haustieren) nieder. Am wohlsten fühlen sie sich in "wilden" Ecken, wo nur selten gemäht wird. Dort finden die als gefährdet eingestuften Tiere geeignete Unterschlupfe.

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