Lisa Simone: Show der Zwischentöne

3. Mai 2016, 15:22
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Die Sängerin gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien – Liquid Soul hieß die Acid-Jazz-Formation, mit der Lisa Simone in den späten 1990er-Jahren unterwegs war. Und der Bandname war Programm. Lange war Lisa dem Metier ihrer Mutter Nina Simone, der legendären Jazz- und Bluessängerin, entflohen, hatte nach ihrem langjährigen Dienst in der amerikanischen Luftwaffe in Frankfurt zunächst am Broadway für Breitbandmusicals angeheuert. Doch dann ging es ihr zunehmend um eine Vermessung der Seele – und mindestens genauso sehr um einen eigenen Weg.

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Äußerlich hat ihre Stimme mit dem erdigen Blues-Sound ihrer Mama nur wenig gemeinsam – sie klingt poppiger, kann das Musicaltraining nicht verleugnen und ist dabei ständig auf der Suche nach seelenvoll fließender Authentizität. Das gelingt ihr zunehmend. Mit ihrem zweiten Album My World, das sie nun bei ihrem Wien-Debüt im Konzerthaus präsentierte, scheint die 53-Jährige so ziemlich bei sich angekommen zu sein. If You Knew, eine Nummer aus der Feder ihrer Mutter (geschrieben, als Lisa Simone drei war, und ihr gewidmet), ist der balladenhafte, rührende Ruhepunkt der Intimität, bei dem freilich die ansonsten phänomenale und kongeniale Combo aus Hervé Samb, Gino Chantoiseau und Sonny Troupé sich in floskelhafte Gemeinplätze flüchtet.

Fetzige Röhre

Wo es um energetischen Drive geht, sorgen die drei, von der Frontfrau dirigiert, freilich für eine durchaus runde Mischung aus Soul, Blues und Ethno, während Simones vokale Fusion aus Jazz, Rock und Pop am liebsten als fetzige Röhre daherkommt, dabei aber immer wieder überraschende Zwischentöne produziert. Dass sie die Tochter einer Bürgerrechtlerin ist, daran erinnert nicht nur der Work Song von Oscar Brown Jr., sondern auch eine Tuchfühlung mit dem Publikum, die nicht nur Teil der Show zu sein scheint.

Wenn die Sängerin einmal auf den Balkon und die Galerie stürmt, um dort ebenfalls zu singen, beginnt freilich erst der sorgsam temperierte Saal zu köcheln, bis am Ende fast alle von den Sitzen aufspringen, um zu tanzen oder Teil jener Selfies zu werden, die Lisa Simone ausgiebig knipst. Man glaubt es ihr sogar, dass sie sich darauf freut, nachher mit dem Publikum zu plauschen und zu busserln. Und natürlich freut sie sich über ihre neue CD. (daen, 3.5.2016)

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