"Kollektive Depression" auf dem Balkan als Futter für Extremisten

3. Mai 2016, 16:46
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Expertendiskussion in Wien: Schlecht funktionierende Staaten und hohe Arbeitslosigkeit sind Triebfeder für Radikalisierung

Wien – Die Staaten der Europäischen Union hätten zu lange geglaubt, "ein Monopol" auf die Zusammenarbeit mit dem Balkan zu haben. Die EU müsse vorsichtig sein, die Region nicht zu verlieren, sagt Predrag Jureković vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie. Andere Staaten hätten den Regierungen längst durch Investitionen und Engagement gezeigt, dass man sich nicht zwingend in Richtung Brüssel orientieren müsse.

Dazu zähle Russland, das vor allem in Serbien tätig ist. Aber auch Staaten wie Saudi-Arabien und die Türkei umwerben mit Hilfs- und Infrastrukturprojekten die muslimischen Gemeinden in Bosnien-Herzegowina, aber auch im Kosovo, in Albanien und Teilen Mazedoniens. Und das wiederum helfe in Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und schwacher Verwaltung auch Gruppen mit einer radikalen Auslegung des Islam, sich selbst als Alternative zu westlichen Werten zu positionieren. Ein Grund zur Sorge. Darüber waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Diskussion "Islamistische Radikalisierung auf dem Balkan – Neue Gefahren, neue Herausforderungen für die EU" am Montagabend im Wiener Haus der EU einig.

Verankerung schwer zu lösen

Über das Ausmaß der Sorge und mögliche Gegenmaßnahmen wurde dann diskutiert. "Ernst, aber nicht hoffnungslos" nannte etwa Vedran Džihić die Lage. Der Politikwissenschafter am Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) war ebenfalls unter den vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) und OIIP geladenen Diskutanten. Er arbeitet gerade an einer Studie, deren Zwischenresultate zum Handeln, aber nicht zur Panik animieren.

Seine Erwartungen: Die Radikalisierung auf dem Balkan werde in bestimmten Bevölkerungsgruppen bestehen bleiben, denn diese seien in der Bevölkerung durchaus verankert. Immerhin sei die Religion im Krieg der 1990er-Jahre zum zentralen Unterscheidungsmerkmal geworden. Mujahedin hätten damals ihre radikalere Version des Islam aus dem Ausland mitgenommen, seien aber ein Minderheitenprogramm geblieben.

Ein Spiel mit dem Feuer

Nun, "wo die Wirtschaft in der Krise steckt und viele Staaten schlecht funktionieren", sähen Jugendliche aber Punkte, an denen sie sich festhalten könnten. Ein klares Muster, für das, was die Menschen zur Radikalität führe, gebe es aber nicht. "Es gibt die alten Jihadisten, jugendliche Radikalisierte, die Hoffnung auf ein besseres Leben oder einfach Machismo."

Der weitaus größte Teil der Muslime in der Region orientiere sich aber noch immer an einer traditionell-moderaten Glaubensauslegung. Biete man den Staaten Perspektiven, vor allem solche in der EU, sei es durchaus möglich, Teile des Radikalisierungsprozesses wieder rückgängig zu machen.

Aber auch der umgekehrte Weg sei möglich, so Jurekovićs Mahnung an die internationale Gemeinschaft: "Bosnien-Herzegowina als multiethnischen Staat nicht mehr zu unterstützen ist ein Spiel mit dem Feuer."

"Wer provozieren will, ist als Salafist am besten dabei"

Wie genau man Prävention betreiben kann, ist eine schwierige Frage. Daniela Pisoiu vom OIIP sieht die klassischen Faktoren weiterhin an der Spitze: "Deprivation, Marginalisierung, Entfremdung. Aber auch die Außenpolitik von den Staaten, in denen man lebt, ist sehr wichtig. Und vor allem die soziale Umgebung." Fast immer gehe um das Milieu, in manchen Fällen auch einfach um Provokation. "Wer als Jugendlicher provozieren will, ist als Salafist am besten dabei. Mehr geht nicht." Klar sei jedenfalls, dass für jene Art von Radikalisierung, die später in Gewalt münden könne, immer auch ein entsprechendes Milieu nötig sei – bei Islamismus ebenso wie bei anderen Bewegungen, etwa dem Rechtsextremismus. Man radikalisiere sich "nicht allein, mittlerweile aber oft in sozialen Medien".

Das Milieu ist auch von Österreich von Bedeutung. Werner Prinzjakowitsch von der Pädagogischen Abteilung des Vereins Wiener Jugendzentren findet vor allem das Vorleben von Werten entscheidend. "Die Identitätsfindung ist der Schlüsselfaktor." Man müsse eindeutige Antworten auf die Fragen vermitteln, wo die eigene Heimat sei, die Familie oder ein Job. Dabei gebe es einen Lichtblick. Bei Befragungen über identitätsstiftende Symbole seien solche aus dem jeweiligen Heimatbezirk deutlich über "einer Reihe von nationalistischen und religiösen Symbolen" gelegen.

Austausch "über Gott und die Welt"

Die Verankerung in der Religion sei meist nicht sehr tief. Manche Jugendliche könnten zwar einige Koranverse aufsagen. "Aber wenn man nachbohrt, ist nichts Großes dahinter." Es gehe eher um "ein klares Regelwerk, das eine Orientierungshilfe ist – und teilweise auch im Nachhinein als Begründung für bestimmte Verhaltensweisen herangezogen wird". Sprechen helfe aber auch in diesem Fall. "Das Bild, dass die Jugendlichen alle unpolitisch sind, ist zutiefst falsch." Im Gegenteil: Es bestehe ein großes Bedürfnis, "sich sprichwörtlich über Gott und die Welt auszutauschen." Wenn das in den Familien nicht gegeben sei, dürfe man die Jugendlichen nicht den Radikalen überlassen.

Ralph Pöchhacker vom Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorbekämpfung sieht ebenfalls kein Profil für "den klassischen Jihadisten". Was jene rund 270 Personen betrifft, die bisher von Österreich in den IS-Kampf gezogen seien, ließe sich allenfalls sagen: Etwa drei Viertel seien unter 30, vier von fünf Männer. Sein Amt setze neben Repression auch auf Präventionsprojekte, etwa an Schulen. Immerhin: Die Zahl der neu Ausreisenden habe man so deutlich senken können, zuletzt bis fast an den Nullpunkt. Eine Entwarnung sei dies freilich noch nicht. (Manuel Escher, 3.5.2016)

  • Festnahme eines Terrorverdächtigen im Kosovo im Sommer 2015.
    foto: ap / visar kryeziu

    Festnahme eines Terrorverdächtigen im Kosovo im Sommer 2015.

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