Mikrofinanz: Kleine Kredite mit großer Wirkung

5. Mai 2016, 08:00
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Mikrokredite können in Zeiten von Nullzinsen eine angemessene Verzinsung bieten. Das Kapital wird an Menschen in der Dritten Welt weiterverliehen

Wien – Nachhaltiges Investieren erfreut sich unter Anlegern seit längerem steigender Beliebtheit. Allerdings basiert dies in der Regel darauf, dass bei solchen Veranlagungen keine unerwünschten Dinge wie Umweltverschmutzung oder gar Kinderarbeit mitfinanziert werden. Wer einen Schritt weitergehen und mit dem Ersparten nicht nur Zinsen lukrieren, sondern auch explizit positive Projekte fördern will, für den könnte sich ein Blick auf den Bereich Mikrofinanz lohnen.

Hilfe zur Selbsthilfe

"Dabei handelt es sich um Entwicklungshilfe der anderen Art", erklärt Günter Lenhart, Vorstand des Österreich-Ablegers des Mikrofinanz-Pioniers Oikocredit. Menschen in wirtschaftlich benachteiligten Regionen Asiens, Südamerikas und Afrikas sollen durch Klein- oder Kleinstkredite und durch eine begleitende Beratung in die Lage versetzt werden, sich selbst eine Lebensgrundlage aufzubauen. Derzeit gibt es in Österreich rund 5000 Oikocredit-Mitglieder, die insgesamt 88 Millionen Euro auf diese Art investiert haben.

Ab einem Mindestinvestment von 200 Euro, der Betrag ist nach oben offen, können Mitglieder Gelder für die Kreditvergabe zur Verfügung stellen und bekommen dafür jährlich eine "Dividende" von zwei Prozent des Kapitals. In Nullzinszeiten hat diese Verzinsung, die seit Jahren konstant gehalten wurde, an Attraktivität gewonnen – dennoch empfiehlt Lenhart, stets den sozialen Aspekt im Vordergrund zu behalten: "Wir reden nicht von einem Investment, sondern von sozialer Hilfe."

Dieses Kapital wird einem von 250 Projektpartnern vor Ort – dabei handelt es sich etwa um landwirtschaftliche Zusammenschlüsse von Kleinbauern – oder einer von 550 lokalen Sparkassen für etwa sieben Prozent Verzinsung zur Verfügung gestellt, welche die Kleinstkredite letztlich an die Empfänger vergeben. Diese können damit Anschaffungen zum Start einer kleinen Landwirtschaft oder eines Wirtschaftsbetriebs finanzieren.

Die Zinsen für die Kreditnehmer reichen laut Lenhart von 16 bis zu 38 Prozent – abhängig von der jeweiligen Inflationsrate im betreffenden Land. Den enormen Zinsunterschied von der Geldquelle bis zum Kreditnehmer erklärt der Oikocredit-Vorstand mit den Kosten der lokalen Berater vor Ort, die zuvor in Europa geschult worden seien, sowie der genauen Prüfung vor der Kreditvergabe.

Bisher keine Beschwerden

Trotz der hohen Zinsbelastung ist das Ausfallrisiko erstaunlich gering: Weniger als ein Prozent der Kredite sei in den gut 40 Jahren seit der Gründung von Oikocredit nicht zurückgezahlt worden, sagt Lenhart. "Bei Kleinstkrediten kann die Ausfallsrate auch zwischen drei und fünf Prozent liegen." Diese Aussagen bestätigt indirekt auch von Finanzexpertin Gabi Kreindl vom Verein für Konsumenteninformation, indem sie von keinen Verbrauerbeschwerden über Oikocredit zu berichten weiß: "Ich nehme es so wahr, dass es gut funktionieren dürfte."

Laut Lenhart sind jedoch auch problematische Anbieter in der Branche unterwegs – nämlich jenne, die aus Kosten- und Renditegründen auf Beratung und Begleitung verzichten würden. Als Folge würden sich viele Kreditnehmer übernehmen und in eine Schuldenfalle tappen. Aufgrund der Kreditausfälle seien in weiterer Folge einige dieser Anbieter auch selbst in die Pleite gerutscht. "Das sind Schattenseiten, die es überall gibt", beruhigt Lenhart. Seriöse Anbieter könne man über Organisationen wie etwa den "Progress out of Poverty Index" ausmachen. (Alexander Hahn, 4.5.2016)

  • Für Menschen in armen Regionen, die keinen Zugang zu Fremdkapital hätten, kann ein Mikrokredit den Start in ein selbsttragendes Leben bedeuten – etwa durch den Aufbau einer Landwirtschaft.
    foto: reuters/luc gnago

    Für Menschen in armen Regionen, die keinen Zugang zu Fremdkapital hätten, kann ein Mikrokredit den Start in ein selbsttragendes Leben bedeuten – etwa durch den Aufbau einer Landwirtschaft.

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