MIT-Forscher Chen: "Man muss die Beziehung zu Robotern reflektieren"

Interview4. Mai 2016, 05:30
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Dan Chen entwickelt minimalistische Roboterfreunde, die dem Nutzer ein Gefühl von Intimität und Trost geben sollen

STANDARD: Die meisten Menschen fürchten eine Zukunft, in der Technologien echte Beziehungen ersetzen. Andererseits pflegen wir schon jetzt sehr intensive Beziehungen mit unseren Smartphones und sind stolz auf unsere virtuellen Facebook-Freundschaften. Sollten wir unser Verhältnis zu Technologie überdenken?

Chen: Ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit besteht darin, herauszufinden, wie sich dieses Verhältnis verändern wird. Insbesondere beschäftige ich mich damit, was passiert, wenn wir intime Momente mit Robotern erleben. Ich tendiere dazu, das nicht pessimistisch, nicht als etwas Schlechtes zu sehen. Wir designen Maschinen, um uns Dinge zu erfüllen, die uns abgehen. Der Umgang mit einer Maschine kann deutlich machen, was uns an Intimität fehlt. Es ist also eine Art Spiegel. Ich versuche zu ergründen, wie es sich anfühlt, mit einem Roboter zu interagieren und inwiefern Roboter dazu beitragen können, uns besser zu fühlen, wenn es uns schlecht geht.

STANDARD: Es gibt heute schon "Kuschelroboter" wie die Therapie-Robbe Paro, die alten oder kranken Menschen helfen soll. Inspiriert von Paro haben Sie in einem aufsehenerregenden Projekt eine Maschine kreiert, die Menschen während des Todes begleitet. Was war das Ziel dahinter?

Chen: Alles, was wir heute sehen, basiert auf Maschinen, vom Bankomaten bis hin zu selbstfahrenden Autos. Ich dachte mir: Was ist die extremste Situation, in der Menschliches durch eine Maschine ersetzt werden könnte? Also konzipierte ich eine Maschine, die dich begleitet, wenn niemand mehr bei dir ist. Viele Menschen sterben heute allein, es gibt einen Mangel an Pflegepersonal, Ärzte sind überfordert und behandeln ihre Patienten schon jetzt oft wie Roboter. Natürlich will jeder Sterbende die Menschen um sich haben, die er liebt. Das kann man aber leider nicht immer haben. Die Frage war, ob man eine Maschine entwickeln kann, die einem in der Stunde des Todes Trost spenden kann, einem sagt, dass alles gut wird.

STANDARD: Wie funktioniert der "Last Moment Roboter"?

Chen: Ein gepolsterter Arm streichelt den Patienten, und der Roboter spricht nach einem vorgegebenen Skript tröstende Worte wie "Hab keine Angst, du bist nicht allein, alle werden dich sehr vermissen." Ich habe Phrasen genommen, wie sie auch in Filmen in solchen Situationen immer wieder verwendet werden. Ich möchte damit auch die Eigenschaften von Intimität hinterfragen und auf menschliche Isolation aufmerksam machen. Es hat sich gezeigt, dass ein Roboter fürsorglicher sein kann als ein Mensch und uns trösten kann, wenn wir allein sind. Natürlich – wenn man wahrhaftige, aufrichtige Freundschaften sucht, können das Roboter nicht erfüllen.

STANDARD: Viele Mensch-Maschine-Forscher meinen, dass Roboter möglichst menschenähnlich aussehen müssen, um akzeptiert zu werden. Warum haben Ihre Roboter so ein minimalistisches Design?

Chen: Viele Roboterforscher täuschen menschliches Verhalten vor, damit die Interaktion funktioniert. Ich möchte, dass die Beziehung zwischen Mensch und Maschine bewusst aufgebaut wird. Deswegen schauen meine Roboter auch nicht wie typische Roboter aus, sodass man sie mögen oder nicht mögen kann, dass man sich mit ihnen wohl oder unwohl fühlen kann. Mir gefällt diese Uneindeutigkeit. Ich habe etwa eine Roboterkatze entwickelt, die rund um die Füße schleicht wie eine Katze, aber kein bisschen wie eine Katze aussieht. Aber die Leute tun so, als wäre sie lebendig. Wenn einen etwas berührt, nimmt man automatisch an, es sei lebendig, wir können gar nicht anders. Es geht dabei immer um mentale Projektion, darum, inwieweit wir uns auf ein Objekt einlassen, das in gewisser Weise auch auf uns eingeht.

STANDARD: Sie haben fünf Roboterfreunde zum Selbermachen kreiert, die menschliches Verhalten imitieren, indem sie den User streicheln, ihm auf die Schulter klopfen, Blickkontakt suchen und beruhigende Worte sagen. Wie funktioniert der emotionale Placeboeffekt, den sie hervorrufen sollen?

Chen: Ich nenne das Projekt "Making Friends by Making them" (Freunde gewinnen, indem man sie macht), man macht also die Objekte, die einem Trost geben, selbst. Sie berühren dich genauso, wie du es willst, sagen, was du von ihnen hören willst. Es geht dabei auch um schwarzen Humor. Ursprünglich nannte ich das Projekt "Mir geht es gut, danke!", also in dem Sinn von: "Ich brauche keine Freunde, ich habe mein eigenes Spielzeug." Ob die Geräte es schaffen, einem tatsächlich ein gutes Gefühl, also einen emotionalen Placeboeffekt zu geben, hängt stark von der Einstellung ab. Es geht darum, dass wir auf die Maschine projizieren, wie wir uns selbst Trost spenden können. Man muss seine eigene Menschlichkeit auf die Maschine projizieren, damit sie funktioniert.

STANDARD: Müssen wir uns also vom Klischee des vereinsamten Computernerds verabschieden? Können uns diese Tools helfen, für das "echte" Leben zu lernen?

Chen: Es ist eine Art Selbsthilfe, mit der wir uns entspannen können. Also sagen wir, jemand hat nicht viele Freunde und hätte gern jemandem, der für ihn da ist. Da kann es helfen, wenn jemand ihm sagt: Du machst das gut! Oder andere Dinge, die er gerade hören muss, damit es ihm besser geht. Das macht einem auch bewusst, dass man versuchen sollte, richtige Freunde zu finden, die einem diese Dinge sagen. Ich möchte die Roboter aber nicht zu sehr als Lerngeräte sehen, sondern als Maschinen, die dazu anregen, Fragen zu stellen. So wie: Was mache ich da? Ist es seltsam, wie ich lebe?

STANDARD: Es klingt traurig, sich Maschinen zu erschaffen, die einem sagen, was man hören will.

Chen: Meine Roboter sollen genau diesen Mangel an wahrer Menschlichkeit aufzeigen. Es ist angenehm, wenn mich der Roboter berührt, aber es ist auch unangenehm und eigenartig. Er verhält sich wie ein Mensch, ist aber keiner. Man muss die Beziehung zu Robotern reflektieren. Kern meiner Arbeit ist es, zu hinterfragen, wie Intimität ohne Menschlichkeit aussehen kann.

STANDARD: Sollten wir uns an die Vorstellung gewöhnen, in Zukunft mit unseren Selfmade-Roboterfreunden und -lovern zu leben?

Chen: Ich denke, es wird ähnlich sein wie mit Handys. Die ersten waren unhandliche Ungetüme, dann wurde es immer normaler, dass wir sie immer bei uns haben. Wir haben schon jetzt Putzroboter in vielen Haushalten, das ist nichts Besonderes mehr. Ich glaube, es gibt ein großes Potenzial, dass Roboter künftig Teil unseres Lebens sein könnten und nicht mehr so schief angeschaut werden wie jetzt.

STANDARD: Was ist Ihr aktueller Forschungsfokus?

Chen: Momentan konzentriere ich mich auf die Do-it-youself-Bewegung, die elektronische Geräte bastelt, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Da werden sehr viele Emotionen hineingesteckt, was durchaus dazu dienen kann, einen durch schlechte Zeiten zu begleiten. Ich will herausfinden, ob das auch mit Robotern funktioniert. Ich will nicht behaupten, dass Roboter fähig sind, Depressionen zu heilen, aber ich möchte herausfinden, ob sie eine heilsame Wirkung auf unser Gefühlsleben haben können.

Dan Chen (33) ist Forschungsassistent am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er wurde in Taiwan geboren und ging mit 16 in die USA. An der University of Connecticut studierte er Kommunikationsdesign, an der Rhode Island School of Design schloss er einen Master im Fach Digitale Medien ab. Am 6. Mai spricht er bei der TEDx-Vienna-Konferenz über seine "Robotic Intimacy Technology".

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danchen.me


Wissen: Die Zukunft der Initimität

Wie werden sich Sex und Liebe in Zeiten von Virtual Reality, sozialen Medien und anderen technologischen Spielereien entwickeln? "The Future of Intimacy" ist Thema der heurigen TEDx-Konferenz in Wien, die am 6. Mai im MAK stattfinden wird. 350 Besucher werden bei dem Ableger der US-amerikanischen TED-(Technologie, Entertainment und Design)-Konferenzen erwartet, die unter anderem von Wirtschaftspartnern und dem Verkehrsministerium mitgetragen wird.

Neben Dan Chen, der seine "Robotic Intimacy Technology" vorstellt, wird etwa die Genderforscherin Amy Adele Hasinoff, University of Colorado, über "Sexting" sprechen, während sich die englische Künstlerin Ghislaine Boddington körpergesteuerten Technologien widmet.

Vor Ort können auch neue Technologien ausprobiert werden – zum Beispiel die Interaktion mit Freunden an ausgefallenen virtuellen Orten oder eine virtuelle Vagina. (kri)

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TEDx Vienna

  • Dan Chen ist Forschungsassistent am MIT Media Lab und Roboter-Designer.
    foto: privat

    Dan Chen ist Forschungsassistent am MIT Media Lab und Roboter-Designer.

  • Maschinen, die berühren: Die "Roboterfreunde" streicheln und tätscheln den User.
    foto: dan chen

    Maschinen, die berühren: Die "Roboterfreunde" streicheln und tätscheln den User.

  • Dieses Modell gibt permanent sanfte Berührungen ab.
    foto: dan chen

    Dieses Modell gibt permanent sanfte Berührungen ab.

  • Die kleinen "Freunde" regen aber auch dazu an, selbst aktiv zu werden: indem man etwa einen Fellroboter liebkost.
    foto: dan chen

    Die kleinen "Freunde" regen aber auch dazu an, selbst aktiv zu werden: indem man etwa einen Fellroboter liebkost.

  • Mit den "Intimacy Prosthetics" kann man ohne direkten Kontakt mit anderen in Beziehung treten, indem drahtlos die eigenen Fingerbewegungen von einem Touch Pad auf die Hand einer anderen Person übertragen werden.
    foto: dan chen

    Mit den "Intimacy Prosthetics" kann man ohne direkten Kontakt mit anderen in Beziehung treten, indem drahtlos die eigenen Fingerbewegungen von einem Touch Pad auf die Hand einer anderen Person übertragen werden.

  • dan chen

    In diesem Video demonstriert Dan Chen, wie ein Roboterfreund auf die Bewegungen des Nutzers reagiert, ihm Beachtung schenkt und versucht Augenkontakt herzustellen, ohne einen permanent anzustarren.

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