Ex-"Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger hat sich Klimawandel verschrieben

3. Mai 2016, 13:13
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Rusbridger erzählt in Wien über Kampagne zu "Divestment" – "Negative Nachrichten schrecken die Leute ab"

Wien – Alan Rusbridger, der langjährige Chefredakteur und Herausgeber des britischen "Guardian", bereut, dass seine Zeitung nicht stärker gegen den Klimawandel angeschrieben hat. Kurz vor seinem Abgang im Mai 2015 hat er deshalb eine Klimakampagne gestartet – eigentlich ein Tabubruch im Journalismus. Medien sei es bis dato nicht gelungen, über den Auswirkungen des Klimawandels angemessen zu berichten.

"Was haben wir beim Erzählen dieser Geschichte falsch gemacht", fragte sich Rusbridger zu Weihnachten 2014 und kam zur Erkenntnis: "Wir müssen das Thema viel breiter covern." Ergebnis war die im Frühjahr 2015 gestartete Kampagne "Keep It In The Ground", die der "Guardian" monatelang gefahren hat. Ziel war es, in der Finanzbranche dafür zu lobbyieren, Investitionen in fossile Energieträger zurückzunehmen ("fossil fuel divestment") und stattdessen in umweltfreundliche Technologien zu investieren. Herkömmliche Faktenberichte wurden mit Social-Media-Aufrufen kombiniert, außerdem hat sich die renommierte linksgerichtete Zeitung mit NGOs, etwa 350.org, vernetzt.

Geld aus Öl- oder Kohlekonzernen abziehen

Konkret hat der "Guardian" etwa die Gates Foundation von Microsoft-Gründer Bill Gates und den Wellcome Trust, den weltgrößten Geldgeber für medizinische Forschung, ins Visier genommen. Diese sollten ihr Geld aus Öl- oder Kohlekonzernen abziehen. "Wir wollen, dass die 'Guten' deinvestieren", schließlich hätten beide Organisationen gesagt, dass der Klimawandel die größte Bedrohung sei, so Rusbridger am Dienstag bei einer Pressekonferenz der Grünen in Wien. Bei Shell oder Goldman Sachs hätte man wohl keine so guten Argumente gehabt.

Die Kampagne sei durchaus erfolgreich gewesen. So habe sich britische Notenbankchef Mark Carney öffentlich kritisch über Investitionen in fossile Energieträger geäußert und darauf hingewiesen, dass dies in der Finanzbranche noch kein großes Thema sei. Im September 2015, wenige Monate vor dem Pariser Klimagipfel, hatte Carney gewarnt, dass der Klimawandel zu neuerlichen Finanzkrisen und zu einem Abfallen der Lebensstandards führen würde, wenn die Konzerne der führenden Industrienationen nicht weniger Kohlenstoff ausstoßen. Davon massiv betroffen sei auch die Versicherungsbranche, so der britische Notenbankgouverneur damals. Dass das Thema Divestment nun auch in den höchsten Kreisen der Finanzwelt in aller Munde war, schreibt sich Rusbridger auch auf seine Fahnen. Auch, dass sich die "Guardian Media Group" entschieden habe, ihre gesamten 800 Mio. Pfund, die sie in Öl-, Gas- und Kohlefirmen investiert hatte, umzuschichten.

"Wellcome Trust" weniger erfolgreich

Weniger erfolgreich war der "Guardian" beim "Wellcome Trust". "Der Wellcome Trust trotzt den Aktivisten und erhöht seine Investitionen in fossile Energien", titelte die britische Zeitung Ende Dezember 2015. Der "Wellcome Trust" habe seine Aktien von Unternehmen wie BP oder Rio Tinto, der weltweit zweite Bergbaukonzern, zwischen 2014 und 2014 um 5,2 bis 27 Prozent erhöht.

Ob der "Guardian" eine weitere Kampagne in diese Richtung plant, könne er nicht sagen, da er ja nicht mehr bei der Zeitung sei, so Rusbridger. Als er den "Guardian" verlassen habe, habe sich die Umweltberichterstattung in Richtung "Positiv" gewandelt. "Negative Nachrichten schrecken die Leute ab." Sein derzeitiges Ziel: Die Pensionsfonds der britischen Universitäten dazu zu bringen, kein Geld mehr in fossile Energien zu stecken.

Rusbridger ist jetzt Direktor der Lady Margaret Hall (LMH), eines der Colleges der Universität von Oxford. Am Dienstag spricht er am Abend bei den "Erdgesprächen" in Wien. (APA, 3.5.2016)

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