Fall Höxter: Zweite Frau getötet und verbrannt

3. Mai 2016, 17:33
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Zwei Frauen wurden zu Tode gequält, mindestens drei weitere misshandelt. Die grausigen Details setzen auch den Ermittlern zu

Höxter – Das mittlerweile über Deutschland hinaus bekannte sogenannte "Horrorhaus" von Höxter (30.000 Einwohner, Nordrhein-Westfalen) ist nun von einem weißen Sichtschutzzaun umgeben. Errichtet hat ihn die Polizei, damit sie in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen kann. Über die Details, die die Mordkommission bisher zusammengetragen hat, informierte sie am Dienstag gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Paderborn in einer Pressekonferenz.

"Es haben sich Abgründe aufgetan. Meine Mitarbeiter waren sehr mitgenommen", sagte der Leiter der Mordkommission, Ralf Östermann. Klar ist nun, dass es ein weiteres Todesopfer gibt. An den Folgen von Misshandlungen durch den 46-jährigen Wilfried W. und die 47-jährige Angelika B. starb nicht nur jene 41-jährige Frau, die vor einigen Tagen zunächst noch ein Spital gebracht worden war, sondern auch eine 33-Jährige aus Niedersachsen.

Auch sie wurde schwer misshandelt, sie starb im Sommer 2014. Das Paar fror die Leiche in seiner Tiefkühltruhe ein. Später wurde sie zerhackt und im Kamin verbrannt, wonach die Asche am Wegesrand verstreut wurde.

Die Ermittler wollen nicht ausschließen, dass es ein drittes Todesopfer gibt. Sie gehen aber davon aus, dass mindestens drei weitere Frauen in dem Haus schwer misshandelt wurden. Ein Opfer stammt aus Berlin, es wurde am Dienstag befragt. "Das Opfer aus Berlin hat sich gemeldet, weil es das Wohnhaus in den Medien erkannt hat", so Östermann.

Frau sagt aus, Mann schweigt

Die Erkenntnisse der Ermittler stützen sich im Wesentlichen auf Aussagen der beschuldigten 47-jährigen Frau. Sie habe umfassend ausgesagt, ihr Ex-Mann hingegen kooperiere nicht mit den Ermittlern, sondern schiebe alles auf sie. Die beiden hatten 1999 geheiratet, sich 2013 wieder scheiden lassen, lebten aber in dem Haus zusammen. Beide sind laut Polizei "einschlägig vorbestraft", W. wurde 1995 wegen gefährlicher Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung zu zwei Jahren Haft und neun Monaten Haft verurteilt.

Ermittler betonten, das Paar habe offenbar kein sexuelles Interesse an seinen Opfern gehabt, es sei vielmehr um "Machtausübung" gegangen. Die Frauen hätten Befehle befolgen müssen. "Wenn das Messer (beim Tischdecken, Anm.) links statt rechts lag, reichte das schon aus für Schläge, Tritte, Fesselungen", beschrieb Östermann die Vorgänge. B. sei W. zudem hörig, er sei auch ihr gegenüber handgreiflich gewesen.

Die Frauen wurden in der Badewanne oder an Heizungsrohre gefesselt, ihnen wurden büschelweise die Haare ausgerissen. Später hätte das Paar den Frauen die Haare abrasiert, damit die Nachbarn ob der fehlenden Büschel der Frauen, die auch nach draußen gingen, keinen Verdacht schöpften.

Keine Fluchtmöglichkeit

Gefragt, warum die beiden zu Tode gefolterten Frauen nicht zuvor wieder das Haus verlassen hätten, hieß es auf der Pressekonferenz, sie hätten wohl keine Fluchtmöglichkeit gehabt.

Einen eigenen "Folterraum" haben die Ermittler nicht gefunden, die Taten spielten sich demnach im gesamten Haus ab. "Das Leben im Haus fand überwiegend in der Dunkelheit statt, man war eher nachtaktiv", sagte Staatsanwalt Ralf Meyer. Den Tod ihrer Opfer hätten die beiden wohl nicht bewusst einkalkuliert, aber billigend in Kauf genommen. "Anhaltspunkte für eine Intelligenzminderung haben wir nicht. Sie gingen sehr planvoll vor", sagte Meyer.

Unzählige Kontaktanzeigen

Angelockt hatte das Paar die Frauen durch Kontaktanzeigen. W. habe dafür "fast jede Tageszeitung angeschrieben, die es in Deutschland gibt". Nachbarn hatten bereits berichtet, dass sie immer wieder Autos mit Kennzeichen aus den verschiedensten Teilen Deutschlands vor dem Haus gesehen hätten.

Die beiden getöteten Frauen hatte zunächst niemand vermisst, sie hatten kaum Kontakt zu ihren Familien. Die Mutter der 2014 getöteten Frau erhielt eine SMS, vermeintlich von ihrer Tochter. Darin hieß es, es gehe ihr gut. Laut Polizei hat diese SMS – zwei Wochen vor dem Tod der Frau – aber Angelika B. geschrieben. Die Mutter der später zu Tode Gekommenen schöpfte nach der kurzen Nachricht keinen Verdacht, da sie ohnehin nicht oft mit ihrer Tochter kommunizierte. Zudem sei die Frau mit dem Hinweis "in die Niederlande/Amsterdam verzogen" beim Einwohnermeldeamt abgemeldet worden.

Auch die Vermieterin des Paares hat sich zu Wort gemeldet und angegeben, seit Jahren nicht mehr im Haus gewesen zu sein. Sie habe die Miete in bar erhalten. Die Polizei wird mindestens noch zwei Wochen lang nach verwertbaren Spuren suchen. Man durchforste das ganze Haus "quadratzentimeterweise", hieß es. Die Sonderkommission hat 40 Mitarbeiter. (Birgit Baumann aus Berlin, 3.5.2016)

  • Die Polizei durchsucht derzeit das Haus in Höxter.
    foto: apa/dpa/marcel kusch

    Die Polizei durchsucht derzeit das Haus in Höxter.

  • Forensiker auf dem Weg ins Haus.
    foto: dpa/marcel kusch

    Forensiker auf dem Weg ins Haus.

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