Mehr als nur ein Funke Hoffnung für die arabische Welt

3. Mai 2016, 11:33
27 Postings

Nahost-Experte Guido Steinbach sieht trotz Bürgerkriegen, Extremisten und Diktaturen eine positive Zukunft für die Region

Krieg, Revolutionen, vermeintlich zerfallende Grenzen und Gräueltaten durch extremistische Gruppen wie den "Islamischen Staat" prägen das Bild des Nahen Ostens in der Öffentlichkeit. Die Situation in der arabischen Welt ist alles andere als ermutigend. Trotzdem blickte Guido Steinbach, Islamwissenschafter und langjähriger Leiter der Deutschen Orientinstituts in Berlin, am Montagabend mit einem Hauch Optimismus in die Zukunft: "Die Region hat möglicherweise den Tiefpunkt noch nicht erreicht, das könnte noch kommen. Aber so, wie es jetzt ist, wird es nicht bleiben", sagte der Nahostexperte beim "Jour Fixe – Nahost aktuell" von STANDARD-Redakteurin Gudrun Harrer bei der Österreichischen Orient-Gesellschaft in Wien.

Die Gegenwart könne man ohne die Geschichte nicht verstehen. Das gelte insbesondere für die Ereignisse rund um die arabische Volksaufstände ab 2010. Das Wort "Arabischer Frühling" kam Steinbach dabei nicht über die Lippen, denn es sei kein Frühling, sondern eine Revolte gewesen, deren Nachwehen im ganzen arabischen Raum bis heute zu spüren seien.

Doppelter Kurs

Derzeit gebe es einen "doppelten Diskurs", den man zunächst in Tunesien, aber in weiterer Folge in vielen arabischen Ländern sehen konnte: einerseits einen westlichen Kurs mit einer verankerten Verfassung und Parteien, andererseits einen islamistischen Kurs, dem zufolge der Islam ein politisches Programm ist. Die Tunesier hätten es in allerletzter Minute geschafft, in einem "grandiosen Dialog" eine neue Ordnung zu schaffen, die aber noch immer von innen wie von außen bedroht sei. Das liege auch daran, dass es in der arabischen Welt einen eklatanten Mangel an demokratischer Praxis gebe. Das sei der entscheidenden Fehler, an dem die Entwicklungen gescheitert seien. In einem kleinen Land wie Tunesien konnte das aufgefangen werden.

In Ägypten sei das nicht gelungen. Präsident Mohammed Morsi habe beim Amtsantritt zwar verkündet, Präsident aller Ägypter zu sein. "Gemacht hat er dann aber etwas anderes", sagt Steinbach. Bei Morsi habe man gesehen: "Sie wollen Demokratie, ohne Demokraten zu sein. Einmal gewählt, für immer an der Macht – das ist das Demokratieverständnis." Diese Fehltritte würden von den alten Eliten im Land erbarmungslos ausgenutzt.

Auch im Irak stelle sich die Frage, wo die Demokratie bleibe. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung übernahmen die Schiiten die Institutionen des Landes. "Die Erfahrung, dass es da eine Opposition gibt", fehle aber völlig.

"Demokratie muss gelernt werden"

Ist die Vision von Demokratie in der arabischen Welt also völlig hoffnungslos? Mitnichten, meint Steinbach energisch. "Demokratie muss gelernt werden." Die Europäer sollten sich nicht auf ein Podest stellen. Der Weg vom Zusammenbruch der Monarchie zu einer funktionierenden Demokratie sei euch hierzulande kein schneller und einfacher gewesen.

Der für Steinbach so wichtige Blick in die Geschichte zeige auch hier, dass den Arabern demokratische Gedanken nicht so fern liegen, wie heute oft behauptet wird. Nach den Schicksalsjahren 1918/19 und dem Zusammenbruch der alten Ordnung hätten sich im Irak, dem Libanon und Ägypten Parteien herausgebildet. Nur, anstatt diese Kräfte zu unterstützen, hätten europäische Mächte die aufkeimenden Demokratien für den eigenen Machterhalt ins Leere laufen lassen. "Wo hätten sie denn Demokratie lernen sollen?", fragt Steinbach.

Dynamik ins Stocken geraten

Dennoch will er "die Flinte nicht ins Korn werfen". Es sei eine enorme Dynamik der Menschen zu sehen. Die Dynamik sei derzeit zwar irgendwie in die Sackgasse geraten, "aber da bleibt sie nicht", zeigt sich Steinbach optimistisch.

Ein bedeutendes Hindernis auf dem Weg zu mehr Stabilität sind unter anderem extremistische Organisation wie der IS und Al-Kaida. Diese seien aber bei den Ereignissen ab 2010 gar nicht dabei gewesen, merkt Steinbach an: "Es muss ein Vakuum entstanden sein, in dem diese Organisation Morgenluft witterte."

IS als "leninistischer Islam"

Im IS sieht Steinbach eine Form des "leninistischen Islam". "Die Realität in der Sowjetunion war auch banaler und brutaler als das, was sich Marx vorgestellt hat." Ähnlich verhalte es sich mit dem IS.

Die Region sei ein tiefes Loch gefallen, aber nicht am Ende ihrer Geschichte angelangt. Europa trage eine Mitschuld an der derzeitigen Situation, aber es sei auch ein Versagen der lokalen Eliten. Deswegen könne es keine Alternativen zum Wiederaufbau der Region geben. "Wenn das nicht gelingt, Wiederaufbau und Neustrukturierung, werden Millionen zu uns kommen. Mauern werden dann nicht helfen", sagt Steinbach auch in Hinblick auf die aktuelle Flüchtlingskrise. (stb, 3.5.2016)

Share if you care.