Flüchtlingsnotquartiere: Befristungen schaffen Probleme

3. Mai 2016, 06:00
412 Postings

Alle 23 Notquartiere für Flüchtlinge in Wien fußen auf befristeten Mietverhältnissen. Das hat Nachteile

Wien – Vergangenen Donnerstag fiel Nona Osterfeld, Leiterin des vom Arbeitersamariterbund betriebenen Flüchtlingsnotquartiers Hotel Favorita in der Wiener Laxenburger Straße, ein Stein vom Herzen. "Der Prekariatsvertrag für unser Haus wird bis Ende September verlängert!", berichtete sie höchst erfreut.

Bis dahin war über Mitarbeitern wie Bewohnern des Großquartiers im ehemaligen Arbeiterheim Favoriten das Damoklesschwert einer baldiger Kündigung respektive eines Auszugs gehangen. Ende Juni laufe das Prekariat (Anm.: jederzeit kündbare Bittleihe) aus, das Quartier werde geschlossen, hatte es zuletzt geheißen: für die 26 Mitarbeiter höchst bitter, für viele der 380 großteils aus Syrien und Afghanistan kommenden Flüchtlinge – Familien, alleinreisende Frauen, behinderte und kranke Menschen – "eine wahre Katastrophe", sagt Osterfeld.

Dramatische Reaktionen

Schon Umzüge im Haus, von einem Zimmer in ein gleichwertiges anderes, führten zu zum Teil dramatischen Reaktionen, schildert die Sozialarbeiterin und Medienpädagogin: "Manchmal klammern sich die Frauen weinend an mich." Zum Teil sei das wohl "eine kulturell bedingte Reaktion. Aber es hat auch mit dem Verlust der Heimat und Sicherheiten wegen der Flucht zu tun".

Den Flüchtlingen mitzuteilen, dass sie in eine andere Unterkunft wechseln müssen, werde hart, meint Osterfeld. Und auch um die erfolgreiche Integrationsarbeit im Haus wäre es "sehr, sehr schade": 73 Kinder gehen in der Umgebung zur Schule. Es gibt Mutterberatung, regelmäßige Treffen zu Themen wie Familienplanung (Osterfeld: "Für die meisten Flüchtlinge etwas völlig Neues") sowie auf die Hausbewohner ausgerichtete Kooperationen mit Volkshochschulen und dem Arbeitsmarktservice.

Verkaufsverhandlungen

Derzeit laufen Verkaufsverhandlungen zwischen dem Hauseigentümer und dem Quartierverantwortlichen, dem Fonds Soziales Wien (FSW): Diesbezüglich ist der unter Denkmalschutz stehende Jugendstilbau, der ab 1957 jahrzehntelang als Hotel genutzt wurde, unter den aktuell 23 Wiener Flüchtlingsnotquartieren ein Einzelfall.

Keine Besonderheit hingegen ist die nur befristete Nutzungsmöglichkeit: Alle Wiener Flüchtlingsnotquartiere wurden auf Grundlage befristeter Mietverträge oder aber Prekariate eröffnet, erläutert FSW-Geschäftsführer Peter Hacker im Standard-Gespräch. Als vergangenen Herbst immer mehr Flüchtlinge nach Österreich kamen, habe man rasch reagiert und zur Zwischennutzung geeignete Objekte gesucht, die abgerissen oder grundsaniert werden sollen und vorübergehend bezogen werden konnten.

Erwünschte Kurzzeitquartiere

Auch – so Hacker – hätten Bezirkspolitiker und Anrainer vielfach Befristungen gewünscht. So sei es ihnen leichter gefallen, die Einrichtung eines Notquartiers zu akzeptieren. Nun jedoch zeitige dieser "positive Aspekt" auch Schattenseiten: für die Flüchtlinge, weil sie wieder umziehen, für die Stadt, weil fixe Ersatzquartiere gesucht werden müssen.

So etwa auch im 900-Plätze-Notquartier in der Vorderen Zollamtsstraße, das Ende Mai geschlossen werden soll. Dort protestieren die Betreiber des mit der Sozialmarie ausgezeichneten Integrationsprojekt Displaced wie berichtet gegen das Aus.

3917 befristete Wohnplätze

Konkret leben von den rund 21.000 wienweit in Grundversorgung befindlichen Flüchtlingen noch 3917 in Notquartieren auf Zeit. Die längsten Befristungen gehen bis 2017. Für mehrere Objekte laufen laut Hacker Verhandlungen, um die Fristen auszudehnen oder Mietverträge auf längere Zeit abzuschließen.

Wie es mit dem Hotel Favorita nach dem September weitergeht, ist laut dem FSW-Geschäftsführer derzeit völlig unklar. Das bestätigt auch die Favoritner Bezirksvorsteherin Hermine Mospointner (SPÖ). Den Flüchtlingen sei sehr zu wünschen, dass sie bis Ende ihres Asylverfahrens in der inzwischen vertrauten Umgebung bleiben können – zumal es mit den Anrainern "keinerlei Probleme" gebe: Aber aus Sicht des Bezirks "wäre es auch okay, wenn dort wieder ein Hotel hineinkäme". (Irene Brickner, 3.5.2016)

  • Flüchtlingsnotquartier Hotel Favorita in der Wien, wo derzeit 380 Menschen in Grundversorgung leben. Für sie und die 26 Betreuer bedingt die Perspektive baldiger Schließung eine Zitterpartie.
    foto: robert newald

    Flüchtlingsnotquartier Hotel Favorita in der Wien, wo derzeit 380 Menschen in Grundversorgung leben. Für sie und die 26 Betreuer bedingt die Perspektive baldiger Schließung eine Zitterpartie.

Share if you care.