Kälte macht sich breit oder Nachruf auf einen Unbekannten

2. Mai 2016, 18:20
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Ein Montag im April. Die erste Runde der Präsidentschaftswahlen ist vorbei.

Eisige Kälte breitet sich über unser Land. Es schneit leicht.

Linz. Ich erwarte mein Frühstück in einem Linzer Krankenhaus: Brot, Käse, Butter – mehr als ich zu essen vermag. Und wie jeden Morgen frage ich mich, was wohl mit den Speiseresten passieren wird ...

Spitalsalltag. Bald ist Mittag. Wieder Essen. Die Patienten können aus vier Menüs wählen.

Doch kaum ist das Essen da, beginnt das tägliche mürrische Geplänkel: "Zu heiß!" ... "Zu mild!" ... "So ein Fraß!"

Gewohnheitsmäßige Unzufriedenheit, ohne auch nur kurz nachzudenken, macht sich breit.

Ich drehe meine Runden auf den Spitalsgängen und blicke aus dem Fenster. Es schneit schon wieder ein bisschen.

Vor dem Spital auf einer Bank liegt ein obdachloser Mann in einen Schlafsack gehüllt. Nur ein Bein ist sichtbar – Socken, nackte Waden. Ein Rollstuhl mit seinen wenigen Habseligkeiten steht daneben.

Menschen eilen vorbei. Sie beschleunigen angesichts des Mannes auf der Bank ihren Schritt und stellen die Krägen hoch. Mütter halten ihre neugierigen Kleinen vorauseilend zurück. Ich warte lange, niemand würdigt ihm eines Blickes trotz der Kälte.

Dienstag. Noch immer ist es eisig kalt.

Ich darf nach Hause. Mein Sohn holt mich ab.

Erschüttert erzählt er, dass die Polizei gerade die Leiche eines Obdachlosen zudeckt. Es ist elf Uhr vormittags. Wie lange lag er wohl da, bis ihn jemand entdeckt hatte?

Etwas später verlassen wir das Spital. Die Bank ist leer, der Platz aufgeräumt. Nichts erinnert mehr an den Mann.

Wir halten kurz inne- und gehen weiter.

Kälte macht sich breit in unserem Land. (Gertrude Wilfing, 2.5.2016)

Gertrude Wilfing ist Sonderpädagogin in Kefermarkt.

  • Obdachloser im Park bei der Kunstaktion "Campen im Park" 2013.
    foto: christian fischer

    Obdachloser im Park bei der Kunstaktion "Campen im Park" 2013.

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