Islamfeindlicher Nebel im Londoner Wahlkampf

3. Mai 2016, 09:00
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Am Donnerstag wird in London ein neuer Bürgermeister gewählt. Labour-Kandidat Sadiq Khan liegt in den Umfragen vorne

London, glaubt Zac Goldsmith, stehe "am Rande einer Katastrophe". Laut Umfragen gewinne bei der Kommunalwahl am Donnerstag der Kandidat der "weit links stehenden, intoleranten, wirtschaftsfeindlichen Labour-Party, die Terroristen für ihre Freunde hält". Der Artikel des konservativen Bewerbers fürs Bürgermeisteramt der 8,5-Millionen-Metropole erschien am Sonntag in der vielgelesenen Mail on Sunday.

Mit keinem Wort erwähnte er die Religion des Gegenkandidaten. Das war auch nicht nötig, denn das dazugehörige Bild jagt das Londonern einen Schauer über den Rücken. Es zeigt das Wrack jenes roten Doppeldeckers, den ein islamistischer Terrorist im Juli 2005 in die Luft sprengte, nachdem drei Gesinnungsgenossen in Londoner U-Bahn-Zügen für blutiges Chaos gesorgt hatten. 52 Menschen wurden damals getötet. Der Rädelsführer der vier Massenmörder hieß Mohammed Siddique Khan. Der Name des Labour-Kandidaten? Sadiq Khan.

"Gefühl des Unwohlseins"

Als der Anwalt und Unterhaus-Abgeordnete für den armseligen Londoner Bezirk Tooting im Herbst von Labour aufs Schild gehoben wurde, testeten Meinungsforscher die Haltung des Wahlvolks. Ein Drittel bekannte sich zu einem "Gefühl des Unwohlseins" beim Gedanken an einen gläubigen Muslim im Rathaus. Im Lauf der Kampagne aber lag der 45-jährige Khan in allen Umfragen weit vor dem Tory-Konkurrenten Goldsmith. Seine Biografie drückt das Lebensgefühl der Weltstadt aus, wo Weiße nur noch knapp in der Mehrheit sind. Als Sohn einer Näherin und eines Busfahrers aus Pakistan geboren, mit sieben Geschwistern in Tooting aufgewachsen, Staatsschule, Jusstudium, profilierter Menschenrechtsanwalt. Im letzten Labour-Kabinett war Khan Staatssekretär für Verkehr.

Er bewies stets Distanz zu Fundamentalisten: Britische Muslime sollten sich besser integrieren und Englisch lernen, argumentierte er schon 2008. Wichtig seien vor allem mehr Mitspracherechte für Frauen, auch in Moscheen. Sein Votum für die Schwulenehe brachte ihm Morddrohungen islamistischer Fanatiker ein. Im Falle seiner Wahl zum Bürgermeister wäre er Symbolfigur für die gelungene Integration ethnischer Minderheiten, darunter auch der überwältigenden Mehrheit der britischen Muslime.

Viele Übereinstimmungen

Anders als Khans Glaube spielt die jüdische Herkunft des Tory-Kandidaten in der Debatte keine Rolle. Auch Goldsmith selbst erwähnt sie mit keinem Wort. Das Leben habe es "gut mit ihm gemeint", teilt der Unterhaus-Abgeordnete für den feinen Vorort Richmond gern mit: Sohn eines Fotomodells und des EU-feindlichen Milliardärs und Gründers der Referendum Party, James Goldsmith; in zweiter Ehe mit einer Rothschild verheiratet; laut Sunday Times mit einem Familienvermögen von 359 Millionen Euro. Goldsmith hat sich als Umweltaktivist einen Namen gemacht. Wie Amtsinhaber Boris Johnson gilt er als Parteirebell und EU-Feind.

Inhaltlich stimmen die Kontrahenten in vielen Punkten überein: Die Stadt brauche Investitionen im Nahverkehr, leide an einer Krise im Wohnbau, müsse Radfahrer fördern und die Luftverschmutzung verringern. Die Weltstadt, die ein Fünftel des britischen Sozialprodukts erwirtschaftet, finanziert sich nur zu zehn Prozent aus lokaler Immobiliensteuer, 90 Prozent des Etats kommen vom Finanzministerium. Ein Bürgermeister ist vor allem Bittsteller und Botschafter für seine Stadt.

Die Konservativen beteuern stets, es gehe weder um Herkunft noch um Religion. Gleichzeitig werben sie unter Sikhs und Hindus mit Flugblättern, die das Misstrauen gegenüber Muslimen schüren. Mit den jüngsten Angriffen auf Khan hat Goldsmith das Duell personalisiert. In der toleranten, eher links orientierten Stadt könnte das leicht nach hinten losgehen. (Sebastian Borger aus London, 3.5.2016)

  • Sadiq Khan (re.), muslimischer Kandidat für das Bürgermeisteramt in London, nimmt die Angriffe von Kontrahent Zac Goldsmith gelassen.
    foto: foto: reuters / neil hall

    Sadiq Khan (re.), muslimischer Kandidat für das Bürgermeisteramt in London, nimmt die Angriffe von Kontrahent Zac Goldsmith gelassen.

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