Yasumasa Morimura: Requiem für ein Harakiri

Ansichtssache3. Mai 2016, 07:00
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Er schlüpfte in die Rolle von Marilyn, Madonna und der Dietrich, imitierte Kunstikonen, ergründet nun aber auch fragwürdige politische Führer: In Wien und Zurndorf gibt die Sammlung Friedrichshof Einblicke in das Werk von Yasumasa Morimura

Wien/Zurndorf – Für seinen Putschversuch buhten ihn die Soldaten nur aus. Spott und Beschimpfung war das Einzige, was Yukio Mishima am 25. November 1970 für seinen Appell gegen Verweichlichung und für die Rückbesinnung auf Samurai-Tugenden und die Herrschaft des Tenno – des Kaisers – erntete. Ja, im Gegröle sollen seine leidenschaftlich gebrüllten Rufe gegen linke Politik, Verwestlichung und für japanische Traditionen, sein infernalisches "Steht auf und sterbt!" angeblich sogar untergegangen sein.

Dabei war der japanische Literat zuvor mit einigen Getreuen seiner rund 80-köpfigen Privatarmee Tatenokai (dt. "Schildgesellschaft") in fantasiepreußischen Uniformen mit Gewalt ins Tokioter Heereshauptquartier eingedrungen und hatte einen General als Geisel genommen. Die Rede auf dem Kasernenhof war der Deal für dessen Freilassung. Nach der Demütigung zog sich Mishima zurück und beging Seppuku, also rituellen Selbstmord – oder wie man hierzulande sagt: Harakiri.

Spiel mit Identitäten

Das ist nun also die historische Figur und die Begebenheit, die Yasumasa Morimura 2006 in seiner Videoperformance A Requiem, 1970 am Originalschauplatz reinszeniert hat und die nun als Teil einer kleinen Soloausstellung der Sammlung Friedrichshof in Wien und Zurndorf zu sehen ist.

colin liddell
Ausschnitt aus dem Video "A Requiem: Mishima, 1970" (2006)

Seit den 1990er-Jahren schlüpft der japanische Künstler in verschiedenste – zunächst primär weibliche Rollen, ja, stellte berühmte Foto- und Filmszenen, aber auch Kunstwerke nach – ganz so wie Cindy Sherman, die mit ihrer Serie der Untitled Film Stills (1977-1980) berühmt wurde: Darin verkörperte sie verschiedenste Frauentypen – Kunstfiguren aus Film noir und B-Movies der 1940er- und 1950er-Jahre und bis zur Persiflage überzeichnete weibliche Stereotype. Es ist ein Spiel mit Identität als sozialem Konstrukt; obwohl bei Morimura das Moment des Crossdressings freilich dem Gender-Aspekt eine größere Rolle zukommen lässt.

"In keiner meiner Arbeiten enthülle ich mich, ich verstecke mich eher, lösche meine Identität aus", sagte Sherman 2012 im STANDARD-Interview. Und das Gleiche würde man so auch für Yasumasa Morimura annehmen: In seiner wohl wichtigsten Serie reinszenierte er zu Ikonen gewordene Fotos mit Film- und Popstars wie Audrey Hepburn, Ingrid Bergman, Marilyn Monroe oder Madonna. Diese zwischen 1993 und 2000 entstandene Werkgruppe heißt allerdings One Hundred M's self-portraits. Obendrein gibt Morimura in der Serie nicht nur den glamourösen Star, sondern auch das namenlose Pin-up oder den körperlosen Kopf in einem Stillleben.

Mit sorgfältig gemalten Fotokulissen, Requisiten, Kostümen jeder Menge Make-up und schließlich digitaler Bildbearbeitung imitierte der 1951 in Osaka geborene Morimura das fotografische Abbild. Aber nicht nur das: Er wurde auch zum Gemälde, etwa zu Frida Kahlos Selbstbildnis mit Affen, zur nackten Parodie von Edouard Manets Barmädchen im Pariser Varieté Les Folies-Bergère oder zu jeder einzelnen Figur in Las Meninas von Diego Velázquez. Die "Hoffräulein" inspirierten eine ganze Serie, aus der nun in Wien drei Beispiele zu sehen sind.

Westliche Assimilation

Sich selbst als Splitter einer westlich dominierten Unterhaltungskultur und Kunstgeschichte zu sehen, das ist auch eine mögliche Lesart von Morimuras Kunst der Aneignung. Eine Interpretation vor dem Hintergrund der sehr früh und sehr intensiv betriebenen Assimilation westlicher Lebensart in seiner Heimat.

Die Sammlung Friedrichshof gibt leider wenig Anhaltspunkte zur Erhellung von Morimuras Werk. Ein Katalog zur Ausstellung soll später folgen. Man begnügt sich vor dem Hintergrund des eigenen aktionistischen Erbes, den Performanceaspekt zu erwähnen, womit wir wieder bei der höchst ambivalenten Figur Mishimas sind, des hochbegabten Schriftstellers, der dreimal für den Nobelpreis im Gespräch war: Zunächst stark von westlicher Kultur beeinflusst, entwickelte er politisch immer mehr Rechtsneigung, tagsüber war er Ehemann, Familienvater, nachts homoerotischer Ausflügler.

Das Politische wird es dennoch weniger gewesen sein, was Morimura an Mishima interessierte: An einer nationalen Kultur hätte er keinerlei Interesse, sagte er in einem Interview. Wahrscheinlicher ist es die Prägung durch archaische Männlichkeitsbilder, der Anteil des Susanoo, eines mit Gewalt assoziierten Gottes des Sturmes, in der Persönlichkeit. In Mishimas Abschiedsbrief stand: "Es war schon seit langem mein Wunsch, nicht als Literat, sondern als Soldat zu sterben." (Anne Katrin Feßler, 3.5.2016)

Info

Ausstellung "Yasumasa Morimura. One Hundred M's self-portraits", bis 20. 11. (in Kooperation mit der Luhring Augustine Gallery in New York)
Sammlung Friedrichshof, Zurndorf (Römerstrasse 7) und Sammlung Friedrichshof Stadtraum, Wien (Schleifmühlgasse 6/im Hof)

Zur gleichen Zeit eröffnete in Zurndorf auch eine Neupräsentation der Sammlung Wiener Aktionismus.

Biografie

Yasumasa Morimura (geb. 1951 in Osaka) ist aktuell erstmals eine große Personale in National Museum of Modern Art, in seiner Heimatstadt Osaka gewidmet. Namhafte Ausstellungen fanden 2013 etwa im Andy Warhol Museum in Pittsburgh oder im the Hara Museum in Tokio statt. 2014 war Morimura künstlerischer Direktor der Yokohama Triennale.

foto: yasumasa morimura; courtesy of the artist and luhring augustine, new york
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In der Serie "A Requiem" nähert sich Yasumasa Morimura, durchaus parodistisch, Protagonisten der Gewalt des 20. Jahrhunderts. (im Bild: "A Requiem: Where is the Dictator?")

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